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Ausstellung „Staatsbürgerschaften“ im Deutschen Historischen Museum

Die Staatsbürgerschaft stiftet politische und gesellschaftliche Gemeinschaft. Der Pass garantiert grundlegende Rechte. Mit der Ausstellung „Staatsbürgerschaften“ zeigt das Deutsche Historische Museum in Berlin Entwicklungen in drei Ländern.

Von Donnerstag, 21.07.2022, 19:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 20.07.2022, 7:53 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch.“ Als der Schriftsteller Bertolt Brecht dies in seinen Flüchtlingsgesprächen formulierte, lebte er im Exil. Mit der Ausstellung „Staatsbürgerschaften. Frankreich, Polen, Deutschland seit 1789“ zeichnet das Deutsche Historische Museum (DHM) ab Freitag in Berlin nach, wie sich die Anerkennung von Staatsbürgern in den drei Ländern seit der Französischen Revolution veränderte. Der Pass steht in diesem Zusammenhang für Zugehörigkeit und Abgrenzung zugleich.

Beginnend mit der Französischen Revolution von 1789 und der Erklärung der Menschenrechte schlägt die Ausstellung einen Bogen bis in das 21. Jahrhundert. Sie zeigt, wie mit dem Entstehen des Nationalstaats im 19. Jahrhundert die Staatsbürgerschaft zum Nachweis politischer Zugehörigkeit wurde.

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„Staatsbürgerschaft lässt sich hier variantenreich und intensiv studieren“, begründet Kurator Dieter Gosewinkel die Länder-Auswahl: „Es gab friedlichen Austausch, Phasen von Assimilation und Integration zwischen diesen Ländern, aber auch Phasen tiefster Feindschaft bis hin zu dem Willen, den anderen auszulöschen.“

Drei historische Verfassungen

Für gewaltsame Auseinandersetzungen in Form von Besetzung und Vertreibung stehen in der Schau Grenzregionen wie Elsass-Lothringen. Ein Gemälde mit dem Titel „Der Exodus“ von 1872 zeigt eine elsässische Familie, die nach der Annektierung der Region durch das Deutsche Reich ihre Heimat verlassen muss, weil sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen will.

Historische Exemplare der drei Verfassungen zeigen unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in den drei Ländern: Nach Frankreich, das in seiner Verfassung den Staatsbürger in den Mittelpunkt stellt, folgt im Mai 1791 die polnische Adelsrepublik mit der Betonung des Bürgers, der auch die Freiheit der Nation verteidigen soll. Die Ausstellung erinnert daran, dass das nicht die Auflösung des polnischen Staates im 19. Jahrhundert verhinderte. 1808 folgte Bayern als erster deutscher Staat, der den Begriff des Staatsbürgers verwendete.

Die politisch-soziale Bedeutung der Staatsbürgerschaft

In sechs Themenräumen bietet die Ausstellung Dokumente, Zeichnungen, Gemälde, Plakate, Erinnerungsstücke sowie Filmausschnitte und Audiostationen. Die Exponate beleuchten die politisch-soziale Bedeutung der Staatsbürgerschaft und ihre Auswirkungen auf das Alltagsleben.

Die ausgrenzende Verwendung des Begriffs der Staatsbürgerschaft belegt die Ausstellung im Themenraum Diskriminierungen. Frauen galten demnach in allen drei Ländern als Staatsbürgerinnen zweiter Klasse, auch weil sie den Staat nicht wehrhaft verteidigen durften. Einzelne Exponate zeigen, wie sowohl polnische Frauenrechtlerinnen als auch Französinnen und Deutsche seit der Mitte des 19. Jahrhunderts für politische Teilhabe und das Wahlrecht kämpften.

Ausgrenzung über die Staatsangehörigkeit

Die Schau zeigt, dass Juden in der Zeit des Nationalsozialismus auch über die Staatsangehörigkeit ausgegrenzt wurden. Von 1933 an wurde diese nach „Rassenzugehörigkeit“ definiert. Juden wurden damit die Bürgerrechte aberkannt. Ein weiteres Kapitel ist dem Kolonialismus und der bürgerrechtlichen Benachteiligung von Menschen aus den französischen Kolonien gewidmet.

Dass die Erteilung von Staatsbürgerschaft nicht nur als Mittel ethnischer und wirtschaftlicher Ausgrenzung dient, sondern auch politische Gegner maßregelt, belegt unter anderem die Liste der sogenannten „Volksverräter“ von 1933. Dort sind Intellektuelle wie Alfred Kerr und Heinrich Mann verzeichnet, denen das NS-Regime die deutsche Staatsbürgerschaft entzog. Auch nach 1945 blieb die Aberkennung von Staatsbürgerschaft ein Mittel zur Ausgrenzung, wie die Ausstellung am Beispiel des 1976 aus der DDR ausgebürgerten Liedermachers Wolf Biermann zeigt. (epd/mig)

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