
OFEK-Beratungsstatistik
Antisemitismus am Arbeitsplatz, in Schule und Wohnhaus
Am Arbeitsplatz diskriminiert, im Wohnhaus bedroht, in der Schule angefeindet: Jüdische Menschen berichten von Antisemitismus in nahezu allen Lebensbereichen. Der Zentralrat beklagt gesellschaftliche Gewöhnung an Antisemitismus. Antidiskriminierungsbeauftragte Ataman fordert stärkeren gesetzlichen Schutz.
Dienstag, 03.11.2026, 16:16 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 03.11.2026, 16:16 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Antisemitische Diskriminierung am Arbeitsplatz, bedrohliche Aufkleber vor der Wohnungstür oder Anfeindungen gegen einen neunjährigen Schüler: Antisemitismus begegnet jüdischen Menschen in Deutschland in nahezu allen Lebensbereichen. Das zeigt die neue Beratungsstatistik der Organisation OFEK, die zahlreiche Fälle aus dem Alltag dokumentiert.
Zwischen Oktober 2025 und September 2026 verzeichnete die auf antisemitische Gewalt und Diskriminierung spezialisierte Beratungsstelle bundesweit 1.109 Beratungsfälle, nahezu ebenso viele wie im Vorjahreszeitraum mit 1.108 Fällen. In 980 Fällen ging es um Antisemitismus, davon berichteten Ratsuchende in 778 Fällen über konkrete Vorfälle.
Besonders häufig betrafen die Beratungen das Internet, Bildungseinrichtungen und das Arbeitsleben. Im Bereich Wohnen dokumentierte OFEK 66 Fälle, an Schulen 73, an Hochschulen 69 und im Kunst- und Kulturbereich 63. Auch aus Arztpraxen, Krankenhäusern, Behörden und dem öffentlichen Nahverkehr berichteten Ratsuchende von antisemitischen Erfahrungen.
Antisemitismus am Arbeitsplatz
Wie sich Diskriminierung im Beruf äußern kann, zeigt der Fall eines orthodoxen Juden, der eine leitende Position in einem Pharmaunternehmen innehat. Der Mann hatte mit seinem Arbeitgeber vereinbart, für jüdische Feiertage Urlaub zu nehmen. Eine neue Abteilungsleiterin störte sich nach seinen Angaben daran und beschwerte sich wiederholt über seine angeblichen „Sonderrechte“ und „Sonderbehandlung“. Schließlich verweigerte sie ihm den Urlaub.
Der Mitarbeiter wandte sich an die Unternehmensführung. Nach mehreren Gesprächen wurde ihm der Urlaub zwar bewilligt. Zugleich soll ein Mitglied der Geschäftsführung jedoch erklärt haben, künftig keine Juden mehr einstellen zu wollen, weil diese zu kompliziert seien.
Bedrohung im eigenen Wohnhaus
In einem weiteren dokumentierten Fall fand eine Person wiederholt Aufkleber mit dem Schriftzug „There is only one solution, Intifada revolution“ an oder unmittelbar vor ihrer Wohnungstür. Da das Mehrfamilienhaus nur mit Schlüssel oder über die Klingelanlage zugänglich ist, befürchtete sie, dass Nachbarn dafür verantwortlich sein könnten. Die Person vermutete, dass sie durch Gespräche auf Hebräisch oder eine Zeitung der Jüdischen Gemeinde im Briefkasten als jüdisch erkannt worden war.
Auch ein Fall aus einer Grundschule verdeutlicht die Folgen antisemitischer Anfeindungen. Ein neunjähriger Junge israelischer Herkunft wurde nach Angaben seiner Familie wiederholt von Mitschülern angefeindet. Kinder sollen ihm sogar gewünscht haben, während eines Ferienaufenthalts in Israel getötet zu werden.
Die Eltern wollten schließlich die Schule wechseln, weil sie keine ausreichenden Schutzmaßnahmen für ihren Sohn erkennen konnten. Zum Abschied soll ihnen die Schule geraten haben, ihr Kind solle seine jüdisch-israelische Identität in der neuen Klasse besser nicht offenlegen, damit es nicht erneut zu Problemen komme.
Die Fallbeschreibungen beruhen auf Schilderungen der Ratsuchenden und wurden laut OFEK nicht unabhängig überprüft.
Antisemitismus beeinflusst Lebensentscheidungen
OFEK-Geschäftsführerin Marina Chernivsky spricht von einer alarmierenden Entwicklung. Antisemitismus bestimme zunehmend mit, „wo und wie Menschen wohnen, arbeiten, zur Schule gehen und feiern“. Besonders schwer wiege es, wenn Anfeindungen über längere Zeit andauerten und Verantwortliche nicht eingriffen.
Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, beklagte, antisemitische Schmierereien und Hausverbote für Juden in Hotels, Geschäften und Restaurants lösten gesellschaftlich „kaum mehr einen Aufschrei“ aus. Antisemitismus breite sich zunehmend auch in der Mitte der Gesellschaft aus.
Die unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, forderte einen stärkeren gesetzlichen Schutz. Die Fälle beträfen nicht nur Straftaten, sondern auch alltägliche Diskriminierung. Der Schutz davor sei „eine nationale Aufgabe“. (mig) Aktuell Gesellschaft
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