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Deborah Wolf © privat, Zeichnung: MiG

Münchner Sicherheitskonferenz

Applaus für Kolonialismus und Verachtung

In München wurde eine koloniale Weltsicht nicht nur ausgesprochen, sondern beklatscht – und damit offengelegt, wer im Westen als Teil des „Wir“ gilt und wer nicht. Was München 2026 über Macht und Zugehörigkeit verriet.

Von Montag, 09.03.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 09.03.2026, 7:52 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Im Februar 2026 stand Marco Rubio, US-Außenminister und eine der einflussreichsten Stimmen der Trump-Administration, auf der Bühne der Münchner Sicherheitskonferenz, eines Forums, auf dem Entscheidungsträger aus aller Welt über Außen- und Sicherheitspolitik beraten. Rubios Rede, dokumentiert im offiziellen Transkript, wirkte wie eine Abfolge klassischer kolonialer Rhetorik.

Er definierte die westliche Zivilisation in kulturellen, historischen und zivilisatorischen Begriffen: als Gefüge gemeinsamer Herkunft, Sprache, Glauben und Geschichte. Unkontrollierte Migration sei eine Bedrohung für die Kohäsion unserer Gesellschaften und die Zukunft unseres Volkes. Gleichzeitig würdigte er fünf Jahrhunderte westlicher Expansion als Motor der Zivilisation. Am Ende erhob sich das Publikum aus Ministern, Militärs und Diplomaten zu stehendem Applaus.

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Dieser Text handelt weniger von Rubio selbst als von diesem Applaus – und davon, was er offenbart. Denn der Moment fand öffentlich statt. Die Kameras liefen. Keine diplomatischen Umschreibungen. Eine Grundlogik der Macht, die sonst implizit bleibt, wurde offen ausgesprochen – und beklatscht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, was gesagt wurde, sondern was beklatscht wurde und wer dabei nicht gemeint war.

Europa entscheidet, Afrika bezahlt

1884 trafen sich die europäischen Kolonialmächte in Berlin – ohne eine einzige afrikanische Stimme. Sie entschieden über Ländergrenzen, Kontinente, Ressourcen und über die Zukunft ganzer Völker, als hätten die Menschen dort kein Recht auf Selbstbestimmung. Länder wurden auf Karten zerschnitten, Bodenschätze und andere Ressourcen aufgeteilt, Kulturen, Traditionen und Lebensrealitäten zerstört, Gemeinschaften zerrissen, Menschen versklavt oder entrechtet. Es war kein diplomatischer Fauxpas – es war organisierter Raubzug, ein Angriff auf ganze Gesellschaften.

„Die Menschen, über deren Land, Ressourcen und Zukunft entschieden wurde, waren kein Gesprächspartner.“

Die Menschen, über deren Land, Ressourcen und Zukunft entschieden wurde, waren kein Gesprächspartner. Sie waren der Gegenstand des Gesprächs.

Heute gilt die Berliner Konferenz oft als historische Fußnote europäischer Politik. Doch die Logik ist dieselbe: Wer hat eine Stimme, wer wird zum Thema gemacht? In München sitzen Migranten, Geflüchtete, Nachkommen der Kolonisierten wieder nicht am Tisch. Sie sind erneut Gegenstand von Entscheidungen, über deren Auswirkungen sie nicht mitreden dürfen. Die Frage drängt sich auf: Wessen Sicherheit wird hier eigentlich geschützt?

Eine politische Grammatik

Rubio selbst hat diese Denkweise nicht erfunden. Doch seine Rede legte offen, was sonst meist nur zwischen den Zeilen mitschwingt: wie Zivilisation, Kultur und Macht hierarchisch gedacht werden dürfen. Internationale Politik war schon immer von impliziten Hierarchien geprägt: Einige Staaten gestalten Entscheidungen stärker als andere. Souveränität existiert in der Praxis oft anders als in normativen Beschreibungen. Diese Spannungen sind kein Geheimnis, meist aber unausgesprochen.

