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„Race Relations“ von Michaela Dudley © GrünerSinn Verlag

Exklusiv aus dem Buch

„Die Entmenschlichung fängt mit dem Wort an, die Emanzipierung aber auch.“

„Heutzutage ist der Begriff Black Lives Matter in aller Munde – und das ist gut so“, schreibt Michaela Dudley in ihrem Buch „Race Relations“. Doch hilft das im Alltag - im 21. Jahrhundert? MiGAZIN veröffentlicht exklusiv einen Auszug aus dem Buch.

Von Donnerstag, 14.07.2022, 17:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 13.07.2022, 11:22 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |  

Rassismus tötet. Und das mit System. Auf methodische Weise nimmt er uns, seine Opfer, ins Visier. Wegen unserer Hautfarbe und unserer vermeintlichen oder auch tatsächlichen Herkunft gelten wir als verrufen – und verfügbar. Seit einem halben Millennium werden wir vom Rassismus beschattet, bedroht, bedrängt, beleidigt und beseitigt.

Mit passionierter Penibilität wurde eine Pseudowissenschaft entwickelt, um unsere generationsübergreifende Unterwerfung zu rechtfertigen. Mit Elan und Erlassen förderte die Kirche den Kolonialismus. Die hochgelobten Humanisten und Fürsprecher der Freiheit sahen tatenlos zu, während wir entmenschlicht wurden: Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Immanuel Kant, George Washington und Thomas Jefferson hatten gut reden. Ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung, gewissermaßen zum Urknall des Universalismus, blühte der Handel mit Versklavten auf.

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„Heutzutage ist der Begriff Black Lives Matter in aller Munde – und das ist gut so.“

Dabei möchte ich Sympathiegesten und Solidaritätsbekundungen nicht pauschal in Abrede stellen. Heutzutage ist der Begriff Black Lives Matter in aller Munde – und das ist gut so. Die gleichnamige Bewegung, die bereits 2013 infolge der Erschießung des Schwarzen Teenagers Trayvon Martin gegründet wurde, hat mittlerweile rund um die ganze Welt Ableger. Im Schulterschluss mit uns Schwarzen greifen Menschen jeglicher Couleur den desperaten Satz auf: „I can’t breathe!“

[…]

„Ich kann nicht atmen!“ Diese Parole erlangte inmitten der Pandemie eine erweiterte Signifikanz. Denn Rassismus nimmt uns – uns allen! – die Luft zum Atmen. Gleichwohl entsteht dieses Virus nicht in einem Vakuum, sondern in einer brodelnden Biosphäre, in der Brutalität und Bürokratie an und für sich gut miteinander auskommen. Wir direkt Betroffene der Diskriminierung, wir, die methodisch marginalisiert sind, weisen dabei eine erhöhte Komorbidität auf. So ist es zu begrüßen, dass nicht Schwarze Verbündete, die bislang kein Sterbenswort gesagt haben, was Rassismus betrifft, unsere Schnappatmung endlich wahrnehmen.

Kapitel 10
Bittere Pillen

Was ist der Unterschied zwischen einem Neonazi und einem White Savior? Diese Frage richtete ich an die Teilnehmenden, kaum dass ich sie begrüßt hatte. Morgens in Niedersachsen. Ich stand am Podium und suchte nach Händen. „Irgendjemand? Na, kommt schon!“ Hier und da rieb sich einer über das Kinn. Ein nachdenkliches Gemurmel war zu hören. Dann die quietschende Tür. Ein junger Ingenieur trat herein, flitzte hinüber zu einem Platz am Fenster und entschuldigte sich. „Ja, Moin“, sagte ich. Ich wiederholte die Frage. Von der ersten Reihe aus appellierte die Personalerin wie eine strahlende Kreuzfahrtanimateurin an die Versammelten, die Denkmützen aufzusetzen. Sie rätselte allerdings auch mit. „Was unterscheidet einen Neonazi von einem White Savior?“, hakte ich nochmals nach. Die Sekunden verstrichen. Und die Lösung? Eigentlich ganz einfach. „Der Neonazi weiß schon, dass er ein Rassist ist“, klärte ich auf.

