Miriam Rosenlehner, Migazin, Portrait, Rassismus, Schriftstellerin, Buch
Miriam Rosenlehner © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Ansichten & Aussichten

Ich irrte mich

NichtWeiße sind Zielpersonen von Rassismus, aber er ist das Problem der Mehrheitsgesellschaft. Trotzdem wird Rassismus nicht auf der Agenda dieser Gesellschaft stehen, wenn NichtWeiße ihn nicht dort platzieren.

Von Dienstag, 13.09.2022, 17:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 14.09.2022, 6:17 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |  

Meine Geschichte beginnt in den 1970er Jahren. Und sie ist unordentlich. Sie ist nicht so, wie die Gesellschaft sich das vorgestellt hat. Eine wie mich sollte es auch 1974 nicht geben.

Ich war ein vaterloses, nichtWeißes Kind. Egal wo ich auftauchte, jedes Mal hatte der abwesende Vater seinen Auftritt. Er musste herausgekramt und erklärt werden. Ich wusste nichts über ihn, musste ihn aber jedes Mal besprechen, wenn ich jemanden neu kennenlernte.

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In einer Opfergeschichte würde ich jetzt darüber schreiben, wie ich ihn erklärt habe und wie sich die Erklärungen über die Jahre geändert hatten. Aber ich schreibe keine Opfergeschichten. Denn ich war nur das Objekt einer gesellschaftlichen Dynamik. Mit mir oder mit meinem Vater hat diese Geschichte hier gar nichts zu tun. Sie hat mit dieser Gesellschaft zu tun.

Also zeige ich die Fragen: Wo kommst du denn her? Wieso bist du so dunkel? Bist du adoptiert? Waren deine Eltern etwa verheiratet /etwa nicht verheiratet? Die unvermeidlichen Auftritte meines abwesenden Vaters stellten mich immerzu in Frage. Warum war er nicht da? Und warum war er dagewesen? Wollte ich „zurück“ in die „Heimat“? Die Fragenphalanx einer nie enden wollenden Grenzkontrolle.

„Dann kam die Zeit der Pogrome: Mölln, Solingen, Rostock. Die Leute um mich herum waren wütend, aber ich hatte Angst.“

Dann kam die Zeit der Pogrome: Mölln, Solingen, Rostock. Die Leute um mich herum waren wütend, aber ich hatte Angst. Eines Nachts standen vor unserer Haustür Kanister, die aussahen wie Benzinbehälter. Ich blickte die stille Straße hoch und runter, aber ich sah niemanden. Ich schlief schlecht in der Nacht und tags darauf schrieb ich an die Postboxadresse meines Vaters. Ich schrieb ihm, dass ich in Deutschland nicht sicher sei und da er der Grund dafür war, hielt ich ihn für zuständig. Ich wollte das Land verlassen. Ich war 17. Und ich irrte mich. Mit meinem Vater hatte das alles nichts zu tun, sondern mit dieser Gesellschaft.

Der Vater blieb abwesend und stumm. Deutschland diskutierte über „Asylanten“ statt über Pogrome und ich befasste mich mit dem Grundgesetz, während andere junge Leute den Kopf über mich schüttelten – wie konnte man sich freiwillig mit solchen Fragen beschäftigen? Zwei Drittel des Parlaments hatten dafür gestimmt, das Rassismusproblem mit der Abschottung Deutschlands zu lösen. Afrikanische Freunde fielen den Grundgesetzänderungen des Art. 16 in der Folgezeit zum Opfer und wurden abgeschoben, verschwanden aus meinem Leben. Es war gruselig, weil sie ohne Vorankündigung und nachts von der Polizei abgeholt wurden. Aber die Nation war befriedet, es wurde ruhiger, zumindest augenscheinlich.

„Mein Chef musterte mich von oben nach unten und verlangte, ich solle etwas mit meinen Haaren machen, sie seien ‚wild‘.“

Ich schloss meine Ausbildung ab und begann zu arbeiten. Mein Chef musterte mich von oben nach unten und verlangte, ich solle etwas mit meinen Haaren machen, sie seien „wild“. Außerdem wurde Minirock und Stöckelschuh erwartet. Eine andere Kollegin mit uneuropäischem Haar hing der Spitzname Akopads an – nach dem Topfreiniger, den damals alle benutzten. Pflichtschuldig lachte sie darüber.

