
„Tik Tok Motherf*cker“
Postmigrantische Digitalgedanken zur re:publica 2026
Auf der re:publica 2026 wurde viel über Demokratie und KI gesprochen – aber erstaunlich wenig über Macht. Selbst die Panel-Besetzung der re:publica mutete nahezu algorithmisch an.
Von Lia Petridou Montag, 25.05.2026, 10:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 25.05.2026, 10:50 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Die re:publica 2026 wirkte in diesem Jahr wie ein Kongress der verpassten Möglichkeiten. Während draußen längst eine neue geopolitische Weltordnung aus KI-Modellen, Cloud-Infrastrukturen und Plattformökonomien entstanden ist, diskutiert man auf dem abgeschlossenen re:publica Gelände immer noch über die kulturellen Symptome dieser Transformation. Immer wieder geht es um Polarisierung, Haltung und schlussendlich: Diskurserschöpfung. Die fundamentale Frage, die wir uns alle stellen sollten lautet allerdings: Wie entwickeln wir alternative Systeme, auf denen demokratische Öffentlichkeit künftig stattfinden kann? Und: wieviel Zeit bleibt uns noch?
Der Eröffnungsvortrag mit der US-amerikanischen Bestsellerautorin und New York Times Redakteurin Karen Hao setzte den Ton: Silicon Valley Reshapes The World! Das Valley formt demnach nicht mehr bloß Märkte oder Kommunikationsräume, sondern Lebensrealitäten von Menschen aller Schichten. Epistemisch, ökonomisch und vor allen Dingen militärisch. Die amerikanischen KI-Konzerne (Microsoft, Google, Meta, Amazon) und KI Modell Entwickler wie Open AI erscheinen inzwischen wie postnationale, libertär-freidrehende Akteure mit passgenau zugeschnittener, dominanter Außenpolitik. Ihre Modelle schreiben Texte, steuern Infrastrukturen und kuratieren unsere Wahrheiten. Selbst die Normen, die Wahrheit definieren. Europa antwortet darauf bevorzugt mit Panels, scheint’s.
Karen Hao beschrieb KI in ihrem elaborierten Vortrag, den sie mit kämpferischen Slogans wie „Break Up the Empire“ und „When People Rise, Empires Fall“ untermalte, nicht mehr als Werkzeugindustrie, sondern als infrastrukturelle, global ordnende Machtform. KI als neo-feudale Regierungstechnologie.
„Man sprach im Allgemeinen sehr viel über Demokratie, aber erstaunlich wenig über Macht.“
Dass die renommierte Innovations-Ökonomin und Expertin für digitale Policy, Francesca Bria und Boing Boing Blogger Cory Doctorow mit „We never gave you up“ fast allein die Frage europäischer, digitaler Souveränität verhandelten, wirkte, bei aller Liebe und allem Enthusiasmus für die re:publica, symptomatisch. Denn hier sprach man im Allgemeinen sehr viel über Demokratie, aber erstaunlich wenig über Macht. Denn die eigentliche Machtfrage lautet inzwischen: Wem gehören die Modelle? Wem gehören die Daten? Und warum akzeptiert Europa weiterhin die kulturelle und infrastrukturelle Kolonisierung durch US-amerikanische Tech-Konzerne, als handle es sich um Naturgewalten? Gerade deshalb wirkte „Open Claw – Anatomie der kommenden Welle“ wie eines der wenigen Panels, das den infrastrukturellen Kern der Gegenwart ernst nahm. Dank an zwei kluge Köpfe.
Die Tatsache, dass Internet-Technologie-Unternehmer Stephan Noller und Founder Benedikt Köhler den Saal 2 mit geschätzten 300 Teilnehmer:innen füllten, dokumentiert eindrucksvoll den akuten Informationsbedarf. OpenClaw steht für etwas, das auf deutschen und europäischen Konferenzen selten geworden ist: technologische Eigenständigkeit ohne kalifornische Heilsrhetorik. Keine KI als Erlösungsphantasie, sondern als öffentliches Werkzeug. Kein Plattformfeudalismus, sondern Infrastruktur. Während OpenAI, Anthropic oder Google ihre Modelle zunehmend abschotten, entstand hier zumindest die Ahnung einer europäischen Alternative, die Transparenz, Nachvollziehbarkeit und demokratische Kontrolle nicht als Wachstumshemmnis versteht.
„Migrantisierte Perspektiven erschienen häufig kulturell gerahmt, selten infrastrukturell, strategisch oder technologisch.“
Nur um jetzt auf einen weiteren Fundamentalwiderspruch der diesjährigen re:publica einzugehen: Wer über die Zukunft spricht, darf dort erstaunlich oft aussehen wie die Vergangenheit. Denn auffällig war, dass Fragen technologischer Zukunft weiterhin überwiegend von einem klassischen deutschen Expert:innenmilieu verhandelt wurden. Migrantisierte Perspektiven erschienen dagegen häufig kulturell gerahmt, selten infrastrukturell, strategisch oder technologisch.
Wenn Personen wie Eda Öztürk, Sara Öztürk (Mikrass) oder Naika Foroutan (DeZIM) auf den Bühnen sitzen, dann ist das erst einmal wunderbar, sollte aber niemanden mehr erstaunen. Thematisch schienen sie dabei aber meist typecast und Themen wie Herkunft, Arbeiter:innenkinder oder Diversität zugeordnet. (Selbstredend ist auch in diesen Bereichen längst noch nicht alles geklärt.) Migrantisierte Intellektuelle dürfen im Allgemeinen zwar Gesellschaft erklären, nicht aber an ihren Stellschrauben drehen. Ergo, seltener Themen wie Technologie, Geopolitik oder KI-Zukunft verhandeln. Von fehlender Repräsentanz aufgrund von Umständen ganz zu schweigen. Nicht umsonst beschrieb Naika Foroutan in einem Redebeitrag die „klassische Glass Ceiling“ unter der sich viele migrantisierte Expert:innen in Deutschland drängeln. („Ingeneur:in ist OK, Richter:in – eher nicht.“) Die Panel-Besetzung der re:publica mutete deshalb nahezu algorithmisch an: Migrantisierte Personen debattieren Migration, weiße Deutsche definieren Universalität.
„Migrantisierte Personen debattieren Migration, weiße Deutsche definieren Universalität.“
Deshalb: „Alles Neu Machen“, so Sara Öztürk, Co-Founderin von Mikrass, einem Netzwerk für Neue Mediale Narrative und Neue Allianzen. Denn vielleicht lag genau darin die eigentliche Stimmung dieser re:publica. Ein diffuses Bewusstsein, dass sich Öffentlichkeit, Demokratie, Wissensproduktion und Macht gerade infrastrukturell neu ordnen (müssen). Dass nicht nur die Doomsday Clock 5 vor 12 anzeigt und wir uns trotzdem nicht ungehemmt der „German Angst“ hingeben dürfen…
…Denn während Deutschland auf Paneln diskutiert, trainieren andere bereits die nächsten Systeme. (mig) Meinung
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