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Dr. Sabine Schiffer, Institut für Medienverantwortung, imv, medien, migazin
Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung © MiGAZIN

Perspektivwechsel

Bekenntnisse eines Schleppers

Die Verantwortlichen für die Flüchtlingskatastrophe im Mitelmeer mit mehreren hundert Toten, waren schnell ausgemacht. Das Böse hat seit dem einen Namen: Schlepper, die aus Geldgier Flüchtlinge in den Tod treiben. Ob die Schlepper das genauso sehen wie wir? Sabine Schiffer wagt einen Perspektivwechsel.

Von Donnerstag, 23.04.2015, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 26.04.2015, 18:36 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Es ist ja wirklich nett, dass wir Flugblätter in unserer Sprache erhalten. Sonst hätte ich gar nicht mitbekommen, dass ich in Europa gesucht und bedroht werde. Bedroht von Verhaftung und Verurteilung. Gibt es in Europa die Todesstrafe? Nun ja, der Tod droht mir auch hier. Wenn ich nicht als Schlepper arbeite, als was dann?

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Fischerei geht nicht mehr, die Meere sind leergefischt. Es reicht nicht mehr, um die Familie zu ernähren. Und die Piraterie ist ja auch nicht gerade ein angesehener Beruf und ungefährlich auch nicht. Und Seefahrt ist in unserer Familie Tradition. Freilich könnte ich auch umschulen. Aber wohin? In die Landwirtschaft, die auch keine Familie mehr ernährt, weil die EU-Billigware und Lebensmittelhilfen unsere Märkte zerstören? Blumen wären schön, aber die nimmt uns die EU auch nicht ab. Entlang der Einfuhrverbote bleiben nicht wirklich viele Möglichkeiten, für die es nicht schon viel zu viele gut ausgebildete Leute gäbe, die auch jetzt schon keinen Job bekommen, weil man sie ja dann auch bezahlten müsste.

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Also, bleibe ich lieber auf dem Wasser. Klar, die aktuelle Situation hat uns einen wahren Geldsegen beschert, der vielen übertrieben erscheint. Aber als Geschäftsmann muss ich natürlich Zeiten einkalkulieren, in denen kein Geld zu verdienen ist: Winter, geschlossene Grenzen, neue Abkommen mit unseren korrupten Regierungen zur Internierung von Flüchtlingen und was weiß ich noch alles.

Die Flüchtlinge tun mir echt leid. Die haben schon fast nichts mehr, wenn sie hier ankommen und den Rest knöpfe ich ihnen noch ab. Sorry, aber was soll ich machen? Könnte ich wählen, würde ich auch lieber wieder fischen gehen. Aber die Wahl wurde uns von Großtrawlern abgenommen. Komisch, dass die EU-Staaten über die Folgen jammern, als wären wir dafür verantwortlich. Sie lassen immer noch Gewinne privat bei den Lebensmittelkonzernen zu Buche schlagen, während die Folgekosten verstaatlicht werden – und das bei gleichzeitiger Dämonisierung jeglichen sozialistischen Ansatzes. Aber vielleicht habe ich den Sozialismus ja nicht richtig verstanden. Ich bin schließlich nur ein Fischer. Naja, war es.

Was mich aber wirklich bedrückt und was aus dem Flugblatt hervor geht: Ich soll skrupellos und menschenverachtend sein und das Leben der Flüchtlinge unnötig aufs Spiel setzen. Ja geht’s noch? Welche Brille haben die Schreiberlinge solcher Zeilen denn auf? Werden die in Europa so schlecht informiert, dass sie so einen Schwachsinn von sich geben müssen? Das Dilemma ist doch ein anderes. Wer verlässt schon seine Heimat? Warum und unter welchen Bedingungen? Nicht nur Krieg und Gefahr sind dafür Gründe, sondern auch die totale Verelendung, die Aussichtslosigkeit. Und die hängt mit dem weltweiten Wirtschaften zusammen, IWF-Kredite, Zerstörung lokaler Märkte, Kontrolle derselben durch nicht wieder aussähfähiges Monsanto-Saatgut und Nestlé-Wasser.

