
Iran
Schweigen ist keine Option mehr
Im Iran lodern wieder Proteste – das Regime antwortet mit Gewalt. Schweigen schützt niemanden mehr. Ein persönlicher Aufschrei – für das Recht, für das Volk.
Von Sara Motebaheri Sonntag, 11.01.2026, 13:29 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 11.01.2026, 13:28 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Das Schweigen – dieser trügerische Zufluchtsort – ist für mich kein Ausweg mehr. Die Wunden, die die Islamische Republik mit ihren schweren Ketten auf dem Körper und in der Seele meiner Familie und mir hinterlassen hat, sind weder zu verbergen noch zu ertragen. Dieser Schmerz ist längst kein bloßes Leid mehr – er ist ein brennendes Feuer in meiner Brust. Jeder meiner Schreie ist ein Pfeil des Zorns, abgeschossen auf das dunkle Herz eines Regimes, das uns seit Jahrzehnten in Angst hält.
In jeder Protestversammlung, auf jedem Platz, in jedem Augenblick, in dem ich meine Kamera einschalte, bin ich nicht nur eine Einzelne. Ich bin das Echo der Stimmen jener Frauen und Männer, die seit Jahrzehnten unter dem Stiefel der Unterdrückung zermalmt wurden. Ich schreie, damit die Welt es hört – damit jene, die in westlicher Sicherheit leben, erkennen, wie tief wir ins Dunkel gestoßen wurden. Wie wir bluten. Wie unsere Familien im Iran noch immer unter den Klauen dieses verbrecherischen Regimes ums bloße Überleben kämpfen.
Doch mein Schmerz endet nicht bei mir. Meine Brust ist übervoll von der Angst, die sich in das Leben meiner Familie gefressen hat. Sie – die für meinen Kampf bezahlen müssen – leben jeden Tag im Schatten der Verhaftung, der Folter, des Todes. Ich stehe mit Zorn, sie leben mit einer lähmenden, erbarmungslosen Angst. Einer Angst, die nicht schläft, die an den Wänden ihres Hauses emporsteigt, die in jedem Flüstern des Windes das Geräusch von Militärstiefeln hört. Angst vor jenen, die weder Herz noch Ehre noch einen Funken Menschlichkeit kennen.
„Die Gesetze dienen längst nicht mehr dem Schutz, sondern der systematischen Vernichtung.“
Und nach jenem zwölf Tage andauernden Krieg, der unsere Stimmen in die Welt hinausgetragen hat, versank dieses Regime nur noch tiefer in seinem Wahn. Weil es seine Macht nicht gegen die Großmächte dieser Welt richten kann, entfesselte es seine schwarze Wut auf die Schutzlosen im eigenen Land. Die Klingen der Hinrichtungen wurden geschärft, die Gefängnisse füllten sich, der politische Raum wurde erstickt – selbst im digitalen Raum bleibt kein Atemzug. Die Gesetze dienen längst nicht mehr dem Schutz, sondern der systematischen Vernichtung.
Doch ich stehe. Gegen all diese Mauern, gegen all diese Dunkelheit stehe ich mit Fleisch und Blut, mit gebrochenen, aber nicht zerfallenen Knochen. Und ich schreie. Nicht nur wegen meines eigenen Zorns – sondern wegen jeder Stimme, die zum Schweigen gebracht wurde. Wegen jedes Traums, der in Kerkern starb. Wegen jedes Blicks, der mit Angst auf das Morgen gerichtet blieb.
„Mein Schrei ist Hoffnung. Hoffnung auf Freiheit.“
Mein Schrei ist Hoffnung. Hoffnung auf den Tag, an dem wir einander wieder in Freiheit begegnen, unter einem Himmel ohne Drohung, Hand in Hand, in Frieden, ohne Flucht, ohne Versteck. Ein Tag, an dem kein Kind mehr vom Sirenengeheul geweckt wird. An dem keine Mutter mehr in Angst die Nachricht von der Verhaftung ihres Kindes erhält.
Das ist mein Zorn. Das ist mein unerschütterlicher Widerstand. Und bis zu jenem Tag, an dem die Freiheit aus der Asche emporsteigt, werde ich nicht kapitulieren, nicht schweigen und keinen Schritt zurückweichen – nicht von meinem Recht, nicht von dem meines Volkes. Meinung
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