Nun fiel vielen die Kinnlade herunter. Manche brachten ein verlegenes Lächeln zustande, andere legten die Stirn in Falten. Anwesend waren fast ausschließlich weiße Betriebsangehörige – und sie erröteten allesamt. Die vier Dunkelhäutigen wohl auch. Es ist ein heikles Thema und bis zum Ende des Workshops flossen einige Tränen.

„Allies brauchen wir“, fügte ich noch einleitend hinzu, „ja, Alliierte sind willkommen. White Allies, wunderbar. Alliierte jeglicher Couleur. Und wir erwarten nicht, dass man keine Fehler macht. White Saviors hingegen sind fehl am Platz.

„Antirassismus-Training ist kein Wellness. Schlussendlich ist es aber wohltuend. Denn was könnte wohltuender sein, als die Last der eigenen, gegebenenfalls vor sich selbst verborgenen Vorurteile zu erkennen, sich damit zu konfrontieren und sie abzulegen?“

Antirassismus-Training ist kein Wellness. Schlussendlich ist es aber wohltuend. Denn was könnte wohltuender sein, als die Last der eigenen, gegebenenfalls vor sich selbst verborgenen Vorurteile zu erkennen, sich damit zu konfrontieren und sie abzulegen? Gutartige Tumoren fallen auch ins Gewicht und weisen grundsätzlich keine Rückbildungstendenzen auf. Ach so, man habe an und für sich keine Vorurteile? Oder wenigstens keine mehr? Sogar niemals gehabt? Umso besser. Wäre es dann nicht schön, diese Idealgegebenheit unabhängig feststellen zu lassen?

Weiße Menschen bevölkern ein soziales Umfeld, das sie von der Diskriminierung isoliert, von der People of Color direkt betroffen werden. Der diesbezügliche Schutz, den Weiße genießen, weckt bei ihnen gewisse Erwartungen an Komfort. Ihnen werden Privilegien zuteil, die sie sogar nicht immer wahrnehmen und trotzdem niemals vermissen möchten.

Doch damit nicht genug: Die Etablierung solcher Ansprüche minimiert parallellaufend die Fähigkeit und somit auch die Bereitschaft, mit den Folgen rassistischer Begegnungen umzugehen, von denen People of Color unaufgefordert heimgesucht werden. Jene Folgen fallen häufig unter die Rubrik RBTS. Dabei handelt es sich um den rassismusbasierten traumatischen Stress, der Auswirkungen auf den emotionalen Zustand hat und wie „Tausend kleine Mückenstiche“ den Körper durchaus belastet.

„Der Rassismus mutet uns direkt Betroffenen also psychische sowie physische Krankheiten zu, und zwar nicht erst dann, wenn die Schwelle zu eklatanten Hassverbrechen überschritten wird.“

Der Rassismus mutet uns direkt Betroffenen also psychische sowie physische Krankheiten zu, und zwar nicht erst dann, wenn die Schwelle zu eklatanten Hassverbrechen überschritten wird. In Kaufhäusern werden wir auf Schritt und Tritt verfolgt, bis der Sicherheitsmann sich aus nächster Nähe davon überzeugen kann, dass wir uns nichts unter den Nagel gerissen haben. Beim Einkaufen werden renommierte Ärzte von wildfremden Kassiererinnen nur aufgrund der Hautfarbe oder Herkunft geduzt.

