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Solidarität – Kooperation – Konflikt. Migrantische Organisierungen und Gewerkschaften in den 1970/1980er Jahren © VSA-Verlag

Exklusiv-Buchauszug

Für die 35-Stunden-Woche – gegen Rassismus?

Das neue Buch „Solidarität – Kooperation – Konflikt“ beschreibt die Beziehung zwischen Gewerkschaften und Arbeitsmigranten: gemeinsame Arbeitskämpfe und rassistische Vorurteile - ein neues Narrativ der deutschen Gewerkschaftsgeschichte. MiGAZIN veröffentlicht exklusiv einen Auszug daraus.

Donnerstag, 02.06.2022, 21:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 03.06.2022, 5:44 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

35 Stunden bei vollem Lohnausgleich – so lautete die Forderung von IG Metall und IG Druck und Papier während der Tarifauseinandersetzungen von 1984. Der etwa siebenwöchige „Metallerstreik“ war einer der längsten und kämpferischsten der Nachkriegszeit. Bundesweit streikten 57.500 Metallarbeiter:innen – etwa 42.000 allein bei Daimler (Stand 23.5.1984; vgl. Stuttgarter Zeitung 1984), wo sich der tägliche Produktionsausfall auf etwa 600 Nutzfahrzeuge, 2.200 PKWs und einen Umsatzausfall von 120 Millionen DM täglich summierte (vgl. FAZ 1984). Im Bezirk Stuttgart, der im Zentrum der Auseinandersetzungen stand, streikten mehr als 30.000 Metaller:innen. Noch mehr Beschäftigte der Metallbranche waren von Aussperrungen betroffen: Etwa 543.000 wurden von ihren Arbeitgeber:innen ohne Lohnfortzahlung freigestellt (vgl. Weisser 1984: 92). Ziel des Streiks war die Herabsetzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 35 Stunden, um so gegen Arbeitslosigkeit vorzugehen und die Lebensqualität der Beschäftigten zu verbessern. Im Hintergrund stand die Verringerung der gesellschaftlich benötigten Arbeitszeit durch den technischen Fortschritt und die Verdichtung der Arbeit.

Die Auseinandersetzung fand nicht nur zwischen den Tarifpartner:innen statt, sondern ging quer durch die Gesellschaft. Im öffentlichen Diskurs tobte ein Kampf zwischen der „Bild“ und anderen konservativen Medien, die versuchten, den Streik zu diskreditieren, und progressiveren Stimmen. Für Aufruhr sorgte etwa der Ausspruch des damals noch keine zwei Jahre regierenden Bundeskanzlers Helmut Kohl, der Streik sei „absurd, dumm und töricht“, womit er sich in die Tarifautonomie einmischte (Mayr 1984: 661).

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Als die Gewerkschaft mit dem „Marsch auf Bonn“ zu einer bundesweiten Demonstration in der damaligen Hauptstadt aufrief, an der schließlich 250.000 Personen teilnahmen, trainierte der Bundesgrenzschutz für den Inlandseinsatz: „Bundesgrenzschutz probte Bürgerkrieg gegen Gewerkschaften“, so titelte die Streiknachrichten der IG Metall und verweist damit auf die aufgeheizte Stimmung im Land (IG Metall, Bezirksleitung Stuttgart 1984a).

Nach sieben Wochen kam es im Verfahren der besonderen Schlichtung zu einem Kompromiss zwischen der Forderung der Beschäftigten nach Arbeitszeitverkürzung und dem Interesse der Unternehmen an Flexibilisierung: Die Wochenarbeitszeit sollte im betrieblichen Durchschnitt auf 38,5 Stunden reduziert werden, allerdings konnte die Reduzierung flexibel zwischen den Beschäftigten aufgeteilt werden, die bei Vollzeit jeweils zwischen 37 und 40 Stunden in der Woche arbeiten sollten.

Die Auseinandersetzungen wurden und werden in der Regel als gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung wahrgenommen und nicht als migrantisch oder antirassistisch. Die Arbeitszeitverkürzung wurde schließlich für alle gefordert, unabhängig von Staatsbürgerschaft und Migrationsgeschichte. Trotzdem erklärte ein kurdischer Streikposten aus Stuttgart im Jahr 1984 in einem Interview: „Wer für die 35 Stunden argumentiert, damit nicht durch die Automation immer mehr arbeitslos werden, der kann eigentlich nicht gleichzeitig den Ausländern die Schuld für die Arbeitslosigkeit in die Schuhe schieben. So war die Diskussion um die 35 Stunden immer zugleich eine Diskussion gegen die Ausländerfeindlichkeit. – Eigentlich die erste große Kampagne der Gewerkschaft gegen Rassismus!“ (Speidel 1984: 95).

