
Weihnachten in Oman
Vielleicht ist Ramadan gar nicht das Problem
Im Oman hängen „Merry Christmas“-Lichterketten, ohne dass jemand Schnappatmung bekommt. In Deutschland löst oft schon eine Eid-Beleuchtung einen Kulturkampf aus. Warum?
Von Anissa Kirch Dienstag, 17.02.2026, 10:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 17.02.2026, 10:55 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Ich habe viele Jahre im Oman gelebt und gearbeitet. Auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland ist der Kontakt zu vielen Menschen geblieben, die ich dort kennengelernt habe – die meisten von ihnen sind Muslime.
Zu Weihnachten schreibe ich ihnen bis heute festliche Nachrichten. Nicht, weil ich erwarte, dass sie mein Fest feiern. Sondern weil Weihnachten für mich ein Moment ist, in dem ich an die Menschen denke, die mir wichtig sind.
Ich wünsche ihnen dabei bewusst kein „Merry Christmas“, sondern ein „Happy Christmas“. Nicht aus Angst, etwas Falsches zu sagen, sondern aus Rücksicht. „Merry“ ist für viele religiös geprägt, „happy“ beschreibt genau das, was ich meine: eine freundliche, weltliche Geste.
Erstaunlich ist, was dann fast immer passiert. Ich bekomme ein „Merry Christmas“ zurück.
Weihnachten in Oman – ein entspannter Umgang mit Festlichkeit
Während meiner Jahre im Oman habe ich diese Form von Rücksicht und Gelassenheit immer wieder erlebt. In der Vorweihnachtszeit wird es dort in öffentlichen Bereichen ausgesprochen weihnachtlich.
In Hotels stehen künstliche Weihnachtsbäume, in Malls hängen Lichterketten, in den Läden stapeln sich Deko-Rentiere und Baumkugeln – teilweise sehr kitschig, in Pink oder Lila – sowie Karten mit der Aufschrift „Merry Christmas“. Vor allem aber ist diese Präsenz selbstverständlich.
Dabei ist Oman ein muslimisch geprägtes Land mit klarer religiöser Identität und festen gesellschaftlichen Normen. Diese Form von Weihnachten ist nicht aus der omanischen Gesellschaft heraus entstanden, sondern mit den vielen Expats und internationalen Gästen ins Land gekommen.
„Niemand stellt infrage, ob diese Art von Weihnachtsdekoration ‚hierhergehört‘.“
Öffentliche Debatten darüber gibt es kaum. Niemand stellt infrage, ob diese Art von Weihnachtsdekoration „hierhergehört“. Die Toleranz gegenüber diesen importierten Festlichkeiten ist hoch – auch wenn sie mit dem eigenen religiösen Alltag nichts zu tun haben.
Der Grund liegt auf der Hand: Diese Form von Weihnachten wird nicht als religiöse Praxis verstanden, sondern als kulturelle Festlichkeit. Krippen, Gottesdienste oder liturgische Elemente spielen im öffentlichen Raum keine Rolle. Sichtbar sind Lichter und Dekoration – ohne religiösen Anspruch.
Eid in Deutschland – ein anderer Maßstab
In Deutschland verlaufen vergleichbare Diskussionen oft deutlich angespannter. Sobald Städte Ramadan- bzw. Eid-Beleuchtung anbringen oder Geschäfte ihre Schaufenster entsprechend gestalten, entsteht Kritik. Häufig mit dem Hinweis, Deutschland sei ein christliches Land – und kein muslimisches.
Dabei geht es auch hier selten um religiöse Praxis im engeren Sinne. Nicht-Muslime werden während des Ramadan nicht zum Fasten aufgefordert, vielmehr aber häufig zum gemeinsamen Fastenbrechen eingeladen. Es geht vor allem um Sichtbarkeit, um Anerkennung, um das Abbild eines Teils unserer Gesellschaft.
