
Warten auf den Richter
Zehntausende Asylverfahren dauern länger als drei Jahre
Mehr als 61.000 Asylverfahren laufen bereits seit über drei Jahren. Für Betroffene bedeutet das oft eine lange Zeit der Ungewissheit. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass solche Wartezeiten die psychische Gesundheit belasten und die Integration erschweren können.
Montag, 02.11.2026, 13:03 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 02.11.2026, 13:03 Uhr Lesedauer: 2 Minuten |
Mehr als 136.000 bei Gericht anhängige Asylverfahren sind in Deutschland auch nach über zwei Jahren noch nicht endgültig abgeschlossen. Bei 61.054 Verfahren ist die Drei-Jahres-Grenze überschritten. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Bundestagsanfrage hervor. Die Zahlen beziehen sich auf den 31. Juli 2026.
Neu ist das Problem nicht. Schon seit Jahren beklagen Hilfs- und Beratungsstellen die mit langen Wartezeiten verbundenen Belastungen für die Betroffenen. Bereits der erste Asylbescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) kann lange auf sich warten lassen. Wer eine Ablehnung erhält und dagegen klagt, für den geht das Warten weiter – und damit die Zeit der Unsicherheit.
Psychische Gesundheit leidet unter Ungewissheit
Wie stark sich das auswirken kann, zeigt eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Forschende untersuchten die psychische Gesundheit von 925 Geflüchteten vor und nach einer positiven Asylentscheidung. Vor der Anerkennung wiesen 47 Prozent sehr niedrige Werte für ihre psychische Gesundheit auf. Danach waren es noch 35,7 Prozent.
Die Forschenden sehen darin deutliche Belege für den positiven Einfluss einer Schutzgewährung auf das psychische Wohlbefinden. Ein ungeklärter Aufenthaltsstatus könne Gefühle von Machtlosigkeit fördern und bestehende psychische Belastungen verstärken. Die Studienautoren plädieren für effizientere Asylverfahren, ohne Abstriche bei der Qualität der Entscheidungen.
Auch der berufliche Neuanfang kann sich durch langwierige Verfahren verzögern. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt zu dem Ergebnis, dass lange Asylverfahren sowohl den Einstieg in Beschäftigung als auch den Besuch von Sprachkursen erschweren.
Gerichte kommen mit Verfahren nicht hinterher
Zur Belastung der Gerichte tragen auch angefochtene Entscheidungen des Bamf bei. Im Jahr 2025 wurden laut Bundeszentrale für politische Bildung rund 90 Prozent aller ablehnenden Asylbescheide beklagt. Nicht selten haben die Kläger Erfolg: Im ersten Halbjahr 2026 sprachen Gerichte in 3.837 Verfahren Schutz zu oder stellten ein Abschiebungsverbot fest. Das waren knapp 15 Prozent aller inhaltlich entschiedenen Klagen, wie aus einer weiteren Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervorgeht.
Ein Grund für den Rückstau ist auch die hohe Arbeitsbelastung der Verwaltungsgerichte. Am Verwaltungsgericht Karlsruhe verdoppelte sich die Zahl neuer Asylverfahren 2025 nahezu auf 10.479. Der Bestand unerledigter Verfahren stieg um rund 145 Prozent auf 4.634. Die Gerichtsleitung beklagte eine unzureichende Personalausstattung.
Dass Verfahren schneller abgeschlossen werden können, zeigt Baden-Württemberg. Mit zusätzlichen Richterstellen und spezialisierten Asylkammern sank die durchschnittliche Dauer auf 7,6 Monate. Auch Hessen bündelt Verfahren nach Herkunftsstaaten an bestimmten Gerichten. Am Verwaltungsgericht Darmstadt halbierte sich die durchschnittliche Verfahrensdauer unter anderem dank einer eigenen Asylkammer auf rund 20 Monate. Sachsen setzt auf ein umstrittenes Konzept: Einsatz von künstlicher Intelligenz. Eine in Dresden erprobte Software soll Asylakten teilweise automatisiert auswerten und so die Gerichte entlasten. (mig) Aktuell Panorama
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