Frankfurt a.M. Stadt, Fluss, Panorama, Skyline
Frankfurt a.M. © ojbyrne @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Saint-Denis und Frankfurt

Zwei Wege postmigrantischer Urbanität

Im französischen Saint-Denis wird ein kommunaler Machtwechsel zur nationalen Debatte über Migration, Zugehörigkeit und politische Macht. Der Vergleich mit Frankfurt macht sichtbar, wie unterschiedlich postmigrantische Repräsentation politisch aufgeladen oder entdramatisiert wird.

Von Donnerstag, 11.06.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 11.06.2026, 9:39 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |  

Die Wahl von Bally Bagayoko zum Bürgermeister der Stadt Saint-Denis entwickelte sich 2026 schnell zu einem politischen Symbolfall in Frankreich. Der Kandidat von La France Insoumise gewann die Kommunalwahl bereits im ersten Wahlgang deutlich gegen den bisherigen sozialistischen Amtsinhaber. Was zunächst wie ein lokaler Machtwechsel erschien, wurde innerhalb weniger Tage zu einer landesweiten Debatte über Migration, Zugehörigkeit und politische Repräsentation.

Besonders auffällig war die massive Welle rassistischer Reaktionen in sozialen Netzwerken und konservativen Medien. Bagayoko wurde nicht nur politisch kritisiert, sondern offen rassistisch beleidigt. Die Schärfe der Reaktionen machte deutlich, dass seine Wahl für viele Beobachter symbolisch für ein Frankreich steht, das sich gesamtgesellschaftlich verändert – und genau deshalb polarisiert.

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Dabei ist wichtig, zwischen der Stadt Saint-Denis und dem Département Seine-Saint-Denis zu unterscheiden. Saint-Denis ist eine einzelne Kommune innerhalb des Départements Seine-Saint-Denis, das seit Jahrzehnten als sozial und kulturell vielfältiger, zugleich aber bedeutend stigmatisierter Raum der Pariser Metropolregion gilt. Die Region steht in Frankreich immer wieder im Zentrum von Debatten über Migration, Armut, Kriminalität und gesellschaftliche Teilhabe.

Bagayoko selbst versuchte nach seinem Wahlsieg, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen. Er sprach öffentlich über gesellschaftlichen Zusammenhalt und wandte sich gegen rassistische Hetze. Dennoch wurde schnell deutlich, dass seine Wahl weit über die lokale Ebene hinaus Bedeutung erhalten hatte. Sie wurde zu einer Debatte darüber, wer heute das urbane Frankreich repräsentiert.

Gerade hier wird der Vergleich mit Frankfurt am Main interessant. Denn auch Frankfurt ist die bundesweit am stärksten von Migration berührte Großstadt. In der Stadt Anne Franks leben Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Ferner gehören Politiker mit Migrationsgeschichte längst zum öffentlichen Leben, was jedoch früher weniger der Fall war. Dennoch verlaufen vergleichbare Entwicklungen in Frankfurt deutlich weniger konflikthaft als in Frankreich.

Frankfurt und Paris: Zwei unterschiedliche urbane Modelle

Sowohl Paris als auch Frankfurt gehören zu den wichtigsten urbanen Zentren Europas. Beide Städte sind international in beinahe allen erdenklichen Bereichen vernetzt, wirtschaftlich bedeutend, somit unzweideutig auf migratorische sowie postmigrantische Leistungen angewiesen. Allerdings unterscheiden sie sich deutlich in ihrer politischen Kultur, metropolitanen Struktur (Paris) und dem regionalen Raum (Frankfurt).

Paris ist historisch zentralisiert. Die französische Hauptstadt bündelt u.a. politische, kulturelle und wirtschaftliche Macht in außergewöhnlicher Weise. Dadurch werden soziale Unterschiede zwischen Zentrum und Peripherie besonders sichtbar. Ihre Banlieues (Vorstädte) – darunter Seine-Saint-Denis – stehen seit Jahrzehnten für soziale Ungleichheit, territoriale Stigmatisierung und Konflikte um gesamtgesellschaftliche Zugehörigkeit.

