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Transport-Lkw der Geropers in Persien

Der Traum von Persien

Das bittere Ende einer deutschen Auswandererillusion

Auswandern als Rettung? Vor 100 Jahren setzten viele Deutsche alles auf Persien – und wurden von Versprechen, Vermittlern und Politik im Stich gelassen. Die Sorge vor unkontrollierter deutscher Zuwanderung ging um. Die Geschichte zeigt, wie Migration zum Markt für Hoffnungen wird.

Von Montag, 16.02.2026, 12:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 16.02.2026, 12:15 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Mitte 1924 machten sich mehrere Hundert Deutsche auf den Weg nach Persien. Nicht nach New York, nicht Buenos Aires, sondern in ein Land, das für viele kaum mehr war als ein ferner Name zwischen Orientromantik und geopolitischer Hoffnung. Was als große Auswandererchance begann, endete für viele in Enttäuschung, Verarmung und persönlichem Scheitern. Heute ist diese Episode fast vergessen – dabei erzählt sie mehr über Migration, Illusionen und politische Verantwortung, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

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Deutschland befand sich damals in einem Ausnahmezustand. Der Erste Weltkrieg war verloren, die gesellschaftlichen Folgen jedoch allgegenwärtig. Inflation, Arbeitslosigkeit, politische Radikalisierung und Gewalt prägten den Alltag. Für viele erschien Auswanderung als einziger Ausweg aus einer blockierten Zukunft. Jahrzehntelang hatte der Weg nach Westen offen gestanden. Die Vereinigten Staaten galten als Ventil europäischer Krisenmigration. Mit jeder vergeblichen Revolution wie jener von 1848 oder den Jahren der Sozialistengesetzte in den 1880ern schwoll die Zahl der Auswanderungswilligen an. Besonders rapide nach dem Weltkrieg. Die USA mit ihrem bereits erheblichen deutschen Bevölkerungsanteil befürchteten unerwünschten Zuwachs durch ehemalige Kriegsgegner. Mit dem Johnson-Reed-Act von 1924 schlossen sie dieses Ventil abrupt. Einwanderung wurde kontingentiert, Herkunft zum Ausschlusskriterium. Neben Deutschland waren auch etliche osteuropäische Staaten betroffen. Für Hunderttausende zerplatzte der amerikanische Traum über Nacht.

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In dieser Situation rückten alternative Ziele in den Fokus. Kanada, Lateinamerika – und eben auch Persien. Dieses Land schien vieles zu vereinen, was Auswanderer suchten: große Flächen, Rohstoffe, einen Modernisierungskurs unter Reza Schah und eine politische Führung, die sich von den alten imperialen Mächten England und Russland emanzipieren wollte, die Persien 1907 unter sich aufgeteilt hatten. Deutsche hingegen waren beliebt und geachtet. Die persische Gesandtschaft in Berlin trug so nicht wenig zur Entstehung dieser Hoffnungen bei. Ihre Vertreter formulierten freundlich, offen, zuweilen allzu optimistisch und verführerisch. Von wirtschaftlichen Chancen war die Rede, von deutscher Technik, von Kooperation. Konkrete Zusagen blieben aus, doch die Andeutungen reichten, um große Erwartungen zu wecken.

Organisiert wurde die Auswanderung mehrere Dutzend Interessierter von einer eigens gegründeten Gesellschaft, die unter dem Namen GEROPERS auftrat: Gesellschaft für Rohstoffförderung in Persien”. Ihre Geschäftsführer präsentierten sich als erfahrene Mittler zwischen Deutschland und Persien, sammelten hohe Geldbeträge ein und versprachen vorbereitete Siedlungsprojekte, Arbeitsplätze und staatliche Unterstützung. Viele der Auswanderungswilligen setzten alles auf diese Karte. Sie verkauften Hab und Gut, nahmen Kredite auf, verabschiedeten sich von ihren Familien. Zweifel wurden zerstreut, kritische Fragen als übertriebene Vorsicht abgetan.

Warnung vor unkontrollierter deutscher Zuwanderung

Dabei gab es Warnungen aus berufenem Munde – und zwar nicht wenige. Schon lange vor dem Aufbruch der Expedition hatte die deutsche Gesandtschaft in Teheran wiederholt auf die schwierigen Verhältnisse im Land hingewiesen. Der deutsche Gesandte Graf Friedrich-Werner von der Schulenburg galt als nüchterner Realpolitiker, der Persien gut kannte und Illusionen misstraute. Er wusste um die schwache Infrastruktur, die fragmentierte Verwaltung, die Bedeutung lokaler Machtverhältnisse und die Unsicherheit rechtlicher Zusagen. Vor allem aber sah er mit Sorge auf unkontrollierte deutsche Zuwanderung.

Diese war nicht unbegründet. Bereits in den Jahren zuvor hatte es erhebliche Probleme mit deutschen Staatsangehörigen in Persien gegeben. Besonders brisant war der Zustrom von Deutschen, die aus der französischen Fremdenlegion in Syrien desertiert waren. Mittellos, oft krank und mit Vorstrafen belastet, tauchten sie in persischen Hafenstädten wie Bandar Abbas auf. Dort bettelten sie deutsche Dampferkapitäne und Firmen um Arbeit an, suchten Unterkunft, verlangten Unterstützung. Mehrfach wandten sich deutsche Unternehmen hilfesuchend an die Gesandtschaft in Teheran, weil sie weder zuständig noch willens waren, diese Menschen zu versorgen.

