
Verkannter rechter Terror
Wie der Münchner OEZ-Anschlag jahrelang als Amoklauf eingestuft wurde
Neun Menschen mit Migrationsgeschichte wurden am Olympia-Einkaufszentrum vor zehn Jahren ermordet. Obwohl zahlreiche Hinweise auf ein rassistisches Motiv deuteten, hielten die Behörden jahrelang an der Einordnung als unpolitischer Amoklauf fest - ein Rückblick.
Von Daniel Staffen-Quandt Montag, 20.07.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 19.07.2026, 16:26 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Es ist später Freitagnachmittag. Gegen 17.50 Uhr an diesem 22. Juli 2016 betritt der 18-jährige David S. ein Schnellrestaurant, es liegt direkt gegenüber dem Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ). S. hat einen Rucksack dabei, darin eine reaktivierte Theaterpistole und mehr als 500 Schuss Munition, die er sich im Darknet besorgt hat. Über ein gefälschtes Facebook-Profil hat er versucht, gezielt Jugendliche in das Schnellrestaurant zu locken.
Auf der Toilette lädt der 18-jährige Deutsch-Iraner seine Waffe durch. Kurz darauf bricht im Gastraum das Chaos aus. David S. schießt gezielt auf eine Gruppe Jugendlicher. Fünf Menschen sterben noch im Restaurant. Der Täter verlässt das Gebäude, schießt auf der Straße auf Passanten und flüchtende Menschen. Vor einer Tiefgarage tötet er zwei weitere Personen, nahe einem U-Bahn-Eingang und im Einkaufszentrum selbst sterben zwei weitere Menschen.
Insgesamt feuert David S. 59 Schüsse ab, bevor er vom Parkdeck aus von einem Anwohner beschimpft und von Zivilpolizisten beschossen wird. Er flieht in einen Fahrradkeller, vor dessen Aufgang er sich Stunden später, um 20.30 Uhr, vor den Augen der Polizei selbst tötet.
Erst spät in der Nacht gibt es vorsichtige Entwarnung
Doch davor geht die Polizei, während der Täter längst in seinem Versteck ist, aufgrund diverser Mitteilungen in sozialen Medien von bis zu drei Tätern mit Langwaffen aus, die in der Stadt unterwegs sein sollen. Die Polizei fordert die GSG 9 und Spezialeinheiten an.
Der öffentliche Nahverkehr wird komplett eingestellt. Der Hauptbahnhof wird evakuiert, Tausende Menschen fliehen aus der Innenstadt. Die Polizei fordert die Bürger auf, zu Hause zu bleiben. Unter dem Hashtag #OffeneTür bieten Münchnerinnen und Münchner Passanten Zuflucht in ihren Wohnungen an. Erst spät in der Nacht gibt die Polizei vorsichtige Entwarnung: Es handelt sich offenbar um einen Einzeltäter, der inzwischen tot ist.
Acht der Ermordeten sind Jugendliche
Acht der neun Opfer sind zwischen 14 und 21 Jahren, das neunte Opfer ist 45 Jahre alt. Sie alle eint ihre Migrationsgeschichte: Sie sind albanischer, türkischer oder griechischer Herkunft oder gehören der Minderheit der Sinti und Roma an. Für die Hinterbliebenen der Getöteten ist schnell klar: S. hat die neun Menschen nicht willkürlich erschossen, er hat sie nach ihrem Aussehen und ihrer Herkunft ausgewählt. Doch die Behörden wollen davon zunächst nichts wissen.
Stattdessen legen sich die Staatsanwaltschaft München und das Bayerische Landeskriminalamt im März 2017 in ihrem ersten Abschlussbericht fest: Es handele sich um einen klassischen und unpolitischen Amoklauf. Als Hauptmotiv nennen die Behörden persönliche Kränkung. David S. sei von der fünften bis zur achten Klasse von Mitschülern massiv gemobbt und misshandelt worden. Auch deshalb habe er unter schweren psychischen Problemen gelitten, hieß es.
David S. war stolz, an Hitlers Geburtstag geboren zu sein
Zwar erwähnen die Ermittler durchaus, dass der Täter, ein gebürtiger Münchner, stolz darauf war, am selben Tag wie Adolf Hitler Geburtstag zu haben, und dass er Hakenkreuze gezeichnet sowie Ausländer als „Submenschen“ beschimpft hatte. Diese rechtsextreme Ideologie sei aber nur „Beifang“ gewesen, die psychische Erkrankung und das Mobbing stünden im Vordergrund. Durch den Migrationshintergrund des Täters sahen sich die Ermittler in ihren Thesen bestätigt.
Diese offizielle Einschätzung löste bei den Angehörigen der Opfer und zivilgesellschaftlichen Initiativen wie „München OEZ erinnern!“ Verwunderung und Entsetzen aus. Unter dem Druck der Öffentlichkeit gibt die Landeshauptstadt München schließlich drei unabhängige Gutachten in Auftrag. Alle Experten kommen Ende 2017 zu einem geradewegs vernichtenden Urteil über die Ermittlungsarbeit: Die Tat sei klar als Rechtsterrorismus und Hasskriminalität einzustufen.
Inschrift am Mahnmal angepasst
Die Gutachter legen dar, dass David S. sich bewusst in rechtsextremen Gaming-Netzwerken bewegt hatte. Zudem wählte er den 22. Juli bewusst für seinen Anschlag aus: Es handelte sich um den fünften Jahrestag des rechtsextremistischen Massenmords von Anders Behring Breivik in Norwegen. Seine Tat war laut Gutachtern eine Verschmelzung von rechtem Terror und Amoklauf-Mustern.
Erst im Oktober 2019 schwenken die bayerischen Behörden um. Das Landeskriminalamt ändert seine Bewertung im Abschlussbericht und ordnet die Tat von David S. als „Politisch motivierte Gewaltkriminalität – rechts“ ein. 2020 wird schließlich auch die offizielle Inschrift am Mahnmal des OEZ angepasst: Sie erinnert nun explizit an die Opfer des „rassistischen Attentats“. (epd/mig) Aktuell Panorama
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- Forscherin „Es gibt keinen Raum, in dem es keinen Rassismus gibt.“
- Münchner Sicherheitskonferenz Applaus für Kolonialismus und Verachtung
- Ilmenau-Urteil Schüsse auf Ausländer, Nazi-Codes, kein Rassismus:…
- Baden-Württemberg Die Mär von der Protestwahl
- Neuerscheinung Lehrer berichten über den braunen Alltag an…
- Rechtsextreme Mehrheit EU-Abschiebezentren in Drittstaaten nehmen nächste Hürde