Wenn wir uns den zeithistorischen Kontext genauer anschauen, erscheinen diese Worte nicht mehr so überraschend: Auf dem Arbeitsmarkt waren Migrant:innen in den 1980ern (und auch darüber hinaus) strukturell benachteiligt. Menschen ohne deutschen Pass waren, wie in der Fallstudie zur Plakat-Gruppe beispielhaft gezeigt, überproportional von Entlassungen betroffen. Zwischen Mitte 1980 bis Mitte 1986 ging die Zahl der Beschäftigten in Deutschland insgesamt um 575.000 Personen zurück, gleichzeitig verringerte sich die Zahl der Beschäftigten ohne deutschen Pass um fast 488.000 Personen (vgl. Karahasan 1988: 157). Somit betrug „der rechnerische Anteil der Ausländer am Abbau des Beschäftigungsvolumens […] gesamtwirtschaftlich nahezu 85 %“, so ein Gutachten der Universität Bremen von 1986 (zit. n. ebd.).

Dies lag wohl einerseits daran, dass Migrant:innen vor allem in den niedrig qualifizierten Jobs beschäftigt waren, die verstärkt abgebaut wurden, und andererseits an restriktiver Migrationspolitik, rassistischer Entlassungspolitik der Unternehmen – und an wenig Gegenwehr vonseiten der jeweiligen Betriebsräte (vgl. Karahasan 1988; Ferraris 1985). Trotzdem erreichte die gewerkschaftliche Organisierung ausländischer Kolleg:innen Anfang der 1980er Jahre einen Höhepunkt, insbesondere in der IG Metall (vgl. Matziari 2014).

Der Arbeitskampf fand zudem in Zeiten eines zunehmend öffentlich – auch gewaltvoll – ausgetragenen Rassismus statt. Antimigrantische Einstellungen fanden ihren Ausdruck nicht nur in der öffentlichen Debatte und einer erstarkenden extremen Rechten, sondern auch in der Politik der Bundesregierung, wie wir es bereits in der Hamburger Fallstudie zu Mobilisierungen gegen „Ausländerfeindlichkeit“ dargelegt haben. Nach dem Erlass des Anwerbestopps 1973 hieß das neue migrationspolitische Schlagwort der damaligen „Ausländerpolitik“ „Rückkehrförderung“. Es bestimmte auch die Revision des „Ausländergesetzes“ im Jahr 1987. Für die Rückkehr gab es Prämien, während die Vergabe von Arbeitserlaubnissen streng eingegrenzt wurde. Wegen der Wirtschaftskrise und erhöhter Arbeitslosigkeit sollten die „Ausländer“ Deutschland verlassen, um die Konkurrenz um Arbeitsplätze und die Belastung der Sozialkassen zu verringern.

Info: Anne Lisa Carstensen, Sabine Hess, Lisa Riedner, Helen Schwenken. „Solidarität – Kooperation – Konflikt. Migrantische Organisierungen und Gewerkschaften in den 1970/80er Jahren“, VSA Verlag, 320 Seiten, EUR 24.80, ISBN 978-3-96488-135-9

Diese rassistische Hochkonjunktur blieb aber nicht unerwidert. Auch die antirassistische Bewegung wuchs und differenzierte sich entlang verschiedener Problemdefinitionen, Organisierungsformen und unterschiedlicher Aktionsansätze aus (vgl. Räthzel 2012; Bojadžijev 2008). Gleichzeitig zum Streik fand zum Beispiel ein bundesweiter Marsch gegen Rassismus statt. Dabei bezogen sich Teile der Bewegung explizit auf die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung. Sie versuchten, die Gemeinsamkeit antirassistischer und klassenpolitischer Kämpfe in den Vordergrund zu stellen.

Vor diesem Hintergrund und anknüpfend an die Worte des kurdischen Stuttgarter Streikpostens, die Ausgangspunkt für diese Fallstudie waren, stellt sich die Frage: Handelte es sich bei dem Metallerstreik von 1984 tatsächlich um den ersten großen Kampf der Gewerkschaften gegen Rassismus?

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