Frankfurt entwickelt sich dagegen als funktional integrierte Metropole innerhalb der polyzentrischen Rhein-Main-Region. Die Stadt ist Finanzzentrum, Verkehrsknotenpunkt, internationaler Arbeitsmarkt und Kulturmetropole zugleich. Migration erscheint in der Pendlerhauptstadt Deutschlands weniger als Ausnahmezustand denn als alltäglicher Bestandteil urbaner Realität.

Frankfurt am Main als postmigrantische Stadt

Frankfurt nimmt innerhalb Deutschlands eine besondere Rolle ein. Die Stadt gilt als die vielfältigste Großstadt des Landes. Migration dominiert Frankfurt seit seiner Entstehungsgeschichte – von der historischen Handelsstadt über die Arbeitsmigration der Nachkriegszeit bis zur heutigen globalen Mobilität.

Dadurch entstand eine urbane Realität, in der kulturelle Vielfalt längst zum Alltag gehört. Unterschiedliche Sprachen, transnationale Lebensweisen und internationale Netzwerke prägen alle Stadtteile. Migration und die Zeit nach ihr, nämlich die Postmigration, erscheint hier weniger als gesellschaftliche Ausnahme, sondern vielmehr als strukturelle Normalität der globalisierten sowie glokalisierten Großstadt Deutschlands.

Diese Entwicklung zeigt sich auch politisch, um kurz darauf einzugehen. Menschen mit Migrationsgeschichte gehören inzwischen durchaus zu kommunalen Institutionen und politischen Eliten. Ein sichtbares Beispiel dafür ist die derzeitige Frankfurter Stadtpolitik selbst: Mit Mike Josef als Oberbürgermeister, Nargess Eskandari-Grünberg als Bürgermeisterin und Hilime Arslaner als Stadtverordnetenvorsteherin wird die politische Spitze der Stadt heute maßgeblich durch Personen mit Erfahrung an Inter- und Transnationalität bestimmt.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Existenz solcher Karrieren als die vergleichsweise geringe gesellschaftliche Aufladung. Zwar gibt es auch in Deutschland ungeduldige Debatten über Migration, nationale Identität und Zugehörigkeit. Doch die Präsenz von Politikern mit Migrationsgeschichte löst in unserem Frankfurter Beispiel selten dieselben nationalen Identitätskonflikte, wie z.B. in Frankreich, aus.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Frankfurt konfliktfrei wäre. Auch in der Skylinemetropole am Main verschärfen internationale Finanzmärkte, somit der dadurch entstehende wirtschaftliche Druck soziale Ungleichheiten für Alteingesessene: Hohe Mieten, Verdrängung und Wohnungsnot gehören längst zur urbanen Alltagsrealität. Es herrscht, um es kurz zu fassen, eine Enturbanisierung von Menschen postmigrantischer Herkunft. Allerdings erscheinen soziale Spannungen räumlich weniger konzentriert als im Großraum Paris.

Frankfurt steht damit exemplarisch für eine Form postmigrantischer Urbanität, in der Superdiversität institutionell weitgehend normalisiert wurde, ohne dass soziale Ungleichheiten verschwunden wären.1

Seine-Saint-Denis als symbolischer Raum

Im Unterschied zu Frankfurt besitzt Seine-Saint-Denis innerhalb Frankreichs eine besondere politische und manchmal negativ symbolische Geltung. Das Département gilt seit Jahrzehnten als Projektionsfläche nationaler Debatten über Migration, Armut, Arbeit, Sicherheit und gesellschaftliche Zugehörigkeit.

Dabei handelt es sich keineswegs um einen homogenen Raum. Seine-Saint-Denis ist kulturell, sprachlich, sozial äußerst vielfältig und besitzt eine junge Bevölkerung. Gleichzeitig konzentrieren sich dort soziale Probleme deutlich stärker als in vielen anderen Teilen der Pariser Metropole. Arbeitslosigkeit, territoriale Stigmatisierung und soziale Ungleichheit sind der Alltag der meisten Bewohner.

Die Banlieues werden in Frankreich deshalb häufig nicht nur als schlichte Lebenswelten wahrgenommen, sondern auch als Aushandlungsräume von medialen, politischen und wirtschaftlichen Miseren. Sie stehen in öffentlichen Debatten – oft als selbst nicht anwesende Stellvertreter – für gesamtgesellschaftliche Spannungen, was mittlerweile Sündenbockcharakter annimmt.

