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Theater/Kino (Symbolfoto) © HolgersFotografie @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Machtungleichgewicht

Was dürfen sich Schauspieler heute noch aneignen?

Dürfen Weiße heute noch Schwarze spielen? Und Heterosexuelle noch Homosexuelle? Darüber läuft seit längerem eine hitzige Debatte. Zwei Filme im Kino beleben sie neu.

Von Sonntag, 17.12.2023, 20:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 17.12.2023, 12:33 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Eine Nase kann brisant sein. Als vor einiger Zeit der erste Trailer zu dem Film „Maestro“ über das Leben des Komponisten Leonard Bernstein herauskam (Kinostart 6. Dezember), wurde prompt der Vorwurf des „Jewfacing“ laut. In Anlehnung an das „Blackfacing“ – die Darstellung schwarzer Menschen durch geschminkte Weiße – musste sich der Hauptdarsteller Bradley Cooper vorhalten lassen, er verwende ein altes jüdisches Stereotyp, um als Nichtjude einen Juden zu verkörpern: Für die Dreharbeiten hatte Cooper eine Nasenprothese bekommen.

Es ist eine Frage, die in westlichen Ländern immer häufiger und hitziger diskutiert wird: Was dürfen sich Schauspieler aneignen, was nicht? Blickt man auf die vergangenen Jahrzehnte zurück, dann zeichnet sich hier ein klarer Trend ab: Aneignung wird kritischer gesehen. So wurde die Titelrolle aus William Shakespeares Tragödie „Othello, der Mohr von Venedig“ früher durchweg von weißen Schauspielern verkörpert. In einer berühmten Filmfassung von 1965 übernahm den Part zum Beispiel der vierfache britische Oscar-Preisträger Sir Laurence Olivier. Schon damals regte sich Kritik, vor allem weil Olivier die Figur auch noch mit einem fremdartigen Akzent und bizarrem Gang darstellte.

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Mittlerweile ist „Blackfacing“ weitgehend tabu. Dafür werden mehrere Gründe angeführt: Erstens hat es fast immer etwas Karikierendes, wenn sich ein Weißer als Schwarzer verkleidet. Zweitens steht diese Maskerade in einer unguten Tradition: In den USA waren früher sogenannte „Minstrel Shows“ populär, in denen Weiße stereotyp und zur Belustigung eines weißen Publikums Schwarze imitierten.

Kulturelle Aneignung

Drittens sind Schwarze von Weißen jahrhundertelang unterdrückt und ausgebeutet worden und werden heute noch oft diskriminiert. Es besteht also ein Machtungleichgewicht, weshalb auf die Gefühle der benachteiligten Gruppe besondere Rücksicht genommen werden sollte. Viertens ist es so, dass es schwarze Schauspieler oft schwer haben, überhaupt Rollen zu ergattern.

Entlang ähnlicher Argumentationslinien verlaufen auch die Debatten darüber, ob Nichtbehinderte noch Menschen mit Behinderungen, Normalgewichtige noch dicke Menschen und Heterosexuelle noch Homosexuelle spielen dürfen. Oder normal große Menschen Kleinwüchsige: So regte sich Kritik daran, dass Hugh Grant im „Charlie und die Schokoladenfabrik“-Vorläufer „Wonka“ (Kinostart 7. Dezember) einen kleinwüchsigen Oompa-Loompa verkörpert.

Diese Fragen stehen im größeren Kontext der Identitätspolitik, die den Blick für Diskriminierung schärfen und Minderheiten eine Stimme geben will. Unter kultureller Aneignung versteht man in diesem Zusammenhang die Übernahme von Ausdrucksformen aus einer anderen Kultur, meist der einer Minderheit.