„Man muss nicht glauben, um Teil davon zu sein.“
Was dabei häufig übersehen wird: Für viele Muslime sind Ramadan und Eid nicht nur religiöse Ereignisse, sondern auch Zeiten der Gemeinschaft. Friedliche, wertschätzende Feste, in denen man an Familie, Freundschaften und Zusammenhalt denkt. In dieser Hinsicht ähneln sie dem, was Weihnachten für viele Menschen in Deutschland ist – auch für jene, die mit Kirche oder Religion wenig anfangen können.
Dass man Weihnachten feiern kann, ohne christlich zu sein, ist gesellschaftlich akzeptiert. Dass man Ramadan oder Eid wertschätzen kann, ohne Muslim zu sein, erscheint vielen dagegen widersprüchlich. Dabei gilt für beides: Man muss nicht glauben, um Teil davon zu sein. Wir feiern Halloween, ohne an Geister zu glauben, und Valentinstag, der vollständig von der Industrie geprägt ist – weil es um Gesten geht, nicht um Bekenntnisse.
Fasten – vertraut und fremd zugleich
Ein Blick auf die Fastenzeit macht diese Schieflage ebenfalls deutlich. Auch im christlich geprägten Europa gibt es eine Fastenzeit vor Ostern. Sie ist historisch tief verankert, heute aber weitgehend unsichtbar. Kaum jemand spricht darüber, kaum jemand nimmt sie im öffentlichen Raum wahr.
Der Ramadan hingegen ist sichtbar. Er verändert Tagesabläufe, Essenszeiten und soziale Routinen. Genau diese Sichtbarkeit scheint Irritation auszulösen – nicht das Fasten selbst.
„Niemand erwartet, dass andere mitfasten oder ihr Verhalten anpassen.“
Dabei beeinflusst das Fasten anderer den eigenen Alltag in Deutschland in keiner Weise. Niemand erwartet, dass andere mitfasten oder ihr Verhalten anpassen. Anders als in manchen islamisch geprägten Ländern gibt es hier keine Regeln, die Nicht-Fastende betreffen. Und trotzdem wird das Fasten häufig problematisiert.
Die Praxis ist vergleichbar. Ihre gesellschaftliche Einordnung ist es nicht.
Oman als Spiegel, nicht als Vorbild
Der Blick nach Oman hilft, diese Mechanismen besser zu verstehen – nicht, weil dort alles reibungslos funktioniert, sondern weil andere Maßstäbe gelten.
Oman ist religiös klar positioniert. Der Islam prägt den Alltag, Moscheen gehören selbstverständlich zum Stadtbild. Gleichzeitig existiert Raum für andere Religionen. Es gibt Kirchen, Tempel und Gebetsräume für verschiedene Glaubensgemeinschaften. Sie sind meist klein, funktional und zurückhaltend gestaltet.
„Rücksicht und Akzeptanz greifen hier ineinander.“
Diese Zurückhaltung ist kein Zeichen von Unterordnung, sondern von Pragmatismus. Viele religiöse Minderheiten sind froh, ihre Religion frei ausüben zu können. Sie haben kein Interesse daran, diese Praxis dominant sichtbar zu machen. Rücksicht und Akzeptanz greifen hier ineinander.
Das bedeutet nicht, dass Toleranz grenzenlos ist. Debatten über ausufernde Halloween-Feiern oder sehr laute, öffentlich inszenierte Feste zeigen, dass es klare Vorstellungen davon gibt, wann Maß und Kontext überschritten werden. Lange Zeit wurden solche Feiern vor allem im privaten Rahmen oder in Hotels toleriert. Erst seit sie zunehmend in den öffentlichen Raum drängen, formiert sich Kritik. Oman steht damit an einem Punkt, an dem ähnliche Aushandlungsprozesse beginnen wie in Deutschland – aber noch bevor sich Fronten verhärtet haben.
Wenn Toleranz einseitig verstanden wird
Dieses Muster lässt sich auch in Deutschland beobachten. Toleranz wird häufig als großzügiges Angebot verstanden – als Öffnung, als Entgegenkommen. Was dabei unausgesprochen bleibt: Toleranz entfaltet ihre Wirkung erst im Zusammenspiel mit Rücksicht.
