
Hessen
Rund 16.800 Kinder mit Sprachdefiziten in Vorlaufkursen
Rund 16.800 Kinder in Hessen besuchen verpflichtende Deutsch-Vorlaufkurse. Das Lernprogramm soll den Start in die Grundschule erleichtern. Warum dies nach Ansicht des Kultusministeriums gut gelingt – und was Kritiker sagen.
Donnerstag, 22.01.2026, 13:46 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 22.01.2026, 13:46 Uhr Lesedauer: 2 Minuten |
Fast ein Drittel des Jahrgangs angehender Schulanfängerinnen und Schulanfängern in Hessen wird in einem Vorlaufkurs für Deutsch auf die Einschulung vorbereitet. Landesweit lernen rund 16.800 Kinder in etwa 2.400 Vorlaufkursen, wie das Kultusministerium in Wiesbaden mitteilte. Das Angebot wurde im Schuljahr 2002/2003 eingeführt und ist für Kinder mit Sprachdefiziten seit dem Schuljahr 2021/2022 verpflichtend.
„Nur wer Deutsch spricht, kann sich dann auch mit seinen Leistungen für ein selbstbestimmtes Leben entfalten“, erklärte Kultusminister Armin Schwarz (CDU). Das sei die wichtigste Grundlage für den Bildungserfolg und die Entwicklung junger Menschen. Seit Einführung der Vorlaufkurse sei die Zahl der Zurückstellungen zum Schulstart aus rein sprachlichen Gründen deutlich zurückgegangen, teilte das Ministerium mit. Es gebe zudem weniger Wiederholer.
Anderthalb Jahre vor der Einschulung wird in Hessen beim Schulaufnahmeverfahren geprüft, ob sprachlicher Förderbedarf besteht. In dem Fall muss das Kind zur Vorbereitung auf den Schulanfang ein Jahr lang den Deutschkurs besuchen. Die Vorlaufkurse werden von den Schulen organisiert und finden in der Grundschule oder in der Kindertagesstätte statt.
Hessen als Vorbild für andere Bundesländer
„Etwa 95 Prozent der Kinder schaffen anschließend den Sprung in die erste Klasse“, erläuterte das Ministerium. „Die anderen werden vom Unterricht zurückgestellt, lernen weiter Deutsch und können dann im Verlauf des Schuljahres nachrücken.“
Den Angaben zufolge haben etwa die Hälfte der Kinder, die die Vorlaufkurse besuchen, eine ausländische Staatsbürgerschaft. Mehr als die Hälfte der Erstklässlerinnen und Erstklässler hat einen Migrationshintergrund. Mit den Deutsch-Vorlaufkursen vor der Grundschule war Hessen bundesweit Pionier. Nach Angaben des Ministeriums folgen die Länder Bayern seit diesem Schuljahr und Nordrhein-Westfalen ab dem Jahr 2028 dem hessischen Beispiel.
Vorlaufkurse in der Kritik
So positiv das hessische Vorbild auch zunächst klingt, frei von Kritik ist es nicht: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wendet ein, dass die Kurse Kinder sehr früh als „defizitär“ markieren. Eltern berichten, dass in den Vorlaufkursen teils fast ausschließlich Kinder mit Migrationsgeschichte zusammensitzen. Das noch junge Kind werde dafür aus der vertrauten Kita-Umgebung herausgelöst, wo sie die Sprache spielerisch lernen. Kritisiert wird auch die Organisation: Wenn Kurse in der Grundschule stattfinden, müssen Kinder zusätzlich gebracht und abgeholt werden. Für berufstätige Eltern sei das oft kaum leistbar. Die GEW plädiert daher für eine Verankerung der sprachlichen Bildung in der Kita.
Nach Darstellung der Bildungsgewerkschaft fehlt es zudem mancherorts an qualifiziertem Personal für „Deutsch als Zweitsprache“. So werde nicht gezielt gefördert, sondern eher „nach Schema F“. Außerdem werde die Rolle der Erstsprache unterschätzt: Wer in der Familiensprache wenig gefördert wird, hat es auch im Deutschen schwerer. Die Gefahr sei, dass die Statistik gut aussieht, die Kinder aber trotzdem mit sprachlichen Hürden in die Schule starten. (dpa/mig) Aktuell Panorama
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