
Der unsichtbare VIP-Pass
Verbindet Sprache – oder trennt sie?
In Deutschland entscheidet oft schon ein Name oder ein Akzent, ob sich Türen öffnen oder schließen – lange bevor Qualifikation, Persönlichkeit oder Leistung überhaupt eine Chance bekommen.
Von Deborah Wolf Mittwoch, 04.02.2026, 14:06 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 04.02.2026, 14:06 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Ende Januar 2026 entschied der Bundesgerichtshof: 3.000 Euro Schadenersatz für eine Frau, die wegen ihres pakistanisch klingenden Namens keine Wohnungsbesichtigung bekam. Erst als sie sich unter deutschem Namen meldete, öffnete sich die Tür. Das Urteil macht sichtbar, was Millionen Menschen in Deutschland täglich erleben: Ihr Name entscheidet, ob sie eine Chance bekommen – lange bevor irgendjemand ihre Qualifikation prüft. Es ist ein juristisches Signal – aber längst keine Lösung für ein strukturelles Problem.
In internationalen Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München überbrückt Sprache nicht nur Distanzen. Sie signalisiert Status und oft auch Privilegien. Wir leben in einer sprachlichen Klassengesellschaft, die sich nicht offen zeigt, aber systematisch wirkt. Dafür gibt es zwei Begriffe: „Expat“ und „Immigrant“. Der eine steht für Wahlfreiheit, Abenteuer und westliches Prestige. Der andere für Notwendigkeit, Anpassung und das dauerhafte Gefühl des Andersseins. Diese Hierarchie ist hörbar, lange bevor sie sichtbar wird.
Ein französischer Akzent in einem Café gilt oft als charmant oder kosmopolitisch und wird als Zeichen kultureller Raffinesse gelesen. Ein südostasiatischer, afrikanischer oder nahöstlicher Akzent hingegen kann zur unsichtbaren Barriere werden. Er löst unbewusste Annahmen über Kompetenz oder Bildung aus.
„Wer einen fremd klingenden Namen oder Akzent hat, spürt die Folgen sofort.“
Oft zeigt es sich schon in kleinen Alltagssituationen. Wer beim Einwohnermeldeamt, im Jobinterview oder beim Arzt einen fremd klingenden Namen oder Akzent hat, spürt die Folgen sofort. Der Blick bleibt länger prüfend. Die Fragen sind anders. Die Geduld ist oft geringer.
Menschen mit westlich klingenden Namen erhalten in der deutschen Bürokratie und auf dem Arbeitsmarkt meist einen Vertrauensvorschuss. Andere stoßen bereits beim ersten Blick auf ihren Lebenslauf auf Hürden.
Das belegen seit Jahren Studien in Deutschland. Besonders deutlich zeigen es die Untersuchung von Tamara Rakić und Katharina Stößel zur Wirkung fremder Akzente (2013) sowie das Feldexperiment von Leo Kaas und Christian Manger zur Namensdiskriminierung (2012). Beide kommen zum selben Ergebnis: Trotz gleicher Qualifikationen entscheiden Akzent oder Name über die Chancen.
„In Deutschland funktionieren viele Systeme nur mit Vor- und Nachname.“
In Deutschland funktionieren viele Systeme nur mit Vor- und Nachname. Längere oder komplexe Namensketten, wie sie in manchen arabischen oder südeuropäischen Kulturen üblich sind, passen oft nicht hinein. Das macht jede Aufgabe komplizierter. Formulare, Banküberweisungen, Online-Anmeldungen und behördliche Anträge werden zu zusätzlichen Barrieren.
Auch innerhalb Europas war Sprache immer ein umkämpftes Terrain. Irische, walisische und schottische Gemeinschaften haben ihre Sprachen gegen dominante Kulturen verteidigt. Für viele Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland ist das Sprechen der eigenen Muttersprache kein bloßes Ritual, sondern ein Akt des Widerstands. Es sagt: Ich bin hier. Meine Geschichte zählt.
Wir leben in einer Zeit zunehmender Entmenschlichung. Politische Sprache reduziert Menschen auf Begriffe wie „illegale Migranten“ oder „Belastungen für das System“. In diesem Klima wird Zuhören zu einem politischen Akt.
Zwischen Kulturen zu leben hat mich gelehrt, dass der erste Schritt, diese Hierarchien aufzubrechen, darin besteht, sie überhaupt wahrzunehmen. Sich die Mühe zu machen, einen Namen korrekt auszusprechen. Einen Akzent zu hören, ohne sofort den Wert des Menschen mitzubewerten.
„Eine Welt schaffen, in der Sprache nicht trennt.“
Jedes Mal, wenn wir einem Namen mit Sorgfalt und einem Akzent mit Geduld begegnen, setzen wir ein kleines Zeichen. Wir sagen leise, aber deutlich: Du gehörst dazu. Deine Geschichte zählt.
Vielleicht können wir so Schritt für Schritt eine Welt schaffen, in der Sprache nicht mehr trennt, sondern tatsächlich verbindet. Meinung
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