Buchtipp:

Stefan Piasecki (Hrsg.)

Der Wille, der sich die Welt baut.“ Mit offenen Augen in den Untergang. Das katastrophale Scheitern deutscher Persien-Auswanderer im Jahr 1924. C. Z. Klötzels abenteuerliche Reportage ›Die Straße der Zehntausend‹ (1925) in einer überarbeiteten und ergänzten Fassung.

Broschiert, 275 Seiten, 19.99 EUR, ISBN 9783819491962 (Vertrieb: Tolino)

Für Graf von der Schulenburg war klar: Jede weitere unvorbereitete Auswanderung würde die Lage verschärfen, das Ansehen Deutschlands schädigen und die ohnehin empfindlichen politischen Beziehungen zu England belasten, das eigene Ziele in Persien verfolgte und dem Zustrom ehemaliger Kriegsgegner misstraute. Der ehemalige deutsche Konsul Waßmuß hatte im Weltkrieg eine persische Freiwilligentruppe aufgebaut und den „South Persian Rifles“ der Engländer stark zugesetzt. Entsprechend warnte Schulenburg vor unrealistischen Erwartungen, fehlender Planung und riet von privaten Auswanderungsinitiativen ohne staatliche Rückendeckung ab. Seine Einwände verhallten jedoch weitgehend ungehört bei den Organisatoren der GEROPERS.

Wenn Hoffnung größer ist als Information

Als die Expedition 1924 schließlich aufbrach, zeigte sich rasch, wie berechtigt diese Warnungen gewesen waren. Die Reise selbst entwickelte sich zu einem logistischen Albtraum. Genehmigungen fehlten, Transportwege waren unsicher, Verzögerungen an der Tagesordnung. Geld wurde knapp, man tauschte alles ein, bis man kaum noch etwas besaß als das, was auf dem Leibe zu tragen war. Was als planvolle Expedition verkauft worden war, entpuppte sich als schlecht vorbereiteter Zug von Menschen, deren Hoffnung größer war als ihre Informationen.

Vor Ort kollabierte die Illusion endgültig. Die persische Verwaltung fühlte sich nicht zuständig, zugesagte Projekte existierten nur auf dem Papier oder als Lügengebilde, Landzuweisungen blieben aus. Persien befand sich selbst in einem autoritären Staatsbildungsprozess, der wenig Raum für ausländische Siedlungsexperimente ließ. Entscheidungen waren situativ, Zusagen reversibel, Macht lokal verteilt. Wer europäische Maßstäbe anlegte, scheiterte zwangsläufig.

Hinzu kam, dass die finanziellen Mittel der Auswanderer schon bald nach Ankunft in der Türkei aufgebraucht waren. Unterstützung aus Deutschland blieb aus, während im Hintergrund immer deutlicher wurde, dass die Geschäftsführer der GEROPERS Gelder veruntreut hatten. Verträge waren nicht abgesichert, Versprechen nie eingelöst worden. Die Auswanderer waren nicht nur gescheitert, sie waren systematisch ausgenommen worden.

Selbstüberschätzung und mangelnde Vorbereitung

Der Journalist Cheskel Zwi Klötzel, der die Expedition begleitete, hielt das Geschehen mit bemerkenswerter Klarheit fest. Seine Reportagen sind frei Pathos, seine Sprachmacht vermittelt gleichwohl die fremde Exotik des aus dem zivilisatorischen Schlaf erwachenden Persiens, das sich aus den Wirren des Weltkriegs und den Griffen der Kolonialmächte entwandt. Sie beschreiben ein deutsches Scheitern: Selbstüberschätzung, mangelnde Vorbereitung, der Glaube, man könne komplexe Realitäten mit Entschlossenheit und Technik beherrschen. Nicht Persien sei gescheitert, so Klötzels implizite Diagnose, sondern ein bestimmtes deutsches Denken.

Hundert Jahre später wirkt diese Geschichte demnach beklemmend aktuell. Wieder schotten sich die USA ab. Wieder verändern politische Entscheidungen globale Migrationsrouten. Noch immer, oder schon wieder, gehen über 200.000 Deutsche jährlich ins Ausland, weil sie sich dort bessere Chancen ausmalen als in ihrer Heimat. Wieder entstehen neue Versprechen, neue Zielorte, treten zwielichtige Vermittler auf. Die gescheiterte Persien-Auswanderung von 1924 erinnert daran, dass Migration immer auch ein Markt für Hoffnungen ist – und dass dort, wo Hoffnung regiert, Vorsicht oft als Schwäche gilt.

Diese Episode ist keine Randnotiz. Sie ist ein Lehrstück über die dünne Linie zwischen Mut und Selbstüberschätzung, über politische Verantwortung und private Geschäftemacherei. Und sie zeigt, wie schnell aus der Suche nach Zukunft ein Weg ins Nichts werden kann, wenn Warnungen ignoriert und Wirklichkeiten ausgeblendet werden. (mig) Aktuell Feuilleton

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