Joachim Glaubitz, MiGAZIN, Menschenrechte, Flucht, Migration, Asyl, Rechtsextremismus
Joachim Glaubitz © privat, Zeichnung: MiG

Wie im Theater

Der Kaiser ist nackt – und wir klatschen trotzdem

Merz lächelt neben Trump, während Europa bedroht wird – Theater: über Werte reden, Recht beugen, Tod hinnehmen. Die Illusion hält nur, weil alle mitmachen. Wer ruft endlich das Offensichtliche?

Von Donnerstag, 05.03.2026, 11:38 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 05.03.2026, 11:38 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Hans Christian Andersen erzählt in seinem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ eine einfache Geschichte. Ein eitler Kaiser lässt sich von zwei Webern ein angeblich wundersames Gewand anfertigen. Der Stoff, so behaupten sie, sei nur für kluge Menschen sichtbar – für Dumme bleibe er unsichtbar. Niemand wagt zuzugeben, dass er nichts sieht. Weder die Minister noch der Kaiser selbst. Also loben alle die prächtigen Kleider, die gar nicht existieren.

Der Kaiser zieht nackt durch die Stadt – und die Menge applaudiert.

___STEADY_PAYWALL___

Bis ein Kind ruft: „Aber er hat ja gar nichts an!“

In diesem Moment zerbricht die Illusion. Nicht weil sich etwas verändert hätte – sondern weil endlich jemand ausspricht, was alle längst sehen.

Manchmal wirkt unsere Gegenwart erstaunlich ähnlich.

„Steh zu deinen Freunden. Lass nicht zu, dass die Stärkeren sie bedrohen. Zeige Solidarität.“

Gerade erst stand Friedrich Merz im Weißen Haus neben Donald Trump. Als dieser offene Drohungen gegen europäische Partner richtete, reagierte Merz kaum – er blieb auffallend zurückhaltend, stumm und lächelte. Die Szene wirkte anbiedernd. Dabei ist die moralische Intuition eigentlich einfach, so einfach, dass man sie schon Kindern beibringt: Steh zu deinen Freunden. Lass nicht zu, dass die Stärkeren sie bedrohen. Zeige Solidarität.

Solche Auftritte folgen einer eigenen Choreografie. Alle spüren die Spannungen und Widersprüche. Wir spüren ebenfalls, dass es nicht richtig ist. Und doch wird die diplomatische Inszenierung weitergespielt.

Genauso verhält es sich auch einem System, das offensichtlich nicht mehr funktioniert. Die Risse sind unübersehbar. Eine Weltpolitik, die zwischen Planlosigkeit und Eskalation taumelt – Krieg ohne erkennbare Strategie – wie im Iran, das leichtfertige Spiel mit internationalem Recht, moralische Doppelstandards, die kaum noch kaschiert werden. Während man von Werten spricht, sterben so viele Menschen an den Außengrenzen Europas wie seit Jahren nicht mehr. Während Recht und Ordnung beschworen werden, zeigen abgrundtiefe Skandale der Mächtigen, wie ungleich Gesetze angewendet werden. Und während die Klimakrise eskaliert, kehren wir zurück zu fossilen „Sicherheiten“.

„Man könnte fast glauben, wir lebten in Andersens Märchen. Alle sehen, dass der Kaiser nackt ist.“

Man könnte fast glauben, wir lebten in Andersens Märchen. Alle sehen, dass der Kaiser nackt ist – und dennoch applaudieren wir weiter. Niemand glaubt wirklich an die unsichtbaren Gewänder, aber alle spielen das Spiel mit. Aus Angst vor den Konsequenzen. Aus Angst in den Fokus zu geraten.

Also klatschen wir. Also nicken wir. Also tun wir so, als sei alles in Ordnung.

Die Widersprüche sind allzu sichtbar geworden. Und doch machen wir weiter, als wäre alles stabil. Wir sprechen von „Alternativlosigkeit“, von „Komplexität“, wir träumen von der Rückkehr zu einer „guten, alten Vergangenheit“, die es nie gab und nicht geben wird – und vermeiden es, das Offensichtliche auszusprechen: Dieses System trägt sich nur noch durch Gewohnheit und durch das Ritual des Mitmachens.