Alles, nur keine Diskriminierung

Die Schauspielerei nimmt hier insofern eine Sonderstellung ein, als dass man kulturelle Aneignung als ihr eigentliches Wesen beschreiben könnte. Seit jeher geht es ja darum, auf der Bühne etwas völlig anderes als sich selbst zu verkörpern: Hollywood-Star Elizabeth Taylor spielte die ägyptische Königin Kleopatra, der gut aussehende Anthony Quinn den buckligen Glöckner von Notre Dame, der Bilderbuch-Franzose Pierre Brice den Apachenhäuptling Winnetou. Wenn es nun so kommen sollte, dass man bestimmte Figuren nicht mehr spielen darf, weil man ihnen zu unähnlich ist, dann, so sagen Kritiker, wird die Schauspielkunst geradezu in ihr Gegenteil verkehrt.

Was dürfen sich Schauspieler heute noch aneignen? Der Komiker Hape Kerkeling bringt seine Haltung in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur auf folgende Formel: „Die Schauspielerei sollte grundsätzlich alles in Freiheit ermöglichen – nur eben keine Diskriminierung. So einfach und so kompliziert ist das.“ Mit anderen Worten: Die Kunst muss grundsätzlich erst einmal frei sein. Aber gleichzeitig empfiehlt es sich, bei der Rollenbesetzung Fragen von Identität und Diskriminierung zu bedenken.

Wer daran zweifelt, mag sich die tuntigen Schwulenklischees aus deutschen Filmen von vor 20 oder 30 Jahren in Erinnerung rufen. Was damals kaum jemanden störte, wirkt heute nur noch peinlich. Aber wie steht es um eine schauspielerische Glanzleistung, wie sie Tom Hanks 1993 mit seiner Oscar-prämierten Rolle in „Philadelphia“ über einen an Aids erkrankten Anwalt gelang? Hanks selbst würde es heute nicht noch einmal machen. „Ich glaube nicht, dass die Leute die fehlende Authentizität eines Heteros, der einen Schwulen spielt, akzeptieren würden“, sagte er vergangenes Jahr dem „New York Times Magazine“.

„Völlig in Ordnung“?

Anders entschied Kate Winslet, die in dem Film „Ammonite“ eine lesbische Paläontologin darstellt. Natürlich könne man darüber reden, ob sie die Rolle möglicherweise jemandem weggenommen habe, sagte Winslet der „Sunday Times“. „Aber ich weiß, dass diese Rolle niemand anderem angeboten wurde.“ Indem sie sie angenommen habe, könne sie immerhin eine „LGBTQ-Geschichte in die Wohnzimmer bringen“. Dies deshalb, weil erst der Name der Oscar-Preisträgerin ein großes Publikum garantiert und dadurch Menschen mit dem Thema konfrontiert, die sich sonst vielleicht nie damit auseinandersetzen würden.

Vieles lässt sich nur im Einzelfall entscheiden. So wäre es in Deutschland schwer denkbar, einem nichtjüdischen Schauspieler für eine jüdische Rolle eine Hakennase anzukleben. Denn im Nationalsozialismus wurden Juden von Hetzblättern wie dem „Stürmer“, aber auch in Karnevalszügen und nicht zuletzt im Film grundsätzlich immer mit solchen Nasen dargestellt. Es war das Vorspiel zum Holocaust. In Ländern wie den USA oder Großbritannien ist die Situation anders, und deshalb ist die Kritik an „Maestro“ dort schnell wieder abgeflaut. Dazu trug auch bei, dass Bernsteins Familie die Sache sehr locker sah. „Es ist nun mal so, dass Leonard eine schöne große Nase gehabt hat“, hieß es von Seiten der Familie. Dass man da beim Film etwas nachgeholfen habe, sei „völlig in Ordnung“.

Cooper, der sich jahrelang auf seine Rolle als Bernstein vorbereitet haben soll und nicht müde wird, seine Bewunderung für den berühmten Komponisten zu betonen, äußerte sich kürzlich erstmals selbst. Und brachte es auf eine simple Formel: Er habe Bernstein einfach möglichst ähnlich sehen wollen. (dpa/mig) Feuilleton Leitartikel

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