Dann gibt es das, was ich den „Salon-Vigilantismus“ nenne. Ich setzte mich im ICE in der ersten Klasse hin, und zwar mit einer gültigen Bahncard 100 First. In Prä-COVID-Zeiten. Ein weißer Passagier, der mir am Vierertisch schräg gegenüber saß, fühlte sich dazu berechtigt, meine Anwesenheit infrage zu stellen. Adrett angezogen war ich. Vielleicht hat ihm mein afrikanisches Headwrap nicht gefallen. Egal, ich hatte Hugh Masekela und Duke Ellington in den Ohren. Zugegebenermaßen dachte ich unweigerlich an Plessy vs. Ferguson, das Schandurteil des Obersten Gerichtshofs der USA, wonach separate Zugabteile für Schwarze und Nichtsehwarze 1896 für zulässig gehalten wurden. Immerhin ließ der Störenfried nicht nach. Er wolle mir nur helfen, sagte er. Doch er wurde böse, als ich seine Autorität, mich zu kontrollieren, nicht akzeptierte. Es war eine Genugtuung, als der Zugbegleiter, ebenfalls eine Person of Color, in Erscheinung trat, ihm die Leviten las und ihn noch dazu in den Ruhebereich schickte. Die glückliche Wendung genoss ich durchaus. Aber muss es im 21. Jahrhundert erst so weit kommen?

Wir erfahren, dass unsere Identität mit strategischer Skepsis infrage gestellt wird, und internalisieren demzufolge nicht selten die damit verbundene Ablehnung. „Was hätte ich noch machen können? Wirkte ich zu bedrohlich? Zu fremdartig?“, fragen wir uns immer und immer wieder im aufgeregten Stillen.

„Kann ein nichtbetroffener Außenstehender überhaupt erahnen, wie viel Kraft Elizabeth aufbringen musste, um ihr Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten, während sie gleichzeitig versuchte, ihre Angst und ihre Wut zu bändigen?“

Während wir uns bemühen, das Gesicht zu wahren, dürfen wir den Kopf nicht verlieren. Fokussiert zu bleiben, wird zu einer unnötig erschwerten Herausforderung. In dieser Hinsicht denke ich voller Bewunderung an Elizabeth Eckford, eine der Schwarzen Teenager:innen, die die Little Rock Nine bildeten. Das waren die ersten afroamerikanischen Schüler:innen, die 1957 die bislang exklusiv weiße Little Rock Central High School besuchen sollten – drei Jahre nachdem der Oberste Gerichtshof in Brown vs. Board of Education die rassistische Trennung in den Schulen aufgehoben hatte. Doch ein empörter weißer Mob war damit nicht einverstanden und verwandelte den Schulbesuch in einen Spießrutenlauf. Der Gouverneur von Arkansas setzte zwar die Nationalgarde ein, aber eben mit dem Ziel, den Schulbesuch der Schwarzen zu verhindern. Die Gardisten standen mit gezogenen gleißenden Bajonetten am Schuleingang, ließen nur Weiße herein und machten keine Anstalten, den Mob aufzulösen. Angesichts des chaotisch choreografierten Widerstands der Segregationisten sah sich Präsident Eisenhower gezwungen, Soldaten der 101. Luftlandedivision auf den Plan zu rufen, um im Namen der Bundesregierung den neun jungen Afroamerikanern Geleitschutz zu leisten.

Inmitten dieser spannungsgeladenen Atmosphäre ist Elizabeth Eckford auf einem ikonischen Foto zu erblicken. Der Hass steht ihr Spalier und verfügt dabei über viele Fratzen. Dazu zählt die alt aussehende Visage des erstaunlich jungen Fräuleins Hazel Bryan. Hazel, erst 17-jährig, ist die primäre Antagonistin, die in der Momentaufnahme in Erscheinung tritt. Mit weit aufgerissenem Mund folgt Hazel der nur 15-jährigen Elizabeth auf Schritt und Tritt. „Nigger, go home! Go back to Africar“, schreit Hazel. Elizabeth, in ihrem selbst genähten Kleid mit abstehendem Rock, lässt sich nicht beirren. Kann ein nichtbetroffener Außenstehender überhaupt erahnen, wie viel Kraft Elizabeth aufbringen musste, um ihr Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten, während sie gleichzeitig versuchte, ihre Angst und ihre Wut zu bändigen?

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