Licht auf verdecktes Wissen

„Schwarze Akademie“ will Expertise schwarzer Menschen vernetzen

Schwarze Menschen aus afrikanischen und anderen Ländern wollen sich gleichberechtigt einbringen bei der Gestaltung einer globalen Zukunft: Das Projekt „Schwarze Akademie“ bündelt ihr Know-how und ihre Perspektiven, möchte sie stärken und verbinden.

Von Mittwoch, 23.11.2022, 15:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 23.11.2022, 15:23 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Sie sind es leid, ausgegrenzt zu werden, „unsichtbar“ zu sein: „Schwarze Menschen wollen mitreden, ihr Wissen und ihre Erfahrungen sichtbar machen und diese in der Welt vernetzen“, bringt es Mariette Nicole Afi Amoussou auf den Punkt. Die junge Aktivistin aus dem westafrikanischen Benin ist Leiterin der „Schwarzen Akademie“, die im Juli in Mannheim gegründet wurde. Das Projekt will die Expertise schwarzer Menschen bündeln und über eine digitale Plattform weltweit zugänglich machen.

Viele, besonders junge schwarze Menschen in Afrika, Europa und anderen westlichen Ländern wehrten sich dagegen, dass ihre Belange nicht oder nur unangemessen in Politik und Gesellschaft berücksichtigt werden, sagt die Soziologin Amoussou, die im südhessischen Lampertheim lebt. Sie sähen sich in weißen Mehrheitsgesellschaften häufig Rassismus, Diskriminierung und Vorurteilen ausgesetzt, würden oft wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe verspottet und nicht ernst genommen.

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Ziel der „Schwarzen Akademie“ sei es nun, die Potenziale schwarzer Menschen für eine nachhaltige globale Entwicklung einzubringen: „Sie können etwa wichtige Beiträge leisten zur Lösung globaler Krisen wie dem Klimawandel.“ Dabei sollten Afrikanerinnen und Afrikaner über ihre eigene Zukunft selbst bestimmen können. Entwickelt wurde das Projekt von zwei Mannheimer Vereinen für globale Partnerschaft sowie dem Goethe-Institut Mannheim und dem weltweiten Netzwerk der Goethe-Institute. Die „Schwarze Akademie“ trage dazu bei, die Ziele der UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft (2015-2024) voranzubringen, erklärt das Goethe-Institut.

Schwarze Perspektive fehlt in der eurozentrischen Erzählung

Rund 25 junge schwarze Aktivistinnen und Aktivisten, davon zehn aus Deutschland, sind bisher in dem Netzwerk aktiv. Geplant sind internationale Workshops, Seminare, Wettbewerbe, Konferenzen und Austauschprogramme etwa zu den Themen Kolonialisierung, Rassismus, koloniales Erbe und Erinnerungskultur. Dabei gehe es immer darum, durch den Kolonialismus verdecktes Wissen von schwarzen Menschen besser zu vermitteln, sagt Amoussou.

400 Jahre Kolonialgeschichte hätten dazu geführt, dass Afrikanerinnen und Afrikanern „viele Werte gestohlen“ worden seien. In der eurozentrischen Erzählung der Geschichte des Kontinents fehle meist die schwarze Perspektive, kritisiert Amoussou. „Wir müssen vor Augen führen, was schwarze Menschen tun“, ergänzt Idoxine Ahoumenou, eine Klimaaktivistin aus Benin. Und die Politikwissenschaftlerin Cécile Ngo Mai aus Kamerun will besonders jungen Afrikanerinnen und Afrikanern mehr Wissen über ihre Kultur und Geschichte nahebringen.

Folgen jahrhundertelanger Unterdrückung durch Kolonialisten

Gerade der jungen Generation in Afrika fehle es oft an Selbstbewusstsein, erklärt der Verwaltungswissenschaftler Abdoul Boukari aus Benin. Dies sei auch eine Folge jahrhundertelanger Unterdrückung durch europäische Kolonialisten. Boukari bietet über das Internet Workshops für junge Afrikanerinnen und Afrikaner an: Sie sollen in ihrer Identität gestärkt und ermuntert werden, sich von kolonialen Strukturen und Denkweisen zu lösen. Der Klimaaktivist Castello Zodo, ebenfalls aus Benin, will Afrikanerinnen und Afrikaner, die in der weltweiten Diaspora leben, über Internetkontakte ermuntern, sich für ihre Ziele einzusetzen.

Eine weitere Initiative der „Schwarzen Akademie“ bietet schwarzen Frauen ein digitales Forum, in dem sie sich austauschen können, berichtet Cécile Ngo Mai. Themen seien etwa Tipps zur Jobsuche, bessere Teilhabe in Gesellschaft und Politik, Familienfragen – aber auch Gewalterfahrungen. Bisher hätten sich rund 300 Frauen aus neun afrikanischen Ländern daran beteiligt. „In einem sicheren Raum werden Frauen gestärkt, und sie lernen, dass sie auch Führungskräfte sein können.“

„Was wir tun, gefällt nicht jedem.“

Schließlich hat sich die „Schwarze Akademie“ die Aufgabe gestellt, das Internet zu „dekolonialisieren“, also gegen rassistische oder diskriminierende Sprache vorzugehen. Fast täglich ergössen sich auch digitale Hasstiraden über das Projekt, berichtet Amoussou: „Was wir tun, gefällt nicht jedem.“

Auch die Kirchen müssten sich für die Belange schwarzer Menschen und deren gleichberechtigte Teilhabe mehr einsetzen, appelliert sie. Sie gehört als Beraterin einem neuen ökumenischen Beirat in Rheinland-Pfalz an, der Kirchenleitungen Vorschläge zur Bewahrung der Schöpfung und der menschlichen Lebensgrundlagen unterbreiten soll. Die Kirchen sollten jungen schwarzen Menschen in ihren Gemeinden Räume zur Verfügung stellen, in denen sie sich treffen und ihre Anliegen formulieren könnten. Auch das Thema Gewalt und Machtmissbrauch in der christlichen Missionsgeschichte dürfe nicht ausgespart werden, fordert Amoussou: „Die Kirchen müssen eine Rolle spielen bei der Aufarbeitung des kolonialen Erbes.“ (epd/mig)

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