
Zwischenwelten
Türke in Deutschland, Deutscher in der Türkei
Wer immer nur fragt, ob jemand deutsch oder türkisch ist, verfehlt die Wirklichkeit. Herkunft und Prägung sind keine Gegensätze. Sie können gleichzeitig tragen, fordern und einen Menschen schärfen.
Von Timur Kumlu Mittwoch, 22.04.2026, 10:39 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 22.04.2026, 10:39 Uhr Lesedauer: 10 Minuten |
Im Juli 2020 bin ich als Bundesprogrammlehrkraft in die Türkei gekommen. Im Juli 2026 werde ich das Land wieder verlassen. Sechs Jahre liegen dann dazwischen. Sechs Jahre voller Erfahrungen, Begegnungen, Höhen und Tiefen – aber vor allem sechs Jahre, die mich verändert haben.
Wenn ich heute zurückblicke, kann ich keinen einzelnen Moment benennen, der alles geprägt hat. Es war vielmehr ein Prozess. Viele kleine Situationen, Beobachtungen und Gefühle, die sich nach und nach zu einem klareren Bild zusammengefügt haben. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich war: Ich habe in der Türkei verstanden, wie deutsch ich eigentlich bin.
In Deutschland habe ich mich oft eher als „türkisch“ wahrgenommen. Hier war es plötzlich umgekehrt. Im beruflichen Alltag, in meiner Art zu arbeiten, zu denken, zu organisieren, habe ich gemerkt, wie sehr ich von deutschen Strukturen geprägt bin. Gleichzeitig wurde mir aber auch klar: Ich kann diese beiden Seiten nicht voneinander trennen. Ich bin beides. Und ich werde auch beides bleiben. Lange habe ich versucht, das irgendwie einzuordnen. Heute habe ich es einfach angenommen. Und ich merke, dass genau darin auch eine Stärke liegt.
Gesellschaftlich habe ich die Türkei als ein Land erlebt, das sich nicht einfach einordnen lässt. Für mich ist sie nicht entweder modern oder konservativ, nicht entweder laizistisch oder religiös – sie ist all das gleichzeitig. Unterschiedliche Lebensweisen, Werte und Überzeugungen existieren nebeneinander und prägen den Alltag.
Oft wird versucht, dieses Land auf Gegensätze zu reduzieren – auf westlich oder traditionell, auf unterschiedliche politische oder gesellschaftliche Leitbilder. Aber so einfach ist es nicht. In meinen Augen liegt genau darin die eigentliche Herausforderung: dass die Türkei viele Realitäten gleichzeitig in sich trägt und diese nicht immer miteinander in Einklang gebracht werden.
„Ich habe gemerkt, wie wichtig es mir ist, ein anderes Bild von der Türkei zu zeigen. Ein differenzierteres. Eines, das nicht nur von Vorurteilen geprägt ist.“
Ich habe Menschen erlebt, die sehr unterschiedlich denken, leben und glauben – und doch alle überzeugt sind, das Richtige für ihr Land zu wollen. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie schwer es fällt, die jeweils andere Perspektive stehen zu lassen. Oft geht es weniger darum zu verstehen, sondern eher darum, sich voneinander abzugrenzen.
Und trotzdem gibt es etwas, das viele verbindet: ein starkes Nationalgefühl. Unabhängig davon, wie unterschiedlich Lebensweisen oder Überzeugungen sind – in Momenten äußerer Bedrohung oder in großen Krisen entsteht sehr schnell ein gemeinsames „Wir“. Dann rücken Unterschiede in den Hintergrund, und es zeigt sich ein tief verankertes Gefühl, das eigene Land zu schützen und zusammenzustehen. Diese Fähigkeit habe ich immer wieder wahrgenommen und sie hat mich beeindruckt.
Gerade im Bildungsbereich sehe ich einen entscheidenden Ansatzpunkt. Schule kann dazu beitragen, die tatsächliche Vielfalt des Landes sichtbar zu machen – dass unterschiedliche Lebensweisen, Hintergründe und Perspektiven Teil derselben Realität sind. Diese Vielfalt ist da, sie gehört zur Türkei, und sie sollte auch so vermittelt werden.
Dazu gehört aus meiner Sicht auch, dass Themen wie Empathie, Perspektivwechsel und der Umgang mit Konflikten bewusst Raum im Schulalltag bekommen. Wenn solche Kompetenzen früh gestärkt werden, wirkt sich das langfristig auch auf das gesellschaftliche Miteinander aus.
„Ich habe in Deutschland immer wieder gespürt, wie präsent Vorbehalte gegenüber der Türkei oder dem Islam sein können – medial, aber auch im Alltag.“
Ich war in einer Zeit hier, die von großen Ereignissen geprägt war: die Pandemie, internationale Konflikte, Präsidentschaftswahlen, das schwere Erdbeben. In solchen Momenten habe ich gesehen, wie stark die Gesellschaft polarisiert sein kann, wie schnell Diskussionen emotional und ideologisch werden. Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt, wie groß der Zusammenhalt sein kann, wenn es wirklich darauf ankommt. In Krisen können Menschen hier sehr schnell alles beiseitelegen und füreinander da sein. Diese Fähigkeit hat mich besonders beeindruckt.
