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Fans Jubeln nach einem Tor der Deutschen Nationalmannschaft © Ina Fassbender/AFP

WM-Jubel

Rechtsextremismus im Fahnenmeer

In Kassel, Berlin und Wunsiedel hat die Polizei nach dem WM-Spiel gegen die Elfenbeinküste Hitlergrüße und rassistische Ausfälle gemeldet – weil dort Fußballfans widersprochen haben. Darüber hinaus ist nicht viel zu hören.

Von Montag, 22.06.2026, 11:52 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 22.06.2026, 11:52 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Es gibt diese Momente, in denen Schwarz-Rot-Gold nicht nach Abgrenzung aussieht, sondern nach gemeinsamem Jubel. Ein Tor der deutschen Nationalmannschaft, Menschen auf Balkonen, in Wohnzimmern, vor Spätis, auf Marktplätzen, in Autokorsos. Kinder mit Trikots, Erwachsene mit Fahnen, Stimmengewirr in vielen Sprachen. Ein Deutschland, das nicht in alte Schablonen passt.

Gerade deshalb sind die jüngsten Vorfälle nach dem WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste mehr als lokale Polizeimeldungen. Sie zeigen, wie selbstverständlich Rechtsextremismus inzwischen wieder im öffentlichen Raum auftritt. Nicht versteckt. Nicht codiert in Hinterzimmern. Sondern mitten im Fahnenmeer.

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In Kassel hat ein 28-Jähriger laut Polizei bei einem Autokorso auf dem Dach eines Autos stehend den Hitlergruß gezeigt. Sichtbar für alle. In einer Situation, in der viele Menschen einfach feiern wollten. Der Wagen trug ein Kennzeichen mit der Zeichenfolge „HH-88“: „HH“ steht in der Szene für „Heil Hitler“, die Zahl 88 für denselben Code, weil H der achte Buchstabe im Alphabet ist. Der Staatsschutz ermittelt.

In Berlin-Prenzlauer Berg soll ein 40-Jähriger beim Public Viewing rassistische Aussagen über Nationalspieler und den Schiedsrichter gemacht und eine rechtsextreme Geste gezeigt haben. Als ein 22-Jähriger einschritt, soll er aus der Gruppe heraus beleidigt und bedroht worden sein. Die Polizei ermittelt.

„Irgendwann wird aus der Erklärung eine Entlastungsformel. Und aus der Entlastungsformel wird Gewöhnung.“

In Wunsiedel soll ein 24-Jähriger beim Public Viewing ebenfalls den Hitlergruß gezeigt und die dazugehörige Parole skandiert haben. Auch dort griffen Fußballfans ein, unterbanden das Verhalten und alarmierten die Polizei.

Drei Orte, ein Spiel, ein Muster.

Natürlich kann man jeden dieser Fälle einzeln betrachten. Alkohol, Gruppendynamik, aufgeheizte Stimmung, Dummheit, Provokation. Das alles wird in solchen Situationen gern als Erklärung nachgeschoben. Doch irgendwann wird aus der Erklärung eine Entlastungsformel. Und aus der Entlastungsformel wird Gewöhnung.

Der Hitlergruß ist keine Laune. Rassistische Beschimpfungen von Nationalspielern sind keine Ausrutscher. Wer solche Gesten und Parolen in die Öffentlichkeit trägt, weiß in der Regel sehr genau, was er tut. Er testet Grenzen. Und er testet, wer widerspricht.

„Die Statistik beginnt nicht beim Hitlergruß. Sie beginnt beim Widerspruch.“

Bemerkenswert ist deshalb, wer in diesen Fällen sichtbar widersprochen hat: Passanten, Fußballfans, einzelne Menschen vor Ort. Menschen, die nicht weggesehen haben. Menschen, die Polizei riefen. Menschen, die Zivilcourage zeigten. Ohne sie wären diese Vorfälle nicht registriert worden. Das ist die unbequeme Wahrheit: Erfasst wird sichtbarer Rechtsextremismus oft erst dann, wenn andere ihn melden. Die Statistik beginnt nicht beim Hitlergruß. Sie beginnt beim Widerspruch.

Umso auffälliger ist die Leerstelle darüber hinaus. Wo bleibt die große öffentliche Ansage aus dem Fußball? Wo bleibt die erkennbare Einordnung aus der Politik?

Der DFB spricht seit Jahren von Vielfalt, Respekt und Anti-Rassismus. Er hat Initiativen, Programme, Kooperationen. Das ist richtig und wichtig. Aber Wertearbeit entscheidet sich nicht nur in Broschüren, Kampagnen und Gremien. Sie entscheidet sich in Momenten, in denen das Problem sichtbar wird. Gerade dann braucht es mehr als allgemeine Bekenntnisse. Wenn Deutschlandfans Zivilcourage zeigen, darf der DFB Schweigen nicht zur Turnierstrategie machen.

„Wenn Deutschlandfans Zivilcourage zeigen, darf der DFB Schweigen nicht zur Turnierstrategie machen.“

Denn die deutsche Nationalmannschaft ist längst selbst der Gegenentwurf zu dem Weltbild, das Rechtsextreme auf Autodächer und Marktplätze tragen. Auf dem Platz stehen Spieler mit unterschiedlichen Biografien, Familiengeschichten und Wurzeln. Auf den Straßen jubeln Menschen, deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei, Polen, Ghana, Syrien, Italien, Russland, Marokko oder sonst woher kamen. Sie jubeln als Teil dieser Gesellschaft.

Das ist der Punkt, den Rechtsextreme nicht ertragen. Für sie soll Schwarz-Rot-Gold wieder enger werden. Ausschließender. Härter. Weißer. Wer den Hitlergruß im Autokorso zeigt, feiert nicht Deutschland. Er markiert Besitzanspruch.

Nein, Deutschlandfahnen sind nicht automatisch problematisch. Ein Autokorso ist keine Gefahr für die Demokratie. Public Viewing ist kein politisches Bekenntnis. Viele Menschen wollen schlicht Fußball schauen, hoffen, bangen, jubeln.

„Ein Land, das sich an solche Zustände gewöhnt, verliert irgendwann auch auf dem Platz.“

Aber genau deshalb darf man denjenigen das Feld nicht überlassen, die diese gemeinsamen Momente kapern wollen. Die Deutschlandfahne wird nicht durch Kritik beschädigt. Sie wird beschädigt, wenn unter ihr der Hitlergruß gezeigt wird. Sie wird beschädigt, wenn Nationalspieler rassistisch beschimpft werden. Sie wird beschädigt, wenn Hass im Jubel untergeht.

Ein Land, das sich an solche Zustände gewöhnt, verliert irgendwann auch auf dem Platz – ohne seine Amiris, Tahs, Ouedraogos; die Özils hat man bereits grandios verloren. Es verliert aber auch die Fähigkeit, noch zu erschrecken. Und genau das ist der gefährlichste Teil dieser Entwicklung: nicht der einzelne Rechtsextreme, der sich zeigt, sondern die Gesellschaft, die beginnt, ihn hinzunehmen.

Ein vielfältiges Deutschland kann gemeinsam jubeln. Aber es muss auch gemeinsam widersprechen. Laut. Sichtbar. Unmissverständlich. (mig) Meinung

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