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Die indische Flagge © Mike Prince @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Vom Rikschafahrer zum Ministerpräsidenten

Der indische Staat Maharashtra wird von einem Aufsteiger regiert

Eknath Shinde ist ein ehemaliger Rikschafahrer und regiert nun als Ministerpräsident den indischen Bundesstaat Maharashtra. Dabei inszeniert er sich als Vertreter der einfachen Leute - doch vor allem in seiner Partei ist er umstritten.

Von Mittwoch, 12.10.2022, 15:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 08.10.2022, 16:24 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

An seinem Vollbart und einem roten Punkt auf der Stirn ist Eknath Shinde zu erkennen. Die Tilaka, wie dieses Segenszeichen aus Sandelholzpaste genannt wird, ist mehr als ein dekoratives Element: Sie ist das Bekenntnis eines Hindu-Politikers, der der Kriegerkaste der westindischen Gemeinschaft der Maratha angehört. Lange war der Name des Ministerpräsidenten von Maharashtra weitestgehend unbekannt. Shinde war vor allem der Bevölkerung in Thane, einem Vorort von Mumbai, ein Begriff. Hier hat er sich von der Gewerkschaft der motorisierten Rikschafahrer zunächst in der radikalen hindunationalistischen Lokalpartei Shiv Sena und schließlich an die Spitze des wirtschaftlich wichtigen Bundesstaates hochgearbeitet.

Seit Juli 2022 regiert Shinde Maharashtra mit seinen 120 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Dabei präsentiert er sich als Vertreter der ärmeren Bevölkerung. „Unsere Priorität ist es, für den einfachen Mann, die Bauern und die Arbeiterklasse zu arbeiten“, sagte Shinde am Unabhängigkeitstag Indiens, nachdem er die Trikolore am Sitz der Landesregierung gehisst hatte. Zudem versprach der 58-Jährige, der stets in weißem Hemd und weißer Hose gekleidet ist, Hilfe für die von Überschwemmung betroffenen Menschen.

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Der für seine Schlichtheit bekannte Shinde war früher selbst einer der „einfachen Leute“, deren Vertreter er nun sein will. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Autorikschafahrer, so wie derzeit mehr als 80.000 Menschen in der Metropolregion Mumbai. Weil seine Familie in finanzieller Not war, beendete er die Schule nach der elften Klasse, um sie zu unterstützen. Das harte Arbeiten hat er früh gelernt.

Umstritten in der eigenen Partei

Seine politische Laufbahn nahm in den 1990er Jahren Gestalt an. Zunächst arbeitete er sich in der Gewerkschaft und auch in der Lokalpolitik hoch. Parallel stieg er in seiner Partei Shiv Sena auf und zog 2004 das erste Mal in den Landtag von Maharashtra, dem Bundesstaat, an dessen Spitze er jetzt steht.

Doch in seiner Partei Shiv Sena ist Shinde umstritten. Er gilt als Rebellionsführer, weil er seinem ehemaligen Parteichef und Vorgänger im Ministerpräsidentenamt, Uddhav Thackeray, zu Fall brachte, der unter anderem wegen seines weltoffenen Stils in der Kritik stand. Die Partei ist für radikale Aktionen bekannt. In den 1990er Jahren gruben ihre Anhänger in Stadien den Rasen um, um Cricket-Turniere zwischen Indien und dem mehrheitlich muslimischen Nachbarn Pakistan zu verhindern. Shinde steht für diesen hindunationalistischen Kurs und revitalisierte das Bündnis mit der ebenfalls radikal auftretenden Partei BJP des Premierministers Narendra Modi.

Verkörperung des politischen Aufstiegs

Für manche Menschen verkörpert Shinde mit seinem politischen Aufstieg das, was Indien ausmacht. Ähnlich wie Modi, der einst Teeverkäufer gewesen sein soll, hat es ein Rikschafahrer zum Ministerpräsidenten eines bedeutenden Bundesstaates geschafft. Doch bereits wenige Wochen nach seinem Amtsantritt bekommt dieses Bild Risse. „Ich war begeistert, als ich hörte, dass unser neuer Premierminister auch einmal Rikschafahrer war“, sagt der 34-jährige Sandip Sable, der wie einst Shinde sein Geld als Fahrer einer Autorikscha verdient. Doch wegen der Erhöhung der Gaspreise, von der auch sein Fahrgeschäft betroffen ist, habe das nur einen kurzen Moment angehalten.

Shinde gibt sich derweil selbstbewusst. Er habe schon früher in seiner Partei rebellieren sollen, sagte er kürzlich bei einer Veranstaltung. Auch privat bleibt der Aufsteiger, in dessen Hemdtasche stets Kugelschreiber stecken, ehrgeizig. Trotz seiner Karriere schloss er Jahrzehnte nach seinem Schulabschluss im Jahr 2020 noch ein Pädagogik-Studium an der Maharashtra Open University ab. (epd/mig)

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