Für mich ist die Türkei ein Land mit enormem Potenzial. Dynamisch, vielfältig, voller Energie. Gleichzeitig ist es auch ein Land mit einer hohen Lebensqualität – das Klima, das Meer, das Essen, eine gewisse Leichtigkeit im Alltag. All das sind Qualitäten, die dieses Land auszeichnen.
Die geografische Lage, die junge Bevölkerung und die kulturelle Vielfalt bieten große Chancen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, diese Vielfalt wirklich als Realität anzunehmen und miteinander zu leben – und nicht gegeneinander.
Beruflich waren diese sechs Jahre für mich eine intensive Entwicklungsphase. Ich bin als Lehrkraft gekommen und habe im Laufe der Zeit immer mehr Verantwortung übernommen. Ich habe gelernt, Gruppen zu führen, Menschen zu erreichen, Prozesse zu gestalten und Verantwortung zu tragen.
Gleichzeitig war diese Zeit auch geprägt von vielen Begegnungen. Ich habe im Laufe der Jahre viele Schulen kennengelernt – sowohl private als auch staatliche, in unterschiedlichen Regionen, unter anderem auch in Istanbul – und dabei mit unterschiedlichsten Menschen zusammengearbeitet: mit Lehrkräften, Schulleitungen, aber auch mit Vertretern aus Verwaltung sowie mit Menschen aus Institutionen wie Konsulat oder kulturellen Einrichtungen. Diese Vielfalt an Perspektiven hat meinen Blick erweitert und mir gezeigt, wie unterschiedlich Systeme funktionieren – und wie wichtig es ist, zwischen ihnen zu vermitteln.
„Ich hatte oft das Gefühl, dass ich mehr leisten muss, um dieselbe Anerkennung zu bekommen.“
Ein besonderer Teil meiner Arbeit waren Projekte: Fortbildungen, Wettbewerbe, Austauschformate. Gerade der Schüleraustausch hat für mich eine besondere Bedeutung bekommen. Als ich mit Schülerinnen und Schülern aus der Türkei nach Deutschland zurückgekehrt bin – an meine eigene alte Schule – war das ein Moment, der mich sehr bewegt hat. Es war mehr als nur ein Austausch. Es war, als würden zwei Teile meines Lebens aufeinandertreffen.
Ich habe gemerkt, wie wichtig es mir ist, ein anderes Bild von der Türkei zu zeigen. Ein differenzierteres. Eines, das nicht nur von Vorurteilen geprägt ist. Ohne es groß auszusprechen, hatte ich oft das Gefühl: Ich möchte zeigen, was dieses Land kann. Welche Stärken es hat. Welche Menschen es hat.
Und vielleicht hängt das auch mit meinen eigenen Erfahrungen in Deutschland zusammen. Ich habe dort immer wieder gespürt, wie präsent Vorbehalte gegenüber der Türkei oder dem Islam sein können – medial, aber auch im Alltag. Das hat mich oft beschäftigt. Vielleicht war genau deshalb dieser Wunsch in mir so stark, ein vollständigeres Bild zu zeigen. Nicht als Gegenreaktion, sondern eher als Ergänzung.
Was mich im beruflichen Kontext jedoch auch begleitet hat, war eine gewisse Ambivalenz in der Wahrnehmung von Wertschätzung. Ich habe mich über die Jahre intensiv eingebracht, Verantwortung übernommen und sowohl gestaltet als auch mitgestaltet. Dabei habe ich mich oft sehr stark eingebracht, auch über das unmittelbare Aufgabenfeld hinaus. Gleichzeitig hatte ich nicht immer das Gefühl, dass diese Arbeit in der Tiefe wirklich gesehen wird. Wertschätzung wurde oft ausgesprochen – freundlich, direkt und im Moment passend –, aber sie wirkte auf mich teilweise eher situativ, anlassbezogen und auch an Interessen gebunden.
„Dieses Gefühl, sich immer wieder beweisen zu müssen, hat mich lange begleitet.“
Das ist kein Vorwurf, sondern eher eine Beobachtung, die mich nachdenklich gemacht hat. Vielleicht auch, weil ich selbst Wertschätzung anders verstehe – weniger im Moment, dafür nachhaltiger und verbindlicher.
Was mich in diesem Zusammenhang auch beschäftigt hat, ist eine Erfahrung, die mich schon aus Deutschland begleitet hat – und die ich hier in gewisser Weise wiedergefunden habe. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich mehr leisten muss, um dieselbe Anerkennung zu bekommen. In Deutschland habe ich das als jemand mit türkischem Hintergrund erlebt. Ich habe mich dort oft als „türkisch“ wahrgenommen – und wurde in vielen Situationen auch so wahrgenommen, im Alltag, aber auch im beruflichen Kontext. Dieses Gefühl, sich immer wieder beweisen zu müssen, hat mich lange begleitet. Lange habe ich gedacht, dass es vor allem dort eine Rolle spielt.
