Joachim Glaubitz, MiGAZIN, Menschenrechte, Flucht, Migration, Asyl, Rechtsextremismus
Joachim Glaubitz © privat, Zeichnung: MiG

Kulturindustrie

Gewissen betäubt, Mitgefühl verdrängt, Denken gelähmt

Algorithmen steuern Aufmerksamkeit und vermarkten Empörung. Zwischen TikTok und Livetickern schrumpft die Wirklichkeit zur Reizware, während das Sterben im Mittelmeer im Hintergrund verrauscht.

Von Dienstag, 21.04.2026, 10:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 21.04.2026, 10:28 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Während in Europa weiter an seinen Mauern arbeitet, „Abschiebesoffensiven“ und „illegale Migration“ zum alltäglichen Sprachgebrauch geworden sind, während rechtsextreme Narrative in Wahlkämpfen fortwährend Konjunktur haben und das Sterben im Mittelmeer weitergeht, scrollen wir mit stumpfen leeren Blicken auf unseren Bildschirmen.

Adorno und Horkheimer müssten heute nicht lange suchen, um ihre Theorie der Kulturindustrie bestätigt zu sehen. Sie würden nur das Smartphone in die Hand nehmen und auf den endlosen Strom aus Reels, Livetickern, Clips, Empörungswellen, Mikrotrends und algorithmisch zugestellten Gefühlen blicken. Was sie beschrieben haben, ist längst Alltag: Kultur als Ware, Aufmerksamkeit als Währung, Unterhaltung zur Disziplinierung. Nicht, indem man Menschen mit Gewalt zum Gehorsam zwingt, sondern indem man sie beschäftigt, füttert, erregt, zerstreut — und am Ende mit der Welt versöhnt, wie sie ist.

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Die Kulturindustrie verkauft dabei nicht nur Inhalte, sie organisiert Wahrnehmung. Sie bestimmt, was sichtbar wird, wie lange es bleibt und in welcher Tonlage wir Wirklichkeit erleben.

TikTok, Instagram und Streamingplattformen verbreiten Inhalte nicht danach, ob sie wahr, relevant oder verstörend sind, sondern danach, ob sie funktionieren — also geklickt, geteilt, zu Ende geschaut werden. Was nicht sofort greift, verschwindet.

„Das Verstörende wird nicht gezeigt, sondern umcodiert — in etwas, das klickbar, teilbar, anschlussfähig ist.“

Gerade bei aktuellen KI-Trends wird diese Mechanik besonders sichtbar. Millionenfach kursieren generierte Clips: Trump als messianische Heilsfigur, inszeniert wie ein digitaler Jesus, der Erlösung verspricht; Politiker als Klemmbaustein-Figuren, etwa in stilisierten Darstellungen geopolitischer Konflikte, in denen Krieg und Verhandlung wie ein kindliches Baukastenspiel erscheinen; dazu die sogenannten „AI Fruit“-Videos, in denen stereotype, oft misogyn oder rassistisch aufgeladene Bilder in bunter, verspielter Ästhetik reproduziert werden.

Was diese Formate verbindet, ist ihre Funktion. Sie übersetzen komplexe, gewaltsame und widersprüchliche Realität in Bilder, die sich mühelos konsumieren lassen. Sie machen aus politischer Ideologie ein ästhetisches Ereignis, aus Krieg ein visuelles Format, aus Diskriminierung ein scheinbar harmloses Spiel. Das Verstörende wird nicht gezeigt, sondern umcodiert — in etwas, das klickbar, teilbar, anschlussfähig ist.

„Der Akt des Konsums ersetzt den Akt des Handelns. Man hat reagiert, also scheint etwas getan.“

Und genau darin liegt ihre Wirkung: Diese Bilder erzeugen Emotion — Faszination, Zustimmung, Ablehnung, Empörung. Doch auch Empörung und Kritik bleiben im gleichen Modus gefangen. Sie entladen sich im Kommentar, im Teilen, im kurzen Aufschrei — und werden sofort Teil desselben Stroms, den sie eigentlich infrage stellen. Selbst „politische“ oder „aufklärerische“ Inhalte erscheinen in dieser Logik: zugespitzt, verkürzt, ästhetisch glatt, sofort konsumierbar. Der Akt des Konsums ersetzt den Akt des Handelns. Man hat reagiert, also scheint etwas getan. Was bleibt, ist kein Erkenntnisgewinn, sondern ein Gefühl von Informiertheit — ohne Konsequenz.