Genau deshalb erhielt die Wahl Bagayokos eine nationale Note. Für viele Unterstützer verkörpert er den politischen Aufstieg jener Stadtteile, die jahrzehntelang marginalisiert bis stigmatisiert wurden. Für rechte und konservative Milieus erscheint dieselbe Entwicklung dagegen als Bedrohung traditioneller Vorstellungen französischer Identität.

Die aufgeregten Reaktionen auf seinen Wahlsieg zeigen deshalb weniger eine lokale Besonderheit als vielmehr die Erwartungen innerhalb der französischen Gesellschaft insgesamt. Politisches Amt und ihre Repräsentation werden dann weiterhin eindringlich mit Fragen kultureller Zugehörigkeit verbunden – obwohl Frankreich sich republikanisch und universalistisch versteht oder schlicht als Nation der Menschenrechte.

Unterschiedliche Metropolräume

Ein zentraler Unterschied zwischen Frankfurt und Paris liegt auch in der Struktur ihrer Metropolregionen. Die Rhein-Main-Region funktioniert als Netzwerk verschiedener Städte wie Frankfurt, Offenbach, Hanau, Wiesbaden, Mainz oder Darmstadt. Wirtschaft, Infrastruktur und Mobilität verteilen sich auf mehrere urbane Zentren. Jede dieser Großstädte orientiert sich in beinahe allen Themengebieten an Frankfurt, jedoch bleiben sie weitestgehend unabhängig, kooperieren nur nach Wunsch.

Besonders Offenbach wird häufig mit den französischen Banlieues verglichen, weil auch hier eine superdiverse Bevölkerung lebt, die aber durch die Deindustrialisierung Offenbachs seit Anfang den 1970ern einer negativen gesamtgesellschaftlichen Reputation unterliegt. Der Vergleich greift jedoch nur begrenzt auf die heutige Lage. Auch wenn Offenbach deutlich weniger funktional in die Rhein-Main-Region eingegliedert scheint, besitzt sie mittlerweile nicht dieselbe historische Stigmatisierung wie so viele Vorstädte im Großraum Paris.

Im Pariser Raum bleibt das Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie dagegen deutlich hierarchischer organisiert. Während Paris politische, kulturelle und wirtschaftliche Macht in außergewöhnlicher Weise als ,,innere Räume“ bündelt, erscheinen die Banlieues dagegen häufig als „äußere Räume“ der Metropole, obwohl sie wirtschaftlich und infrastrukturell eng mit dem Zentrum verbunden sind.

Gerade deshalb wird politische Repräsentation oder Teilhabe in Seine-Saint-Denis eilig symbolisch überhöht. Kommunalpolitik steht dort nicht nur für Verwaltung, sondern auch für gesellschaftliche Anerkennung einer endlich stattfindenden Teilnahme postmigrantischer Banlieue Pariser: Die Wahl Bagayokos wurde deshalb von vielen als der aktive Impuls verstanden, dass die lange marginalisierten Vorstädte erstmals eine neue Form politischer Selbstrepräsentation erreichen.

Urbaner Alltag und gesellschaftliche Wahrnehmung

Die Unterschiede zwischen Frankfurt und Paris zeigen sich besonders im Alltag.

Frankfurt wirkt trotz sozialer Ungleichheiten vergleichsweise integriert. Zwischen den Stadtteilen bestehen kaum ausgeprägte soziale Abschottungen. Transkulturelle und postmigrantische Lebensrealitäten prägen den Alltag sichtbar, während Migration im öffentlichen Leben meist entdramatisiert erscheint.

Paris ist ebenfalls hochgradig supervielfältig, gleichzeitig aber stärker von räumlicher Fragmentierung geprägt. Die Trennung zwischen Zentrum und Banlieue bleibt – sozial, medial, wirtschaftlich und vor allem politisch.

