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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Wiederholungstäter

„2015 darf sich nicht wiederholen“? Warum kein „1992 darf sich nicht wiederholen“? Oder sollten wir in Zeiten des Krieges und des Klimawandels an 1973 denken?

Von Dienstag, 01.11.2022, 16:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 02.11.2022, 5:56 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

2015 darf sich nicht wiederholen!“ ist mittlerweile ja zu einem Mantra der Nazis und derer Gesinnungsgenossen geworden. Warum sich für eine breite Bevölkerung aber ausgerechnet das Bild vom Krieg traumatisierter, plötzlich freundlicher Gesichter und jubelnden Menschen in deutschen Bahnhöfen nicht wiederholen darf, und nicht etwa jenes Bild des eingepissten, alkoholisierten Nazis, der hitlergrußzeigend brennende Flüchtlingsunterkünfte bejubelt, hat sich mir allerdings nie erschlossen. Warum kein „1992 darf sich nicht wiederholen“?

Mittlerweile brennt es schließlich wieder. In Mecklenburg-Vorpommern ist eine Flüchtlingsunterkunft abgebrannt, nachdem zuvor das internationale Zeichen für geistige Beschränktheit, das Hakenkreuz, an das Gebäude geschmiert worden war; in Bautzen eine geplante Flüchtlingsunterkunft, in die diese Woche die ersten Geflüchteten einziehen sollten.

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1992 darf sich nicht wiederholen.

Nicht wiederholen darf sich natürlich auch 1945. Und damit meine ich nicht die Befreiung Deutschlands durch die Alliierten, sondern die Explosion von Atomsprengköpfen über einer Zivilbevölkerung – in diesem Falle durch die US-Amerikaner. Denn auch während der Einsatz im aktuellen Krieg innerhalb der Ukraine durch Russland eher unwahrscheinlich scheint, will der Kreml, dass wir alle uns ein wenig gruseln. Die Heimatfront scheint bisher aber zu stehen – und das sicher nicht, weil einzelne Journalisten sich der Anzeigenkunden zuliebe diesem Grusel ergeben, indem sie uns erklären, dass der nukleare Holocaust direkt bevorstehe, dass wir aber doch bitte deswegen nicht in Panik verfallen sollten.

„Die Generation 50+ … findet die Vorstellung eines ‚Veggie-Tages‘ für 80 Millionen Deutsche immer noch kollektiv katastrophaler als die von einer Milliarde Menschen, die aufgrund des Klimawandels ihr Leben verlieren werden.“

Vielmehr scheint es nur eine allgemeine Lethargie innerhalb insbesondere der westlichen Gesellschaften als solchen zu geben: Die Generation 50+ gibt in Sachen Weltuntergangsszenarien sowieso keinerlei Ficks, findet die Vorstellung eines „Veggie-Tages“ für 80 Millionen Deutsche immer noch kollektiv katastrophaler als die von einer Milliarde Menschen, die aufgrund des Klimawandels ihr Leben verlieren werden, davon nicht wenige auch in Deutschland – und zwar nicht nur im Ahrtal. Alle Jüngeren hingegen ahnen längst, dass sie wohl so oder so keine lebenswerte Zukunft mehr zu erwarten haben. Ob nun nuklearer Winter oder Erderwärmung, es sieht düster aus für alle, die noch ein paar Jahrzehnte auf diesem Planeten leben wollen.

Aber vielleicht findet sich ja auch der ein oder andere Fatalist, der auf gerade so viel nuklearen Winter hofft, dass der Erderwärmung ein gerade so ausreichendes Gegengewicht gegenübergestellt wird, damit es sich zumindest in Teilen dieser Welt auch in Zukunft noch gut und gerne leben lässt. Wahrscheinlicher als jenes Szenario, dass die Menschheit noch einen relevanten Part im Verhindern des von ihr erzeugten Klimawandel wird spielen können, ist das alle Male: Zum Wesen des Kapitalismus gehört es, notwendigen Wandel nur dann umzusetzen, wenn er mehr Profit verspricht als das Weiter-so. Beim Klimaschutz wird es dann aber längst zu spät sein.

Bei den sogenannten „Trickle down“-Economics, also dem ewigen Mantra der politisch vollständig entkernten FDP, der Theorie des ewigen Steuersenkens, ist dieser Punkt immerhin mittlerweile gekommen. Für Liz Truss und Kwasi Kwarteng, dem britischen FDP-Duo, hat diese ökonomische Lüge nicht einmal mehr sieben Wochen gehalten – und zwar gerade deshalb, weil die unsichtbare Hand des Marktes diesen Quatsch nicht mehr mitmachen wollte und den beiden eine schallende Ohrfeige verpasste. Einen der oft so rentablen Jobs in der freien Wirtschaft, auf die wirtschaftsnahe Politiker so gerne hinarbeiten, können die beiden daher wohl abschreiben. Immerhin in der Abnehmindustrie haben die beiden dafür schon einen Fuß in der Tür, die Werbebotschaft kann ich bereits vor meinem inneren Auge sehen: „Sensation! So verlieren sie 500 Milliarden in Pfund in nur einer Woche!“

„Viele träumen ja bereits davon, Großbritannien könne mit einem neuen Referendum noch einmal in die EU eintreten.“

Das Problem der Anschlussverwendung wird der Neue derweil nicht haben: Mit Rishi Sunak hat der dritte Charles einen Ersten Minister, der Berichten zufolge zweimal so reich ist, wie er selbst. Ob der am Ende als erfolgreich in die Geschichte eingehen wird, wird auch daran liegen, wie er mit den weiterhin teils chaotischen Folgen des Brexits und der arg gespaltenen Gesellschaft klarkommt. Viele träumen ja bereits davon, Großbritannien könne mit einem neuen Referendum noch einmal in die EU eintreten.

Dabei muss eines ganz klar sein: 1973 darf sich nicht wiederholen.

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