
Deutschlands blinde Flecken
Kanzler macht Gewalt gegen Frauen zur Herkunftsfrage
Friedrich Merz macht Migration zum Sündenbock für Gewalt gegen Frauen. Dabei ist jede dritte Frau in Deutschland von Gewalt betroffen. Das ist kein Importproblem, sondern gesellschaftliche Realität.
Von Deborah Wolf Donnerstag, 26.03.2026, 12:58 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 26.03.2026, 12:58 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Friedrich Merz sieht Migration als Hauptursache für Gewalt gegen Frauen. Doch hinter dieser stigmatisierenden Rhetorik verschwinden die wahren Gründe.
Gewalt, Trauma, soziale Ausgrenzung und psychische Belastungen haben viele Geflüchtete und Migrant:innen bereits hinter sich. Studien belegen, dass Menschen, die Gewalt, Folter oder Krieg erlebt haben, ein deutlich erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen haben. Das gilt nicht nur für Erwachsene. Auch Kinder und Jugendliche, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten, tragen Spuren von Gewalt und Unsicherheit mit sich.
Kassenärztliche psychotherapeutische Angebote sind deutschlandweit meist schwer zugänglich. Wartezeiten von mehreren Monaten sind die Norm. Geflüchtete und Migrant:innen kämpfen zusätzlich mit Sprachbarrieren und dem Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Die psychische Versorgung erreicht diejenigen, die sie am dringendsten bräuchten, häufig nicht. Gleichzeitig präsentiert Merz Migration als alleinige Ursache für Gewalt. Der tatsächliche Bedarf an Prävention, Therapie und struktureller Unterstützung bleibt dabei weitgehend unerwähnt.
„Hinter der simplen Erklärung von Merz verschwinden die realen Ursachen wie Trauma und soziale Ausgrenzung.“
Aber Trauma ist nicht nur ein individuelles Problem. Deutschland trägt seine eigene historische Last, die in Debatten über Gewalt und psychische Gesundheit oft fehlt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Land geteilt. Es entstanden eigene politische Systeme, gesellschaftliche Traumata und unterschiedliche Ansätze zur Verarbeitung von Gewalt und Schuld. Die Wiedervereinigung im Jahr 1990 brachte politische und wirtschaftliche Transformationen, aber auch ungelöste soziale Spannungen, die bis heute nachwirken. Diese historischen Belastungen treffen auf ein Hilfesystem, das weiterhin lückenhaft ist.
Die Realität ist deutlich: Laut Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hat in Deutschland etwa jede dritte Frau mindestens einmal Gewalt erlebt. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ verzeichnete im Jahr 2024 einen Höchststand von rund 61.200 Beratungen. Bei 72 Prozent der dokumentierten Fälle standen spezifische Gewaltformen im Fokus: In 59 Prozent der Beratungen ging es um häusliche Gewalt und in 13 Prozent um sexualisierte Gewalt.
„Deutschland trägt eine historische Last, die in Debatten über Gewalt und psychische Gesundheit oft fehlt.“
Frauenhäuser, Schutzwohnungen und Fachberatungsstellen existieren zwar, doch der Zugang bleibt ungleich und oft unzureichend. Besonders in ländlichen Regionen fehlt spezialisierte Hilfe manchmal völlig. Aktuelle polizeiliche Daten zum Thema „Häusliche Gewalt“ in der Bundesrepublik verdeutlichen die geschlechtsspezifische Dimension: Von den rund 266.000 Opfern häuslicher Gewalt waren 70,4 Prozent weiblich. Bei der Partnerschaftsgewalt liegt der Frauenanteil sogar bei knapp 80 Prozent. Anstatt diese Realitäten ernsthaft zu adressieren, wählt Merz lieber das einfache Feindbild der Minderheit.
Dieses Feindbild verkennt die Realität. Viele, die nach Deutschland geflüchtet sind, haben selbst Gewalt erfahren. Sie mussten in ihren Heimatländern Zustände erleiden, die eine intensive psychologische Verarbeitung erfordern. Sie fliehen vor Krieg, Folter oder systematischer Unterdrückung. Hier treffen sie auf ein System, das ihre Traumata oft nicht anerkennt. Stattdessen begegnet ihnen ein System voller Skepsis. Die Folgen sind Unsicherheit, Angst und Überforderung. Zudem besteht die ständige Belastung, dass die eigene Geschichte als Ausrede für gesellschaftliche Vorurteile benutzt wird.
„Es geht nicht darum, Schuldige unter Geflüchteten zu finden, sondern Verantwortung für das Gesundheitssystem zu übernehmen.“
Dabei zeigen wissenschaftliche Studien: Gewalt gegen Frauen ist nicht primär ein Migrationsproblem, sondern ein Machtverhältnis-Problem. Sie wird durch das Streben nach Kontrolle und die Aufrechterhaltung von Machtungleichgewichten ausgelöst. Diese Strukturen existieren längst in Deutschland. Ein Geflüchteter, der traumatisiert ankommt und kein Trauma-Angebot erhält, ist nicht automatisch gewalttätig. Aber eine Gesellschaft, die Gewalt als Kontrollmittel toleriert und Traumatherapie vorenthält, schafft die Bedingungen dafür, dass Gewalt zunimmt.
Am Ende zeigt sich ein klares Bild. Es geht nicht darum, Schuldige unter Geflüchteten zu finden. Wir müssen Verantwortung für ein Gesundheitssystem übernehmen, das Traumata anerkennt und behandelt. Wir brauchen eine Politik, die echte Prävention ermöglicht, statt einfache Antworten zu verkaufen. Solange das nicht passiert, bleiben wir mit einem verzerrten Bild von Gewalt und mit Politikern, die Minderheiten zu Sündenböcken machen, zurück, anstatt Systeme zu verändern. (mig) Meinung
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