Joachim Glaubitz, MiGAZIN, Menschenrechte, Flucht, Migration, Asyl, Rechtsextremismus
Joachim Glaubitz © privat, Zeichnung: MiG

Auf in die Kneipen

Gegen jeden Fatalismus!

Die AfD wird stärker, rechtsextreme Einstellungen werden sichtbarer, demokratische Institutionen geraten unter Druck. Doch Gegenwart ist keine festgelegte Zukunft: Demokratie bleibt dort offen, wo Menschen gemeinsam handeln.

Von Mittwoch, 08.07.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 08.07.2026, 7:56 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Man kann den Eindruck bekommen, als sei die Richtung längst festgelegt. Die AfD gewinnt an Zustimmung, rechtsextreme Einstellungen werden sichtbarer und normaler, demokratische Institutionen stehen unter Druck, Debatten verschieben sich immer weiter nach rechts. Wer die politische Gegenwart beschreibt, landet schnell bei einer linearen Erzählung: Es wird schlimmer, dann noch schlimmer, und am Ende scheint der Rechtsruck manchmal wie eine unaufhaltbare Bewegung.

Diese Diagnose ist sicherlich nicht falsch und beschreibt schlichtweg die reale Entwicklung. Sie ist aber eine Analyse der Gegenwart und eine Prognose für die Zukunft. Was sie nicht ist: festgelegte Geschichtsschreibung.

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Für den französischen Philosophen Alain Badiou ist Geschichte nicht einfach die Fortsetzung bestehender Entwicklungen. Eine Situation mag noch so stabil erscheinen, sie bleibt offen für Brüche. In seinen Werken findet man immer wieder den Begriff des „Ereignisses“. Das ist ein Moment, in dem etwas möglich wird, das innerhalb der bisherigen Ordnung kaum denkbar war. Es ist nicht planbar, nicht berechenbar, nicht aus Umfragen ableitbar. Aber es kann eine neue politische Wahrheit eröffnen.

Was bedeutet das für die Situation, in der wir stecken?

„Die wichtigste Ressource demokratischer Arbeit ist die Weigerung, gegenwärtige Entwicklungen mit der Zukunft zu verwechseln.“

Wir können gegenwärtige Entwicklungen ernst nehmen, ohne sie vorschnell zur unausweichlichen Zukunft zu erklären. Die wichtigste Ressource demokratischer und sozialer Arbeit ist nicht blinder Optimismus, sondern die Weigerung, gegenwärtige Entwicklungen mit der Zukunft zu verwechseln.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die Orte, an denen Zukunft überhaupt noch offen bleiben kann. Nicht, weil dort bereits das große politische Ereignis stattfindet. Sondern weil dort Bedingungen entstehen können, unter denen Menschen sich als gemeinsame Handelnde erfahren und neue Möglichkeiten überhaupt denkbar werden.

Das klingt zunächst abstrakt, wird aber sehr konkret, wenn man auf eine scheinbar kleine Randnotiz in den Medien schaut: Der Dresdner Politikwissenschaftler Oliviero Angeli warnte vor kurzem in einem Artikel der „Zeit“, dass das Kneipensterben schlecht für die Demokratie sei.

„Kneipen sind demokratische Infrastruktur.“

Das Trinken und das Flair der Tresen macht noch niemanden demokratischer. Aber Kneipen sind Orte, an denen Menschen einander begegnen, die sonst wenig miteinander zu tun haben. Dort geht es nicht sofort um große ideologische Konflikte, sondern um Alltagsfragen: den Stress in der Arbeit, die Nachbarschaft oder Erlebnisse mit der Familie und Freunden.

Solche Räume sind demokratische Infrastruktur. Natürlich erzeugen sie nicht ein politisches Ereignis im Sinne Badious. Aber sie halten etwas offen: die Möglichkeit, dass Menschen sich nicht nur als Zielgruppen, Gegner oder Milieus begegnen, sondern als Handelnde in einer gemeinsamen Welt.

Genau darin liegt eine wichtige Lehre für Sozial- und Demokratiearbeit. Geflüchtete Menschen dürfen nicht nur als Adressat:innen von Angeboten erscheinen; Bürger:innen nicht nur als Zielgruppen politischer Bildung; Jugendliche nicht nur als Risikogruppe. Entscheidend ist, Räume zu schaffen, in denen Menschen gemeinsam etwas tun, entscheiden, streiten, gestalten.

Denn neue politische Möglichkeiten entstehen nicht dort, wo Menschen nur verwaltet werden. Sie entstehen dort, wo Menschen erfahren, dass Zusammenleben anders organisiert werden kann, als es die bestehenden Routinen nahelegen. In Nachbarschaftszentren, Jugendclubs, migrantischen Selbstorganisationen, Stadtteilcafés, Vereinen – und ja, auch in Kneipen.

„Demokratiearbeit wäre nicht nur Prävention gegen den Rechtsruck. Sie wäre Arbeit am Möglichkeitsraum.“

Demokratiearbeit wäre dann nicht nur Prävention gegen den Rechtsruck. Sie wäre Arbeit am Möglichkeitsraum. Sie würde nicht nur fragen: Wie verhindern wir Radikalisierung? Sondern auch: Wo entstehen neue Formen des Zusammenlebens? Wo erleben Menschen Gleichheit praktisch? Wo wird aus Begegnung gemeinsame Handlung?

Badiou erinnert daran, dass Geschichte offen bleibt. Aber diese Offenheit fällt nicht vom Himmel. Man kann ein Ereignis nicht herstellen wie ein Projektziel. Doch man kann Bedingungen schaffen, unter denen das Neue nicht von vornherein ausgeschlossen wird. Räume öffnen. Menschen nicht sortieren. Begegnung ermöglichen und Konflikte austragen, ohne den anderen zum Feind zu machen.

Vielleicht beginnt demokratische Erneuerung also nicht mit dem großen Programm, sondern mit der hartnäckigen Arbeit an Orten, an denen Menschen sich anders begegnen können, an denen die Zukunft noch nicht entschieden ist.

Wir sehen uns in der Kneipe! (mig) Meinung

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