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Gedenkstätte Bergen-Belsen © Marga en Johan van de Merwe @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

„Vergessen heißt verraten“

Jugendliche gestalten „Weg der Erinnerung“ bei Bergen-Belsen

Vor knapp 80 Jahren wurden Gefangene der Nationalsozialisten über eine Straße von Bergen nach Belsen ins dortige Konzentrationslager getrieben. Jugendliche machen jetzt die Strecke als „Weg der Erinnerung“ wieder sichtbar.

Von Dienstag, 14.06.2022, 20:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 14.06.2022, 17:48 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Die Jugendlichen sitzen auf dem Radweg an der Landesstraße zwischen Bergen und Belsen. Die Sonne strahlt, Vögel zwitschern, ab und zu rast ein Auto vorbei – doch die Erinnerung an das Grauen ist nur wenige Meter entfernt. Ganz nah ist die Rampe, die vor knapp 80 Jahren die Ankunftsstation vieler Menschen ins Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle war. Auch Anne Frank (1929-1945) kam hier an – das jüdische Mädchen, das am 12. Juni vor 93 Jahren geboren wurde und mit dem sich die Jugendlichen aus diesem Anlass ausführlich beschäftigt haben. Mit Pinsel und Farbe, Malwagen und Sprühdosen machen sie nun den Weg wieder sichtbar, auf dem die Gefangenen einst ins Lager getrieben wurden. „Man bekommt schon Gänsehaut“, erzählt Niclas, einer aus der Gruppe.

Sie alle sind Konfirmanden der evangelischen St.-Lamberti-Gemeinde aus dem benachbarten Bergen – genauso alt wie Anne Frank, als sie sich in Amsterdam vor den Nazis verstecken musste und in ihrem Versteck ihr weltberühmtes Tagebuch schrieb. Sorgsam pinseln sie weiße Farbe auf eine silberne Schablone. Lenni blickt kurz auf den Buchstaben auf dem Boden vor sich, dann taucht der 13-Jährige den Pinsel ein und malt den Buchstaben noch einmal aus. Vorsichtig nehmen die Jugendlichen die Schablone hoch: „Ver“ ist schon zu erkennen, der Anfang des ersten Wortes. „Vergessen heißt verraten“ wird hier nachher stehen, ein Zitat der KZ-Überlebenden Hanna Levy-Hass. Im Sommer 1944 wurde sie hier entlanggetrieben.

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Drei Tage lang tauchen die 36 Jugendlichen in die düstere Geschichte direkt in der Nachbarschaft ihres Wohnortes ein. Sie beschäftigen sich mit den Fakten rund um das KZ, in dem auch Anne Frank starb, nachdem die Nazis ihr Versteck entdeckt hatten. Sie lernen Biografien kennen. Und sie werden selbst aktiv: „Über das eigene Tun Geschichte erleben“, nennt Diakonin Sonja Winterhoff das. Hinter der Aktion steht neben der Kirchengemeinde die Jugendbildungsstätte Anne-Frank-Haus des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) im nahen Oldau.

Ein anderer Zugang zur Geschichte

Während fünf Jugendliche nahe der Rampe das Zitat malen, sind die anderen einige hundert Meter entfernt dabei, eine weiße Linie am Rande des Radweges aufzutragen. Mit Malwagen und Sprühdosen markieren sie den „Weg der Erinnerung“ – nicht immer ganz gerade, aber schließlich soll das Ganze auch nicht wie eine offizielle Markierung der Straßenbehörde aussehen. „Die Menschen sind hier damals auch nicht gerade gegangen“, sagt Helena. Sie blickt auf die Linie. „Da kann man sich vorstellen, wie die hier langgelaufen sind“, sagt die 13-Jährige nachdenklich. So eine Aktion sei doch ein anderer Zugang zur Geschichte als über Schulbücher, sagt sie. Was sie besonders beeindruckt: „Im KZ waren ganz viele Kinder, die waren wie wir. Da ist gar kein Unterschied.“

Das Projekt wolle die Jugendlichen sensibilisieren, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen, erläutert CVJM-Jugendbildungsreferent Moritz Thies vom Anne-Frank-Haus. „Wir machen den Jugendlichen deutlich, dass sie keine Verantwortung für das Geschehene haben – aber eine Verantwortung, dass so etwas nicht wieder passiert.“ Für Thies ist das gerade angesichts eines wieder erstarkenden Antisemitismus eine wichtige Aufgabe.

Familiengeschichten noch im Ohr

Der „Weg der Erinnerung“ mit Informationstafeln über das Lager entstand bereits 2007. Vor zwei Jahren haben die Initiatoren begonnen, die an vielen Stellen bereits verblichene Kennzeichnung aufzuarbeiten und um Zitate Überlebender zu ergänzen – diesmal erstmals mit einem ganzen Konfirmanden-Jahrgang. Für die Jugendlichen ist die NS-Zeit zunächst scheinbar weit weg, die Zeit ihrer Urgroßeltern. „Aber wenn man überlegt, ist das gar nicht lange her“, sagt Helena. Denn viele Jugendliche haben noch die Geschichten aus ihren Familien im Ohr, die sie von ihren Großeltern erzählt bekamen.

Bevor sie zu Pinsel und Farbe gegriffen haben, haben die Teenager zunächst selbst zu Fuß den sechs Kilometer langen Weg von der Rampe bis zum ehemaligen KZ zurückgelegt. An der Rampe besuchten sie auch den Nachbau eines der Güterwaggons, in dem die Menschen teilweise durch halb Europa gekarrt wurden, wie der Konfirmand Luis erzählt: „Da habe ich einen Eindruck bekommen, wie die Menschen gequält wurden und richtig mitgefühlt, was die durchgemacht haben.“ (epd/mig)

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