Soll ich also die Menschen, die noch Hoffnung haben, hier verhungern lassen, statt in ihren Heimatländern? Ist das Risiko der Meeresüberfahrt wirklich ein Verbrechen, während die Landgrenzen vermint und tödlich sind? Bin ich ein guter Mensch, wenn ich den Leuten sage: „Sorry, ich fahre sie nicht rüber nach Europa, weil ich sie nicht gefährden will!“ Wie lächerlich ist das denn?

Sowas können nur Menschen denken und behaupten, die sich beim Afrika-Urlaub auf den Besuch von Privatstränden beschränkt haben. Ja, entschuldigen Sie, wenn ich das sage, aber BESCHRÄNKT scheint mir das richtige Wort hier – für diejenigen, die uns kriminalisieren, aber auch im anderen Wortsinne für diejenigen, die unter der ungerechten Wirtschaftsordnung leiden. Menschenrechte scheinen nur für diejenigen zu gelten, die auf der vorläufigen Gewinnerseite des Kapitalismus stehen, der Ausbeute und Kriege verursacht. Unsere Leben werden dadurch beschränkt. Dafür fühle ich mich nun wirklich nicht verantwortlich. Und wenn die vermeintlichen Gewinner so langsam merken, dass die Rechnung ohne die Verlierer nicht aufgeht und die ihre Rechte einfordern, dann wünschte man sich, sie würden das anwenden, was sie predigen. Und dann könnte ich endlich wieder fischen gehen.

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MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Veritas sagt:

    @Sabine Fischer… Ein weiser Perspektivenwechsel. Raus aus den typischen Täter-Opfer-Fallen und rein in die korrupte Realität der Politbühne, die der profitgierigen Finanzwelt zu Füßen liegen, ungeachtet aller Opfer und Ausbeutung. Diese finden immer einen oder mehrere, die als Sündenbock dastehen. Ganz zur Befriedigung des „gemeinen“ Volkes eines Wohlstandslandes, das eh nur „unter“halten werden will und nur allzu gern den Richter spielt, wenn es dann auch mal darf. Hut ab vor diesem Artikel und danke.

  2. Henriette sagt:

    Ich schließe mich Veritas an und auch DANKE für den Artikel.

  3. posteo sagt:

    Auch ich lese Frau Schiffers feine Satiren immer wieder gern.
    Jetzt aber im Ernst. Der Schlepper kassiert pro Flüchtling mehrere tausend Dollar. Bei 100 Passagieren sind das etwa eine halbe Million pro Fahrt. Vom Ausgebeuteten zum Ausbeuter – no mercy!

  4. Narin sagt:

    Sorry, aber das geht bei mir trotz Zustimmung zu allen angeführten Argumenten einfach zu weit. Grausamkeit bleibt Grausamkeit und Gier bleibt Gier.

  5. Pingback: Hinweise des Tages II | NachDenkSeiten – Die kritische Website

  6. ich sagt:

    wie schön desinformation funkioniert merkt man an den antworten von posteo; das sind menschen die meisten wenig rechnen und lesen gelernt haben, die vor schlechten zuständen weg wollen. wo die famielen das ganze geld zusammentragen um einer person so eine reise ins ungewisse zu ermöglichen. glauben sie doch nicht das diese menschen 1000 dollar haben. dieser artikel sagt es ganz deutlich: Die westlichen nationen mit ihrerer unüberlegten handlungsweise haben den größten anteil daran.
    z.b.: woraus ein handy hergestellt wird (öl bestimmte metalle) kommt alles aus den regionen wo ach so wunderbaren menschenrechtsbekenner ihre kriege austragen.