Gerade Seine-Saint-Denis wird häufig nur über ihre Probleme definiert, obwohl auch enorme gesellschaftliche Innovationen entstehen: Der französisch-marokkanische Unternehmer Aziz Senni beschäftigt sich mit der Wirtschaft der Banlieues und ihrem gesellschaftlichen Potenzial. Bekannt wurde er durch sein Buch Made in Banlieue sowie durch Vorträge und Livestreams über Unternehmertum, Migration und Stadtentwicklung in den französischen Vorstädten. Diese Gleichzeitigkeit von Benachteiligung und sozioökonomischer Produktivität wird in öffentlichen Debatten oft übersehen.

Transnationalität und postmigrantische Realität

Sowohl Frankfurt als auch Paris sind transnational geprägt, allerdings auf unterschiedliche Weise.

Frankfurt entwickelte sich vor allem durch moderne Arbeitsmigration, europäische Mobilität und seine Rolle als die internationale Finanzmetropole. Viele sogenannte Gastarbeiter aus Italien, der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien prägen das Stadtbild nachhaltig. Für Frankfurt lässt sich festhalten, dass Migration eng mit wirtschaftlicher Integration verknüpft ist.

Paris hingegen wird eher durch die koloniale und postkoloniale Geschichte Frankreichs definiert. Besonders Migration aus Nord- und Westafrika beeinflusst die soziale Struktur vieler Banlieues bis heute.

Deshalb besitzt politische Repräsentation in Frankreich eine andere gesellschaftliche Tragweite. Die Wahl eines Bürgermeisters wie Bally Bagayoko wird absehbar zu einer populistischen Debatte, denn sie löst sich von ihrem eigentlichen Sinn zukunftsorientierter Politikgestaltung.

Politische Repräsentation und gesellschaftliche Anerkennung

Die eigentliche Bedeutung der Wahl in Saint-Denis liegt folgerichtig weniger im kommunalen Machtwechsel selbst als vielmehr in ihrer gesellschaftlichen Signalwirkung.

Bally Bagayoko steht für einen mehrfachen Wandel, in dem Menschen aus postmigrantischen Milieus nicht mehr nur Teil urbaner Gesellschaften sind, sondern zunehmend auch politische Führungspositionen einnehmen. Während viele seinen Erfolg als Zeichen gesellschaftlicher Öffnung feiern, sehen konservative Stimmen darin eine Gefährdung traditioneller Vorstellungen französischer Identität.

In Frankfurt verläuft derselbe Wandel deutlich geräuschloser. Menschen mit internationaler Familiengeschichte gehören im Römer unlängst zum politischen und gesellschaftlichen Leben.

Dieser Unterschied macht den Vergleich zwischen Saint-Denis und Frankfurt maßgeblich aufschlussreicher: Beide Städte sind enorm postmigrantisch geprägt, doch die gesellschaftliche Verarbeitung von Supervielfalt folgt unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und historischen Logiken.

Fazit

Der Vergleich zwischen Frankfurt am Main und Saint-Denis zeigt zwei unterschiedliche Formen postmigrantischer Urbanität in Westeuropa.

Frankfurt präsentiert sich als hochgradig internationalisierte und organisatorisch integrierte Metropole. Migration ist mittlerweile normativer Teil urbaner Normalität geworden. Politische Repräsentation von Menschen mit Migrationsgeschichte wirkt vergleichsweise entdramatisiert, auch wenn soziale Ungleichheiten fortbestehen.

Saint-Denis beziehungsweise Seine-Saint-Denis bleiben dagegen wirksamer von historischen Ungleichheiten, territorialen Spannungen und symbolischen Konflikten eingeholt. Die Wahl Bally Bagayokos machte sichtbar, wie eng politische Repräsentation in Frankreich weiterhin mit Fragen nationaler Zugehörigkeit verbunden sein kann. Sie zeigt, dass postmigrantische politische Repräsentation in europäischen Großstädten längst Realität geworden ist – ihre gesamtgesellschaftliche Anerkennung jedoch abweichend langsamer verläuft.

Frankfurt und Saint-Denis stehen damit nicht für Gegensätze, sondern für zwei unterschiedliche Wege, dieselbe urbane Transformation zu verarbeiten. (mig)

  1. Ausführlicher wird dieses Phänomen im aktuellen Werk Postmigrantische Realität in Frankfurt am Main erklärt (2026).
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