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Symbolfoto © Ian Sane @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

„Ich kann nicht zurück“

Viele Russen verlassen wegen des Krieges in der Ukraine ihre Heimat

Aufgrund des Krieges in der Ukraine verlassen immer mehr Russen, die mit Putins Politik nicht einverstanden sind, ihre Heimat. Viele von ihnen setzen sich ab in die Kaukasus-Republik Georgien. Einer von ihnen ist der IT-Spezialist Dmitry.

Von Montag, 30.05.2022, 16:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 30.05.2022, 16:08 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Dmitry ist nervös, als er per Videoanruf mit der deutschen Journalistin spricht. Der 31-jährige Russe aus Lipezk in Zentralrussland heißt eigentlich anders, möchte seinen echten Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Er ist kein aktiver Oppositioneller, aber er hat aus seiner Meinung kein Geheimnis gemacht. Nun fürchtet er, dass das Interview womöglich abgehört wird, was Konsequenzen haben könnte für seine Mutter und seinen jüngeren Bruder in Russland.

Die Verunsicherung ist groß in diesen Tagen, Dmitry weiß nicht, wohin mit sich. Er wusste nur, dass er rauswollte aus dem Land, das er Zuhause nennt. „Unsere Regierung ist eine Bande von Kriminellen“, sagt er. „Und das nicht erst seit gestern. Dieser Krieg ist grauenhaft. Ich kann das Töten nicht akzeptieren.“ Deshalb hat er sich zusammen mit seiner Frau dazu entschieden, Russland zu verlassen.

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„Das ist furchtbar und einfach falsch.“

„Der Krieg kam so plötzlich“, sagt er, „ich habe nicht damit gerechnet, keiner von meinen Freunden hätte das für möglich gehalten.“ Die Verstörung ist ihm anzumerken, ebenso die Fassungslosigkeit, dass nicht alle seine Landsleute denken wie er. „Es macht mir Angst, dass manche Leute so dumm sind, diesen Krieg zu unterstützen. Das ist furchtbar und einfach falsch.“

Seit Mitte März lebt Dmitry mit seiner Frau in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Dmitry ist Sofware-Ingenieur, er arbeitet für eine internationale Firma, spricht fließend Englisch. Natürlich habe er sich online informiert, was wirklich los ist in der Ukraine, sagt er. Das Netz ist seine Spielwiese, Zensuren weiß er zu umgehen.

„Sind wir dadurch auch schuldig?“

Inzwischen begreift er, dass er in einer „Kommunikationsblase“ gelebt habe, in einer Welt der jungen, gut ausgebildeten Russen, deren Informationsquelle nicht das staatliche Fernsehen ist. Er macht sich Vorwürfe, dass er und seine Freunde nicht genug getan hätten. „Wir haben es nicht geschafft, den Anderen zu sagen, dass dieser Krieg grundfalsch ist“, sagt er und streicht sich nervös mit der Hand über den Kopf.

„Sind wir dadurch auch schuldig?“ Solche Fragen plagen den jungen Mann. Er hat neben vielen internationalen Kollegen in seinem Team auch ukrainische Arbeitskollegen. „Als der Krieg losging, haben wir am Telefon zusammen geweint.“

Seit Kriegsbeginn 30.000 Russen in Georgien

Dmitry ist einer von vielen Russen, die seit Kriegsbeginn ausgewandert sind. Er wäre gerne in die EU gegangen, nach Italien etwa, aber das ist erstens teuer, und zweitens können Russen anders als ukrainische Schutzsuchende nicht ohne weiteres visumfrei einreisen.

In Georgien ist das einfacher: Nach Angaben der georgischen Behörden sind seit Kriegsbeginn mehr als 30.000 Russen ins Land gekommen. Mehr als die Hälfte von ihnen sei aber weitergereist. Genaue Zahlen zu erhalten, ist schwierig, denn Georgien hat äußerst liberale Einreisebestimmungen. Russen dürfen ebenso wie die meisten anderen Menschen visumfrei einreisen und sich bis zu einem Jahr visumfrei im Land aufhalten. Viele, die kommen, sind jung und in der IT-Branche tätig, sodass sie praktisch von jedem Ort der Welt aus arbeiten können.

Argwohn gegenüber Russen

Die Georgier verfolgen den Krieg in der Ukraine sorgenvoll, viele fürchteten insbesondere zu Kriegsbeginn, sie könnten Putins nächstes Opfer werden. Bereits in den ersten Kriegstagen demonstrierten Tausende Menschen in Tiflis und drückten so ihre Solidarität mit der Ukraine aus. Schließlich ist das Land selbst zum Opfer russischer Invasion geworden: Die abtrünnige Region Abchasien ist politisch und wirtschaftlich von Moskau abhängig und wird vom Kreml protegiert, und Südossetien steht seit dem Krieg 2008 unter russischer Kontrolle.

Ähnlich wie die Regierung in Kiew würde auch die in Tiflis am liebsten sofort Mitglied in der Nato und der EU werden. Wie zugehörig sich die georgische Elite Europa fühlt, ist daran zu erkennen, dass an allen offiziellen Gebäuden neben der georgischen Flagge auch jene mit dem blau-gelben Sternenkranz der EU weht. Manche in der Bevölkerung beäugen die russischen Neuankömmlinge argwöhnisch: Taxifahrer weigern sich, sie zu befördern, andere wollen keine Zimmer an Russen vermieten. In einer Online-Petition wurde die georgische Regierung dazu aufgefordert, eine Visumspflicht für russische Staatsangehörige einzuführen.

Sanktionen treffen russische Flüchtende

Dmitry hat bislang keine schlechten Erfahrungen mit Georgiern gemacht, erzählt er, im Gegenteil: Er möchte sich ausdrücklich bei allen Georgiern bedanken für die Aufnahmebereitschaft. Im Alltag warten jedoch weitere Probleme auf Menschen wie ihn: Die Mieten in Tiflis sind seit Kriegsausbruch um das Dreifache gestiegen. Und an Geld zu kommen, ist für viele Russen schwierig. Wer eine Visa- oder Mastercard hat, die in Russland registriert ist, kann damit im Ausland wegen der Sanktionen derzeit kein Geld abheben.

Wie es jetzt für ihn in Georgien weitergeht, weiß Dmitry nicht. „Ich würde gerne meine Familie wiedersehen, und ein paar Sachen holen. Wir haben ja alles zurückgelassen: Das Auto, Klamotten, das einzige Paar Schuhe, das ich dabei habe, sind die Sneakers, die ich trage“, sagt er. „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Aber solange Putin an der Macht ist, kann ich nicht zurück.“ (epd/mig)

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