
Extremismus-Verdacht
Schongau-Spur führt zu Christchurch
Nach dem Angriff auf zwei 13-jährige Schülerinnen ermitteln Extremismus-Spezialisten. Ein mutmaßliches Täterdokument verweist auf Hass gegen Muslime, Frauen und Minderheiten – und auf eine Online-Szene, die Massenmörder zu Vorbildern erhebt.
Mittwoch, 15.07.2026, 11:14 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 15.07.2026, 11:19 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Zunächst war von einer Amoktat die Rede. Ein 16-jähriger ehemaliger Schüler soll am 8. Juli am Welfen-Gymnasium im oberbayerischen Schongau einen Schuss abgegeben und anschließend zwei 13-jährige Mädchen mit einem Messer schwer verletzt haben. Mitarbeiter der Schule überwältigten ihn, wenig später wurde er festgenommen. Die Schülerinnen, offenbar Zufallsopfer, waren nach der medizinischen Behandlung außer Lebensgefahr. Mitschüler leisteten Erste Hilfe – und retteten damit wahrscheinlich einem der Mädchen das Leben.
Sechs Tage nach dem Angriff bekam der Fall eine neue Dimension: Die Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus übernahm die Ermittlungen. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft München haben sich „Anhaltspunkte für eine extremistische Tatmotivation“ ergeben. Gegen den Jugendlichen wird wegen des Verdachts des zweifachen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung ermittelt.
Auslöser für den Extremismusverdacht ist offenbar ein 19-seitiges, englischsprachiges Dokument, das dem Beschuldigten zugeschrieben wird. Seine Urheberschaft ist öffentlich noch nicht abschließend bestätigt. Alter, Vorname, Schulprobleme und weitere biografische Angaben sollen jedoch mit dem Jugendlichen übereinstimmen. Die Ermittlungsbehörden äußern sich wegen des laufenden Verfahrens nicht zu Einzelheiten.
Ein Dokument voller Feindbilder
Der Text ist Medienberichten zufolge von Hass geprägt. Er beschimpft Muslime, jüdische Menschen, schwule und trans Personen, Menschen mit Übergewicht, Mitschüler, Lehrkräfte und die eigene Familie. Der Verfasser bezeichnet sich Medienberichten zufolge als rechtsgerichtet und als „faschistischen Akzelerationisten“. Damit ist eine rechtsextreme Vorstellung gemeint, nach der Anschläge gesellschaftliche Konflikte verschärfen, eine Gewaltspirale auslösen und schließlich die Demokratie zum Einsturz bringen sollen.
Besonders schwer wiegen Hinweise auf mögliche Anschlagspläne gegen muslimische Einrichtungen. Der Verfasser soll Angriffe auf zwei Moscheen in oder nahe Schongau erwogen und einen der schwersten islamfeindlichen Terroranschläge der jüngeren Geschichte als entscheidendes Vorbild genannt haben: den Moscheemord von Christchurch.
Christchurch als Vorbild
Am 15. März 2019 griff ein Rechtsterrorist in der neuseeländischen Stadt Christchurch zwei Moscheen während des Freitagsgebets an. Er ermordete 51 Menschen und verletzte 40 weitere durch Schüsse. Der jüngste Ermordete war drei Jahre alt, der älteste 77. Die staatliche Untersuchung stufte das Weltbild des Täters als rechtsextrem, ethnonationalistisch und islamfeindlich ein.
Der Attentäter hatte die Tat nicht nur geplant, sondern gezielt für ein Publikum inszeniert. Kurz vor dem Angriff verbreitete er ein Tatbegleitschreiben. Anschließend übertrug er einen Teil des Mordens live ins Internet und sprach währenddessen zu den Zuschauern.
Diese Verbindung aus islamfeindlichem Terror, schriftlicher Selbstdarstellung und Livestream machte Christchurch zum Vorbild für spätere Gewalttäter. Auch im Fall von Schongau prüfen die Ermittler Hinweise, wonach der Angriff live übertragen werden sollte.
Ein digitaler Kult um Massenmörder
Das Bundesamt für Verfassungsschutz bezeichnet die sogenannte Attentäterfanszene als gewaltorientierte Online-Subkultur. Dort werden sowohl Schulattentäter als auch Rechtsterroristen verehrt. Täter werden nach der Zahl ihrer Opfer bewertet oder in Bildmontagen als Heilige dargestellt.
Eine geschlossene Ideologie haben diese Gruppen nicht. Sie verbinden Verschwörungserzählungen über einen angeblichen Austausch der Bevölkerung mit Vorstellungen von „weißer“ Vorherrschaft, Frauenhass und allgemeiner Menschenverachtung. Entscheidend ist weniger, ob die verehrten Täter dieselben Überzeugungen hatten. Sie werden bewundert, weil sie viele Menschen ermordeten, ihre Taten dokumentierten und weltweite Bekanntheit erlangten. Auch der mutmaßliche Verfasser des Schongauer Dokuments soll neben dem Christchurch-Attentäter mehrere Schul- und Massenmörder verherrlicht haben.
Der 16-Jährige war den Sicherheitsbehörden schon vor dem Angriff bekannt. Wegen zweier Vorfälle aus dem Jahr 2025 wurde gegen ihn ermittelt. Er soll Mitschüler bedroht und in sozialen Netzwerken Amokläufe verherrlicht haben. Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft lagen damals keine Haftgründe vor. (mig) Aktuell Panorama
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