„Der Saal wusste das – und applaudierte trotzdem.“

Rubio sagte: „Wir sind Teil einer Zivilisation, der westlichen Zivilisation.“ Er band diese Zivilisation explizit an den christlichen Glauben, die Sprache und die Abstammung. Eine Definition, die Millionen Menschen in Europa – ob muslimisch, afrikanisch, postkolonial – schlicht ausschließt. Jede Definition von „Wir“ enthält zugleich ein „Nicht-Wir“. In einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft wie Deutschland, in der Menschen mit muslimischen Namen, afrikanischen Pässen oder postkolonialen Biografien leben, ist „westliche Zivilisation“ kein neutraler Begriff. Sie grenzt aus. Sie entscheidet, wer dazugehört und wer erklärt werden muss. Der Saal wusste das – und applaudierte trotzdem.

Deutschland als Perspektive

Deutschland zeigt, wie Demokratien mit unbequemen Realitäten umgehen. Die Aufdeckung des rechtsextremen Terrornetzwerks NSU machte institutionelle Versäumnisse sichtbar: Über Jahre konnten rassistisch motivierte Morde stattfinden, während Ermittlungen sich zeitweise stärker auf das Umfeld der Opfer als auf die Täter konzentrierten. Wer gilt als „Innen“ und wer als „Außen“?

„Entmenschlichung ist tief in Geschichte und Institutionen verankert.“

Diese blinden Flecken entstehen dort, wo bestimmte Menschen als selbstverständlich dazugehörig gelten und andere nicht. Rubios Zivilisationsdiskurs operiert nach derselben Logik: Es gibt ein Innen, das geschützt wird, und ein Außen, das als potenzielle Bedrohung erscheint. Entmenschlichung ist tief in Geschichte und Institutionen verankert.

Politische Verschiebungen entstehen selten plötzlich. Neue Parteien oder Bewegungen artikulieren oft Positionen, die zuvor lange am Rand gesellschaftlicher Debatten existierten, bevor sie sichtbar wurden. Sichtbar wird dann nicht etwas völlig Neues, sondern etwas, das schon immer da war.

Die Bedeutung des Applauses

Das Publikum in München war kaum überrascht. Viele Anwesende arbeiten seit Jahrzehnten innerhalb transatlantischer Strukturen, geprägt durch amerikanische Sicherheitsgarantien. Abhängigkeiten, Erwartungen, Hierarchien – vieles davon war bekannt, aber selten ausdrücklich formuliert.

Was München besonders aufschlussreich machte, war nicht, dass Rubio eine hierarchische Logik vertrat, sondern dass er sie in höfliche, fast nostalgische Sprache kleidete – und dafür noch mehr Applaus erhielt als vergleichbare Aussagen im Vorjahr. Der Applaus galt weniger dem Inhalt als der Form: Europa war erleichtert, nicht weil sich Machtverhältnisse geändert hatten, sondern weil die Hierarchie offen ausgesprochen wurde.

„Drinnen: Erleichterung. Draußen: Wut.“

Außerhalb des Saals war die Reaktion eine andere. Vertreter aus dem Globalen Süden zeigten sich empört über das, was sie als Lobgesang auf eine exklusive westliche Zivilisation wahrnahmen. Drinnen: Erleichterung. Draußen: Wut.

Das ist vielleicht die Botschaft des Abends: Solange die Hierarchie freundlich klingt, wird sie beklatscht.

Eine unbequeme Kontinuität

Die Berliner Konferenz von 1884 zeigte: Macht verlieh das Recht zu entscheiden – unabhängig von den Betroffenen. Moderne Institutionen unterscheiden sich in Form, doch Fragen nach Einfluss, Hierarchie und Entscheidungsfreiheit bleiben.

„Für wen gestalten wir die politische Ordnung?“

Europa, und besonders Deutschland, steht vor der Herausforderung, jene impliziten Annahmen zu erkennen, die plötzlich offen ausgesprochen werden. Für wen gestalten wir die politische Ordnung? Für die Millionen Menschen, die in Europa leben und trotzdem täglich erklären müssen, warum sie dazugehören? Oder nur für jene, die in Münchner Sälen applaudieren, während über andere entschieden wird?

1884 waren Menschen aus Afrika nicht im Raum. 2026 sitzen Migranten, Geflüchtete, Nachkommen der Kolonisierten nicht am Tisch. Sie sind wieder das Thema – wieder ohne Stimme.

Das ist das offene Geheimnis. Meinung

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