
Sachsen-Anhalt
Sorge vor Wahlausgang: Migranten denken ans Wegziehen
Drei Monate vor der Landtagswahl warnen Migrantenorganisationen vor wachsender Angst in Sachsen-Anhalt. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte denken ans Wegziehen – mit Folgen für Schulen, Kitas, Arztpraxen und Betriebe.
Sonntag, 14.06.2026, 11:15 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 14.06.2026, 11:36 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Drei Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben Vertreter von Migrantenorganisationen Zukunftssorgen geäußert. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte hätten Angst, sagte die Geschäftsführerin des Landesnetzwerks Migrantenorganisationen, Undra Dreßler, in Magdeburg. „Sie sind verunsichert. Sie fragen sich, ob sie in Sachsen-Anhalt noch eine sichere Zukunft haben.“ Bei der Landtagswahl am 6. September sollten die Wähler für Menschenwürde, Demokratie und eine weltoffene Gesellschaft stimmen, sagte Dreßler.
In Umfragen lag die vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD zuletzt deutlich vorn. Die Partei will in der Migrationspolitik vieles verändern.
Abwarten bis zum 6. September
Etwa 80 Prozent der Befragten würden darüber nachdenken, Sachsen-Anhalt zu verlassen, betonte Dreßler unter Verweis auf Umfragen im eigenen Netzwerk. Sie kenne viele Menschen, die sagten, „ich beobachte bis 6. September und entscheide am 7. September, wie meine Zukunft aussieht und wo“.
Die Organisationen warnen vor den Folgen. „Das Problem Sachsen-Anhalts ist nicht die Zuwanderung, das Problem ist Abwanderung“, sagte Dreßler. „Wo Menschen wegziehen, schließen Schulen, Kitas, Arztpraxen, Kliniken, Betriebe.“
Unternehmen brauchen ausländische Fachkräfte
Auch Mathias Schönenberger von der Industrie- und Handelskammer Magdeburg (IHK) verwies darauf, dass qualifizierte Zuwanderung eine wirtschaftliche Notwendigkeit sei. Schon jetzt würden 14 Prozent aller geschlossenen Ausbildungsverträge im IHK-Bezirk mit ausländischen Menschen geschlossen, sagte er. Die Mitgliedsunternehmen würden junge Menschen aus 75 Nationen ausbilden. „Diese internationale Vielfalt ist längst Teil des betrieblichen Alltags“, sagte Schönenberger.
Der Soziologe Daniel Kubiak von der Humboldt-Universität Berlin betonte, wer gut ausgebildete Fachkräfte halten wolle, müsse auch etwas dafür tun. „Das passiert nicht einfach so.“ Es gehe zudem um eine gesellschaftliche Akzeptanz, dass Sachsen-Anhalt schon lange ein Land mit Migrationsgesellschaft sei. 220.000 Menschen in Sachsen-Anhalt hätten Migrationsbiografien, so Kubiak.
Wissenschaftler warnen vor Folgen eines AfD-Wahlsiegs
Olga Ebert vom Förderverein der Deutschen aus Russland drängt auf mehr Engagement gegen Rassismus an Schulen. „Was wir an Schulen erleben, beunruhigt uns sehr“, sagte die Landesvorsitzende. Sie forderte die Landesregierung auf, die Zusammenarbeit mit migrantischen Organisationen auszubauen, damit diese bei Schwierigkeiten vor Ort helfen könnten.
Bereits zuvor hatten führende Wissenschaftler aus Sachsen-Anhalt vor möglichen Folgen eines AfD-Wahlsiegs für Forschung und Hochschulen gewarnt. Die Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Bettina Rockenbach, und der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Reint Gropp, äußerten sich in einem Podcast des Leipziger Senders «detektor.fm» besorgt über die Entwicklung vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Attraktivität des Standorts gefährdet
Sie sehen vor allem die internationale Attraktivität des Wissenschaftsstandorts gefährdet. Ein Wahlsieg der AfD könne das gesellschaftliche Klima verändern. Menschen könnten sich dann ermächtigt fühlen, gegen Ausländer zu pöbeln. Bereits heute berichteten internationale Beschäftigte von Erfahrungen mit Polizeikontrollen. Einige machten Umwege, wenn sie Polizisten sähen, weil sie sich bedroht fühlten.
Derzeit sind den Angaben zufolge rund 120 Organisationen und Einzelpersonen unterschiedlicher Herkunft, kultureller Prägung sowie religiöser Zugehörigkeit im Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt vertreten. (dpa/mig) Aktuell Panorama
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