Wo Rücksicht nicht benannt wird, entstehen Interpretationsspielräume. Was ist angemessen? Was gilt als respektvoll? Wo verläuft die Grenze zwischen Sichtbarkeit und Überforderung?
„In Deutschland wird erst dann gesprochen, wenn Konflikte bereits entstanden sind.“
In Oman werden diese Grenzen oft implizit ausgehandelt. In Deutschland wird darüber häufig erst dann gesprochen, wenn Konflikte bereits entstanden sind. Das erzeugt Frust auf beiden Seiten.
Die einen fühlen sich eingeschränkt, weil ihre Sichtbarkeit problematisiert wird. Die anderen fühlen sich übergangen, weil ihr Entgegenkommen als selbstverständlich betrachtet wird.
Kein moralisches Versagen, sondern ein strukturelles Problem
Diese Konflikte lassen sich nicht auf fehlenden Respekt oder mangelnde Integrationsbereitschaft reduzieren. Sie entstehen dort, wo Erwartungen unausgesprochen bleiben.
„Toleranz ist kein Freiraum ohne Bedingungen.“
Toleranz ist kein Freiraum ohne Bedingungen. Sie ist ein stiller Aushandlungsprozess. Und dieser Prozess scheitert, wenn nur eine Seite aktiv handelt, während die andere davon ausgeht, dass sich alles von selbst regelt.
Das gilt für religiöse Feste ebenso wie für Kleidung, Architektur oder Alltagspraktiken. Überall dort, wo Sichtbarkeit zunimmt, stellt sich die Frage nach Maß, Kontext und gegenseitiger Wahrnehmung.
Deutschland und der Umgang mit Vielfalt
Vielleicht liegt das eigentliche Problem weniger in der Vielfalt selbst als in der Unsicherheit, wie mit ihr umzugehen ist. Deutschland versteht sich als offene, pluralistische Gesellschaft. Gleichzeitig existieren klare, historisch gewachsene Vorstellungen davon, was als normal gilt.
Wenn neue Formen von Sichtbarkeit hinzukommen, geraten diese Vorstellungen unter Druck. Die Reaktion darauf ist oft Abwehr – nicht zwingend aus Ablehnung gegenüber Menschen, sondern aus dem Gefühl heraus, dass vertraute Ordnung ins Wanken gerät.
Diese Reaktionen sind erklärbar. Sie sind jedoch kein Argument gegen Vielfalt, sondern ein Hinweis darauf, dass gesellschaftliche Aushandlung aktiver geführt werden muss.
Rücksicht als Voraussetzung für Toleranz
Toleranz allein reicht nicht. Rücksicht allein auch nicht. Erst wenn beides ineinandergreift, entsteht ein stabiles Miteinander.
„Rücksicht bedeutet nicht Unsichtbarkeit.“
Rücksicht bedeutet dabei nicht Unsichtbarkeit. Sie bedeutet Sensibilität für Kontext, Raum und Wirkung. Toleranz wiederum bedeutet, diese Sensibilität nicht als Bedrohung zu lesen, sondern als Teil eines gemeinsamen Prozesses.
Der Blick nach Oman zeigt, dass klare Identität und Offenheit sich nicht ausschließen. Es zeigt aber auch, dass Offenheit an Grenzen stößt, wenn sie als Einladung zur Grenzüberschreitung verstanden wird.
Ein leiseres Gespräch wäre hilfreich
Vielleicht täte es gut, diese Fragen weniger moralisch und mehr analytisch zu diskutieren. Weniger darüber, wer Recht hat, und mehr darüber, warum Konflikte entstehen, obwohl alle Beteiligten von sich sagen würden, tolerant zu sein.
„Festlichkeit, Religion und Sichtbarkeit … verändern sich.“
Festlichkeit, Religion und Sichtbarkeit sind keine starren Kategorien. Sie verändern sich, je nachdem, wer sie lebt und wer sie betrachtet.
Die Herausforderung besteht darin, diese Veränderung nicht als Verlust zu begreifen, sondern als Aufgabe. Eine Aufgabe, die nur gemeinsam gelingen kann. (mig) Meinung
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