Ich floh aus dem Arbeitsverhältnis und holte mein Abitur nach, da war ich 19. Und ich lernte ein neues Wort: Afrodeutsch. Nach einem rassistischen Übergriff suchte ich Leute, die so waren wie ich und fand die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Sie schenkte mir dieses Wort, afrodeutsch, dass den unkontrollierbaren Auftritt meines Vaters verhindern konnte. Heute verwende ich es selten, aber es hat mir sicher 15 Jahre Frieden geschenkt. Ein Wort, das ich statt einer Rechtfertigung meiner Existenz verwenden konnte.

Von den Treffen der ISD blieb mir eindrücklich in Erinnerung, wie einige von uns begannen, über ihre Leben zu erzählen. Wir waren schockiert zu sehen, dass wir alle dieselben Sätze gehört hatten, dass wir dieselben Geschichten erlebt hatten – jeder hatte seinen Akopads-Moment gehabt. Die Erkenntnis, dass unsere Erlebnisse nicht individuell waren, ließ uns zuerst mit großen Fragen zurück. Wie konnten wir alle dasselbe erlebt haben in unseren so unterschiedlichen Leben?

„Heute weiß ich, dass wir uns irrten. Es geht nicht um uns, es geht um das System Rassismus. Das ist nicht individuell.“

Heute weiß ich, dass wir uns irrten. Es geht nicht um uns, es geht um das System Rassismus. Das ist nicht individuell, unsere Existenz hat damit auch nichts zu tun, unsere Hautfarbe, unsere Geschichten, nichts davon spielt dafür eine Rolle. Es ist ein Problem, das diese Gesellschaft hat, nicht wir. An unserer Haut wechselt Rassismus seinen Aggregatzustand, verdichtet sich von flüchtig zu knallhart.

Und ich irrte mich noch einmal. Die Menschen, die ich fand, waren nicht wie ich, nur weil wir alle nichtWeiß sind. Sie waren nur ebenso Zielpersonen mit demselben Erfahrungsmüll, den wir gemeinsam versuchten zu sortieren und zu verklappen.

In meinen 20ern und 30ern hatte ich genügend Werkzeug, um in einer Weißen Mehrheitsgesellschaft ohne größere Schäden zu überleben. Die allgegenwärtigen Erlebnisse mit Rassismus stellten mich nicht mehr so infrage wie in meinen jungen Jahren. Aber sie waren immer noch nicht besprechbar.

„Wer bestimmt, worüber in welchem Rahmen gesprochen wird, bestimmt, was überhaupt besprechbar ist. Rassismus war zu Beginn der 2000er an meiner Uni nicht auf der Agenda.“

Einstweilen begann ich mein Studium der Politikwissenschaft. Es hatte keine Rubrik für meine Anliegen. Hier sprach man über die bundesdeutsche Politik unter sorgfältigem, allgegenwärtigem Ausschluss der Sicht auf diese Politik von Leuten wie mir. Die prägenden Erlebnisse mit Rassismus in dieser Zeit waren wie vorher Wahrnehmungen, die nicht besprechbar waren. Wer über erlebten Rassismus spricht, spricht über Menschen, die er mag oder von denen er abhängig ist. Der alltägliche Rassismus findet nicht in einem Setting der Feindschaft statt, sondern gerade dort, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat. Wer also über erlebten Rassismus spricht, spricht oft über und mit Menschen, die keine aktiven Rassisten sind oder es zumindest nicht sein wollen. Er spricht über und mit Aussparern, Stillhaltern, Unachtsamen, Weglächlern, Unbetroffenen, die sich postwendend ungerecht behandelt fühlen, wenn man nicht schweigt.

Im Studium lernte ich zu der Zeit das Konzept des Agendasettings. Mein Professor erklärte: Wer die Agenda, also die Tagesordnung bestimmt, wer bestimmt, worüber gesprochen wird (und worüber nicht), hat ein Machtinstrument in der Hand, das man kaum überschätzen kann. Wer bestimmt, worüber in welchem Rahmen gesprochen wird, bestimmt, was überhaupt besprechbar ist. Rassismus war zu Beginn der 2000er an meiner Uni nicht auf der Agenda.

2005 titelten die Zeitungen „Döner-Morde“ über die Mordserie, die erst viel zu spät dem NSU zugerechnet wurde. 2001 und 2005 gab es jeweils in meinem Stadtteil und am Ende meiner Straße ein Opfer dieser Serie. Die wenigsten Menschen in der Mehrheitsgesellschaft hatten ein Gefahrenwarngefühl für Rassismus bei diesen Morden und wenn, dann waren es keine Deutschen.