In der „The Truman Show“ lebt der Protagonist Truman Burbank in einer perfekt inszenierten Welt, ohne zu wissen, dass sein gesamtes Leben Teil einer Fernsehproduktion ist. Alle um ihn herum kennen die Wahrheit – Nachbarn, Kollegen, sogar seine Familie –, doch niemand spricht sie aus. Die Illusion funktioniert nicht, weil sie perfekt wäre, sondern weil alle sie gemeinsam aufrechterhalten. Erst als kleine Widersprüche sichtbar werden und Truman beginnt, Fragen zu stellen, gerät das System ins Wanken. Erkenntnis verändert diese Welt. In diesem Moment ähnelt der Film Andersens Märchen: Die Wahrheit war immer sichtbar – aber erst als jemand beginnt, sie auszusprechen als Einzelne sich solidarisieren, verliert die Inszenierung ihre Macht.

„Der Wendepunkt kommt nicht durch Gewalt, sondern durch Sprache.“

Auch das Märchen zeigt: Der Wendepunkt kommt nicht durch Gewalt, sondern durch Sprache. Ein Kind sagt: „Aber er hat ja gar nichts an!“ Es benennt die Realität. In diesem Moment zerbricht die kollektive Illusion. Genau darin liegt die Kraft: das Offensichtliche auszusprechen.

Antonio Gramsci hätte darin einen Kampf um kulturelle Hegemonie erkannt – nicht im heute entleerten Sinn eines identitären „Kulturkampfs“, wie ihn rechte Bewegungen beschwören, sondern als Ringen darum, was in einer Gesellschaft als selbstverständlich, vernünftig und alternativlos gilt.

Der entscheidende Bruch geschieht daher nicht zuerst auf der Straße, sondern im Denken und Sprechen. Wenn sich die Sprache verändert, wenn das, was bisher als normal galt, plötzlich fragwürdig erscheint, beginnt die Ordnung zu wanken.

Doch hier beginnt die eigentliche Schwierigkeit. Denn das heutige System funktioniert nicht mehr nur durch äußeren Zwang. Es funktioniert auch durch unser verinnerlichtes Denken und Sprechen.

Das moderne Subjekt versteht sich als Projekt – als etwas, das sich von äußeren Zwängen befreit hat. Doch gerade in dieser scheinbaren Freiheit entsteht eine neue Form der Unterwerfung. Das Subjekt unterwirft sich nun inneren Zwängen und Selbstzwängen in Form von Leistungs- und Optimierungsdruck.

„Wir glauben, wir seien frei, doch grenzenlos ist der Zwang, der vom Können ausgeht.“

Der Philosoph Byung-Chul Han formuliert es treffend: Wir glauben, wir seien frei, doch grenzenlos ist der Zwang, der vom Können ausgeht. Er analysiert, dass der Neoliberalismus sich darin als ein erstaunlich effizientes System erweist: ein System, das die Freiheit selbst zur Ausbeutung nutzt. In diesem ist jeder ein selbst-ausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmens. Jeder ist Herr und Knecht in einer Person. Jeder organisiert, kontrolliert und optimiert sich selbst und errichtet ein inneres Panoptikum, in dem es Insasse und Aufseher zugleich ist.

So wird ein brüchiges System stabilisiert: nicht durch offene Repression, sondern durch verinnerlichte Leistungslogik. Wenn wir scheitern, geben wir uns selbst die Schuld. Wenn wir erschöpft sind, glauben wir, wir seien nicht widerstandsfähig genug. Die Ausbeutung steht uns nicht mehr gegenüber – wir tragen sie in uns.

Deshalb reicht es nicht, nur zu sagen, dass das System krankt. Wir müssen auch erkennen, wie sehr wir seine Logik internalisiert haben. Das Kind im Märchen zeigt nicht nur auf den nackten Kaiser – es durchbricht eine gemeinsame Selbsttäuschung.

Veränderung beginnt genau dort: indem wir aufhören, zu applaudieren. Indem wir benennen, dass ein System, das alles zur Ware macht – Gesundheit, Bildung, sogar uns selbst – kein Naturgesetz ist. Und indem wir begreifen, dass der erste Schritt aus der Selbstausbeutung darin liegt, das Spiel innerlich nicht länger mitzuspielen.

Der Kaiser ist nackt.

Die Frage ist nur, wer es laut ausspricht – und wer den Mut hat, nicht mehr zu klatschen. (mig) Meinung

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)