Heimsuchung, Film, Kino, Nationalsozialismus, Heimat, Flucht, Krieg
Plakat zum Film "Heimsuchung"

Kinostart für „Heimsuchung“

Ein Haus am See – und die Abgründe deutscher Geschichte

Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ wird zum Kinostoff: An einem See in Brandenburg wechseln Bewohner und politische Systeme. Besonders eindringlich wird das Schicksal einer jüdischen Familie geschildert. Die Konzentration auf knapp zwei Stunden hat allerdings ihren Preis.

Von Dienstag, 13.10.2026, 13:39 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 13.10.2026, 13:43 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

___STEADY_PAYWALL___

Unter den deutschen Regisseuren ragt Volker Schlöndorff nicht nur als Autorenfilmer mit einer der längsten, konstant aktiven Karrieren heraus, sondern mehr noch für sein Interesse an der deutschen Literatur. Kein anderer hat so konsequent und mutig wichtige Werke vor allem auch der Gegenwartsliteratur verfilmt. Von „Der junge Törless“ (Musil, 1966) über „Michael Kohlhaas“ (Kleist, 1969), „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (Böll, 1975) und „Die Blechtrommel“ (Grass, 1979) bis zu „Homo Faber“ (Frisch, 1991).

Und nun also „Heimsuchung“, Jenny Erpenbecks mehrfach ausgezeichneter Roman aus dem Jahr 2007, der seinen Weg als Pflichtlektüre an die Schulen gefunden hat und jüngst als länderübergreifendes Abiturthema für die Jahre 2026-28 festgelegt wurde.

Am Anfang steht die Geschichte des Grundstücks. Detlev Buck spielt den Großbauern, der in den 1920er Jahren seine Tochter Clara enterbt, als diese unehelich schwanger wird, und das Wäldchen, das er ihr vererben wollte, kurzerhand verkauft. Ein Käufer ist ein Architekt (Lars Eidinger) aus dem nahen Berlin, der auf dem Seegrundstück ein Sommerhaus bauen will, in dem der Geschiedene mit seiner zweiten Ehefrau (Susanne Wolff) ein neues Leben beginnen möchte. Der andere Teil des Grundstücks, auf dem ein kleineres Badehaus steht, geht an die Familie eines jüdischen Tuchfabrikanten (Ulrich Matthes).

Eidinger als opportunistischer Aufsteiger

Der Abschnitt, der sich um die parallelen und doch gegensätzlichen Schicksale dieser zwei Familien dreht, ist zweifellos das Herzstück des Romans und eben auch des Films. Eidinger gibt der Rolle seines opportunistischen Aufsteigers jene Schmierigkeit, auf die der Schauspieler inzwischen spezialisiert ist. Susanne Wolff als zuerst naive Frau, die sich nicht zuletzt durch das Erlebnis der sowjetischen Besatzung vom eigenen Mann und vom Umfeld entfremdet, prägt sich nachhaltig ein.

Wie Schlöndorff mit der Geschichte der benachbarten jüdischen Familie umgeht, übertrifft fast noch den Roman. In sprechenden Details macht der Film die zunehmend prekäre Stellung der Familie in der NS-Zeit deutlich. Den Verlust an Privilegien und Komfort etwa, der der Internierung und Verschleppung vorausgeht, den desinteressierten Nachbarn aber verborgen bleibt.

Erst später findet jemand die Briefe, die die kleine Doris an den verhafteten Vater schrieb, die aber nie abgesendet wurden und als Knäuel in einem Möbelstück überdauerten. Die Momente, in denen das Mädchen zusammen mit seiner Mutter ins Warschauer Ghetto abtransportiert wird, sind die einzigen, in denen der Film seinen idyllischen Schauplatz am See in Brandenburg verlässt.

Ein „Wessi“ reißt das Haus ab

Nach dem Krieg bekommen eine Schriftstellerin (Martina Gedeck) und ihr Mann (Michael Maertens) das Haus am See zugesprochen. In der neu gegründeten DDR gehören sie als Kommunisten zur Elite. Sie sind sich jedoch nur allzu bewusst, dass sie das Moskauer Exil nur durch Anpassung ans Stalin-Regime überleben konnten. Als Erzählerin aus dem Off kristallisiert sich immer deutlicher die Enkelin der Schriftstellerin heraus. Der Bogen der Geschichte kommt schließlich in der Nachwendezeit an, in der das Haus von einem „Wessi“ erworben und abgerissen wird.

Eigentlich hätte es da Stoff für eine zehnteilige Serie gegeben. Mit einer Laufzeit von nur knapp zwei Stunden hat Schlöndorff dem Drang zur Ausdehnung aber erfolgreich widerstanden. Der Preis dafür ist, dass die einzelnen Figuren nur sehr wenig Raum bekommen, die Komplexität ihrer Rollen wirklich zu entfalten.

Sommerhaus der Familie Einstein

Dennoch liegt einer der großen Reize von „Heimsuchung“, sowohl in der Film- als auch in der Buchfassung, gerade in der Flüchtigkeit. Weil die Figuren immer nur für begrenzte Zeit auftreten, kommt das Haus als Konstante, als passiver Zeuge der großen Historie, umso besser zur Geltung.

Als idealen Drehort hat Schlöndorff dafür das Sommerhaus der Einstein-Familie in Caputh bei Potsdam gefunden, das als hervorragendes „Stand-in“ für Erpenbecks reales Vorbild am Scharmützelsee funktioniert. Es tröstet, dass – anders als der Film es in der letzten Szene zeigt und das Buch es erzählt – beide Häuser immer noch stehen, das der Einsteins ebenso wie das der Erpenbecks. (epd/mig) Aktuell Feuilleton

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)