In der Türkei habe ich jedoch gemerkt, dass sich dieses Gefühl auf eine andere Weise wieder zeigt. Sowohl im Umgang mit türkischen als auch mit deutschen Kolleginnen und Kollegen in verantwortlichen Positionen hatte ich teilweise den Eindruck, dass ich mehr geben, mehr zeigen und mich stärker beweisen muss, um Vertrauen und Anerkennung aufzubauen.
Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich in gewisser Weise zwischen den Erwartungen stehe: In Deutschland nicht als „deutsch“ wahrgenommen, in der Türkei aber gleichzeitig auch nicht als jemand, der einfach selbstverständlich dazugehört. Dadurch entsteht ein Raum, in dem man sich immer wieder neu beweisen muss. Das ist keine einfache Erkenntnis, und vielleicht auch keine, die sich eindeutig erklären lässt. Aber sie hat mich begleitet.
„Und daraus ist irgendwann auch ein Gefühl von Einsamkeit entstanden.“
Gleichzeitig war Anerkennung für mich nie der eigentliche Antrieb. Ich habe die Dinge immer deshalb gemacht, weil ich davon überzeugt war, dass sie sinnvoll sind, dass sie funktionieren können und dass sie einen Mehrwert haben. Das war für mich immer der Maßstab. Und vielleicht liegt genau darin auch mein Umgang damit: weiterzumachen, Dinge aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen – unabhängig davon, wie sie von außen bewertet werden.
Gleichzeitig habe ich auch im schulischen Alltag gesehen, wo Grenzen liegen. Viele Schülerinnen und Schüler sind kreativ, haben Ideen und großes Potenzial. Aber dieses Potenzial wird nicht immer vollständig gefördert. Strukturen, Erwartungen oder auch Einflüsse von außen setzen manchmal Grenzen. Und genau dort sehe ich große Entwicklungsmöglichkeiten.
Am meisten hat mich diese Zeit aber persönlich geprägt. Am Anfang war vieles neu. Ich war damit beschäftigt, anzukommen, mich einzufinden, meinen Platz zu finden. Die Einsamkeit kam nicht sofort. Sie kam mit der Zeit. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mir etwas fehlt. Nicht unbedingt ein Ort – sondern Menschen. Menschen, die mich lange kennen. Freunde, mit denen ich groß geworden bin. Beziehungen, die über Jahre gewachsen sind.
Hier habe ich oft gespürt, dass ich anders bin. Dass ich Zeit brauche, um mich wirklich auf Menschen einzulassen. Dass vieles oberflächlicher bleibt, als ich es gewohnt bin. Und daraus ist irgendwann auch ein Gefühl von Einsamkeit entstanden.
Nicht, weil ich allein war. Sondern weil mir Tiefe gefehlt hat. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, was Heimat für mich bedeutet. Heimat ist nicht nur ein Ort. Heimat sind Menschen. Menschen, die dich verstehen, ohne dass du viel erklären musst. Menschen, die mit dir durch Höhen und Tiefen gegangen sind.
„Ich möchte weder auf Deutschland noch auf die Türkei verzichten. Ich bin beides.“
Heute weiß ich: Ich möchte weder auf Deutschland noch auf die Türkei verzichten. Ich bin beides. Emotional und familiär bin ich türkisch geprägt. Beruflich und in meiner Denkweise bin ich deutsch geprägt. Und genau darin liegt meine Stärke.
Ich habe viele Menschen gesehen, die genau daraus etwas machen. Die die Struktur und Disziplin aus Deutschland mitbringen und gleichzeitig die Flexibilität und Spontanität aus der türkischen Kultur leben. Gerade in einer Welt, die sich ständig verändert, ist das ein großer Vorteil.
Wenn ich auf diese sechs Jahre zurückblicke, dann war diese Zeit für mich mehr als nur eine berufliche Station. Sie hat mich geprägt, herausgefordert und in vielerlei Hinsicht bereichert. Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte, für die Menschen, denen ich begegnet bin, und für die Möglichkeit, in einem anderen System zu arbeiten und zu leben.
„Ich habe gelernt, mit dieser Spannung umzugehen und sie nicht mehr als Widerspruch zu sehen.“
Gleichzeitig habe ich in dieser Zeit beide Seiten meiner Identität noch einmal bewusster erlebt – meine deutsche und meine türkische. Ich habe gelernt, mit dieser Spannung umzugehen und sie nicht mehr als Widerspruch zu sehen, sondern als Teil von mir.
Ich fühle mich heute in vieler Hinsicht gewachsen – beruflich, aber auch persönlich. Wenn ich auf diese sechs Jahre zurückblicke, dann sehe ich keine einfache Geschichte. Ich sehe Entwicklung. Ich sehe Reibung. Ich sehe Wachstum. Und ich sehe ein Land, das voller Gegensätze ist – und genau darin seine Kraft hat.
Diese Zeit hat mich nicht zu einem anderen Menschen gemacht. Aber sie hat mir klarer gezeigt, wer ich bin. (mig) Meinung
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