Ich setzte ein Lehramtsstudium auf das Diplom und wurde Lehrerin. In meiner Ausbildung zur Lehrkraft stellte eine Referendarin einen Unterrichtsentwurf vor, wir anderen angehenden Lehrpersonen spielten zu Übungszwecken ihre Schulklasse. Mit freudigem Gesicht ließ sie uns im Kreis aufstellen und ordnete an, dass wir „10 kleine N*lein“ singen sollten. Ich stand wie versteinert im Kreis und sang nicht mit, alle anderen schon. Aber ich sagte auch nichts. Ich verließ anschließend den Raum, um mich abzuregen. Ich war wütend und schockiert, auch, weil ich es nicht schaffte, den Rassismus, den sie ihren Schülern zumuten würde, aufzuzeigen. Ich fühlte mich schuldig daran, weil ich die Situation verstand, aber nicht dagegen kämpfte.

„Ich irrte mich. Nicht ich bin zuständig, den Rassismus in der Mehrheitsgesellschaft zu bekämpfen. Ich bin Zielperson dieses Rassismus.“

Ich irrte mich. Nicht ich bin zuständig, den Rassismus in der Mehrheitsgesellschaft zu bekämpfen. Ich bin Zielperson dieses Rassismus. Und während ich mich in dieser Weißen Welt gegen die Ausschlüsse durchsetze, um meine eigenen schwarzen Schäfchen ins Trockene zu bringen, kann ich nicht jeden Kampf austragen. Verstummen lassen ist etwas Systematisches, es ist keine Frage des Muts von Zielpersonen, es hängt mit den Machtdynamiken von Rassismus zusammen. Es ist keine Schande als Zielperson wenigstens die Arena selbst zu wählen, in der man kämpft.

2008 wählten die USA den ersten Schwarzen Präsidenten. Ich saß mit Limo und Gebäck vor dem Fernseher, während Obama auf die Bibel schwor, und hatte Tränen in den Augen. Ich glaubte daran, dass das etwas ändern würde. Aber ich irrte mich.

„Klassenzimmer. Die Migrationsgesellschaft sitzt bei mir in der ersten Reihe. Kinder, die ich bei meiner Arbeit kennenlerne, erleben immer noch Rassismus.“

Ich begann, als Lehrerin zu arbeiten. Meine Klassen sind international, alle Kriege meiner Jugend, alle Weltereignisse, die ich beobachtet habe, bringen junge Menschen in mein Klassenzimmer. Die Migrationsgesellschaft sitzt bei mir in der ersten Reihe. Kinder, die ich bei meiner Arbeit kennenlerne, erleben immer noch Rassismus. Dabei habe ich mich doch auch deshalb vor diese Klassen gestellt, damit diese Kinder meine Kindheit nicht wiederholen müssen. Aber ich irrte mich. Eine Lehrerin macht noch keine Gesellschaftsänderung. Rassismus findet seinen Weg auch in mein Klassenzimmer.

Dann wurde George Floyd ermordet. Wieder saß ich vor dem Fernseher und checkte das Internet. Die Black Lives Matter-Demonstrationen, die größten Demonstrationen in der Geschichte der USA, waren auf allen Kanälen zu sehen. Man spürte, dass das Thema auf die Agenda drängte, auch hierzulande. Endlich. Vorsichtig sprach ich mit Vertrauten und irrte mich. Ich erlebte Rückschläge. Rassismus war trotz der Nachrichtenlage noch immer nicht besprechbar.

„Was ist das mit diesem Rassismus? Warum ist er nicht besprechbar? Warum werden Weiße Leute wütend, lenken ab… anstatt zuzuhören oder gar zu handeln?“

Ich begann zu recherchieren. Ich wollte es endlich verstehen: Was ist das mit diesem Rassismus? Warum ist er nicht besprechbar? Warum werden Weiße Leute wütend, lenken ab, weinen und geben die Beziehungen mit ihren nichtWeißen Freunden lieber auf, anstatt zuzuhören oder gar zu handeln? Warum sehe ich, dass etwas in der Diskussion fehlt und warum behauptet die Mehrheit, dass es da nichts gibt? Warum diese Irrationalität, die Betroffenheit, die Aggression der Unbetroffenen, Weglächler, Stillhalter, Unachtsamen und Aussparer?

Diesmal irrte ich mich nicht. Das Thema meines Lebens hatte nie einen angemessenen Raum gehabt und die Mehrheitsgesellschaft wird diesen Raum nicht freiwillig anbieten. Rassismus wird niemals auf der Agenda stehen, wenn wir nicht dafür sorgen, ihn selbst dort zu platzieren. Deshalb werde ich weitersprechen. Ich habe meine Arena gewählt.

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