  7. karakal sagt:

    Das läßt mich an die Piraterie der nordafrikanischen Barbaresken (siehe Wikipedia: Geschichte der Piraterie) vom 16. bis zum 19. Jh. denken. Die Christen hatten die meisten Muslime von der Iberischen Halbinsel vertrieben und die verbliebenen zwangsgetauft und der Inquisition unterstellt. Als diese Morisken nach über hundert Jahren immer noch heimlich den Islam praktizierten, wurden sie nach Nordafrika deportiert, und da sie keine Möglichkeit hatten, Spanien und Portugal zurückzuerobern und in ihre Heimat zurückzukehren, überfielen sie zur Vergeltung als Piraten christliche Schiffe. Das war die Grundlage für diese Piraterie, doch waren alle jener Piraten Nachkommen der Morisken und kamen die überfallenen Schiffe nur aus den Staaten, aus denen Muslime vertrieben worden waren? – Keineswegs! Unter den Flüchtlingsschleppern mögen sehr viele sein, die sich auch auf andere Weise ihren Lebensunterhalt verdienen könnten. Doch scheinen sie mit den Piraten von damals gemeinsam zu haben, daß sie ihr Gewerbe nicht als Verbrechen ansehen.

  8. Arnold sagt:

    Nur so ganz theoretisch: Mit der gleichen Begründung kann man andere Länder überfallen, um den Hunger im eigenen Land zu beseitigen. Schuld sind dann die anderen. Tolle Logik.

  9. Felix Urbat sagt:

    Die Gesamtproblematik ist von der ersten Welt gemacht. Das steht außer Frage. Dieser Artikel ist jedoch eine Verniedlichung von skupellosen Profiteuren der Verzweiflung. Hätten Schlepper einen halbwegs funktionierenden moralischen Kompass, wären durch völlig überbesetzte Boote verursachte Dramen mit hunderten Toten im Mittelmeer nicht so oft an der Tagesordnung wie dies heute der Fall ist. Da es solche Menschen aber nun einmal gibt und immer geben wird, ist die EU in der Verantwortung und sollte Fähren als legale Möglichkeit anbieten. Diese Maßnahme steht nicht im Widerspruch sondern im Einklang mit einem anschließenden (fairen und raschen) Asylverfahren. Jedwedes Seenotrettungsprogramm ist nur Makulatur.

  10. aloo masala sagt:

    Der Politik ist ausgezeichnet gelungen, dass wir uns mit den falschen Fragen beschäftigen. Die Bundesregierung hat die Schlepper als Sündenbock präsentiert und wir arbeiten uns nun an den Schleppern ab. Die Schlepper spielen in dieser Geschichte keine bedeutende Rolle, zumindest keine, die es wert ist, sich so viele Gedanken darüber zu machen.

    In das Fadenkreuz der Kritik gehört die Bundesregierung als auch die EU. Das Dilemma der EU ist, dass sie auf der einen Seite so tun möchte, als ob ihnen Menschenrechte wie das Asylrecht etwas bedeuten. Auf der anderen Seite möchte die EU kein Asyl gewähren. Wie löst die EU das Problem? Wer Schutz genießen oder Asyl beantragen möchte, muss nach Europa gelangen. Folglich verhindert die EU nahezu alle legalen Möglichkeiten, dass Flüchtlinge nach Europa gelangen können, um den in zustehenden Schutz zu erhalten.

    Den Flüchtlingen bleibt nur die Überfahrt über das Mittelmeer, der zu einem Überlebenstest derjenigen geworden ist, die nach UNHCR zum großen Teil Schutz bedürfen und denen auch nach den internationalen Flüchtlingskonventionen Schutz zusteht. Die Bundesregierung als auch die EU nehmen den Tod der Flüchtlinge als Mittel der Abschreckung in Kauf und entziehen sich gleichzeitig ihrer internationalen Verantwortung.

    Für ihre schändliche Politik gehört die Bundesregierung erst Recht an den Pranger und von den Medien zerrissen, wie Pegida angeprangert und zerrissen wurde. Stattdessen beschäftigen wir uns mit den völlig irrelevanten Symptomen einer entmenschlichten Politik, wie zum Beispiel den Schleppern.