Wie radikal diese Form der Aufmerksamkeitssteuerung unsere Wahrnehmung verschiebt, zeigt sich derzeit an einem Beispiel, das auf den ersten Blick harmlos wirkt: der gestrandete Buckelwal „Timmy“ vor der Ostsee.

Seit Tagen lässt sich sein Zustand im Liveticker verfolgen. Es gibt Videos, Updates, Experteneinschätzungen, emotionale Kommentare. Menschen fiebern mit, hoffen, leiden, diskutieren. Das Ereignis ist konkret, sichtbar, erzählbar. Es hat ein Gesicht — oder zumindest einen Körper.

„Zur gleichen Zeit sterben im Mittelmeer Menschen. … Keine Liveticker, keine emotionalen Nahaufnahmen, keine kontinuierliche Dramaturgie. Stattdessen Zahlen. Meldungen. Hintergrundrauschen.“

Zur gleichen Zeit sterben im Mittelmeer Menschen. Hunderte, allein in den ersten Monaten dieses Jahres. Auch darüber wird berichtet. Aber anders. Keine Liveticker, keine emotionalen Nahaufnahmen, keine kontinuierliche Dramaturgie. Stattdessen Zahlen. Meldungen. Hintergrundrauschen.

Genau hier liegt der Punkt: Die Kulturindustrie entscheidet nicht nur, was wir sehen, sondern wie wir es sehen — und vor allem, was uns nahegeht. Der Wal wird zum emotionalen Ereignis, das sich im Minutentakt verfolgen lässt. Das Sterben von Menschen wird zur abstrakten Information, die kurz aufblitzt und wieder verschwindet.

„Das, was sich gut erzählen lässt, verdrängt das, was politisch relevant wäre. Das, was Emotionen bündelt, überlagert das, was Handeln erfordern würde.“

Das ist kein moralischer Vorwurf an Einzelne. Es ist eine strukturelle Verschiebung. Das, was sich gut erzählen lässt, verdrängt das, was politisch relevant wäre. Das, was Emotionen bündelt, überlagert das, was Handeln erfordern würde.

Ray Bradbury hat dieses Prinzip in Fahrenheit 451 literarisch beschrieben. In einer berühmten Szene stehen Menschen vor wandgroßen Bildschirmen, vertieft in endlose Serien und interaktive Shows. Sie sind überflutet mit Belanglosigkeiten.

Als Montag, der Protagonist, den Bildschirm ausschaltet und die Frauen mit der Realität konfrontiert, kippt die Stimmung sofort. Er fragt nach dem Krieg, nach ihren Männern. „Pete ist gestern einberufen worden“, sagt eine von ihnen, „wird nächste Woche wieder zurück sein. Ein schneller Krieg, 48 Stunden.“ Die Bedrohung ist da — und wird im selben Moment verharmlost, weggewischt, in eine beruhigende Erzählung gepresst.

„Wir reagieren, wo es leicht ist. Und bleiben passiv, wo es notwendig wäre, zu denken.“

Montag prallt ab. Nicht, weil die Frauen nichts wissen, sondern weil sie gelernt haben, nur das zuzulassen, was sich nahtlos einfügt.

Genau das erleben wir heute. Wir sind nicht schlecht informiert. Wir sehen zu viel — und gleichzeitig das Falsche im falschen Moment. Wir reagieren, wo es leicht ist. Und bleiben passiv, wo es notwendig wäre, zu denken.

Adorno und Horkheimer haben einmal zugespitzt formuliert: Vergnügtsein heißt einverstanden sein. Vielleicht müsste man heute sagen: Konsumieren heißt einverstanden bleiben.

„Solange wir im Strom treiben, stellen wir die grundlegenden Fragen nicht mehr.“

Denn solange wir im Strom der Inhalte treiben — von Trend zu Trend, von Clip zu Clip, von Empörung zu Empörung —, stellen wir die grundlegenden Fragen nicht mehr. Nicht, weil sie verschwunden wären. Sondern weil sie in einem Dauerrauschen untergehen, das uns permanent das Gefühl gibt, dabei zu sein.

Und genau darin liegt die eigentliche Leistung der Kulturindustrie: Sie sorgt nicht dafür, dass wir nichts sehen. Sondern dafür, dass wir nicht mehr erkennen, was wirklich zählt. (mig) Meinung

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