Gefängnis, Haft, Gitter, Knast, Justizvollzugsanstalt
Gefängnis © Ichigo121212 @ pixabay.com (CC0)

1.200 Todeskandidaten begleitet

„Man war nur an einer Stelle sicher: im Gefängnis.“

Er versteckte Juden, arbeitete im Widerstand und schmuggelte Briefe der Inhaftierten heraus: Harald Poelchau war während der NS-Diktatur Gefängnispfarrer in Berlin. Rund 1.200 Menschen stand er in ihren letzten Stunden zur Seite.

Von Donnerstag, 28.04.2022, 19:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.04.2022, 14:25 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Als der junge Berliner Gefängnispfarrer Harald Poelchau 1934 erstmals zu einer Hinrichtung abkommandiert wurde, wehrte er sich entsetzt: „Ich hatte das Gefühl, dass diese Aufgabe nicht in meine Linie passen und mein Vertrauensverhältnis zu den Gefangenen zerstören würde. Es war, als würde etwas von dem vergossenen Menschenblut an mir haften bleiben. Ich protestierte.“

Der Protest war vergeblich. Bei dem Todeskandidaten handelte es sich um einen 24-Jährigen, der einen Geldtransporter überfallen und einen Menschen erschossen hatte. Der Mann war in großer Sorge um seine Mutter. An den folgenden Morgen erinnerte sich Harald Poelchau (1903-1972) später nur mit Schaudern.

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„Auf dem Gefängnishof stand ein Altar mit Kerzen und einem Kruzifix. Es war sechs Uhr früh, kühl, die Kerzen flackerten im Morgenwind Die Henkersknechte warfen ihn blitzschnell zu Boden, drückten ihn über den Block, und der Scharfrichter enthauptete ihn mit dem Handbeil. Ich sah nicht hin. Eine starke Übelkeit überfiel mich. Dann brach ich auf, um die Mutter des Hingerichteten aufzusuchen.“

1.200 Todeskandidaten zum Schafott begleitet

Damals ahnte Poelchau, der am 29. April vor 50 Jahren starb, noch nicht, dass er in den nächsten zehn Jahren rund 1.200 Todeskandidaten zum Schafott begleiten sollte. Zuvor hatte er 1931 bei dem religiösen Sozialisten Paul Tillich in evangelischer Theologie promoviert. Poelchau hatte die staatliche Fürsorgerprüfung abgelegt und war vor seiner Tätigkeit bei Tillich in Frankfurt Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe gewesen.

Doch unter den Nationalsozialisten sah der Sohn eines Potsdamer Pfarrers schon bald keine Chance für seinen Traum von einer Kirche, die als kritische Instanz hätte dienen können. Schon in dem schlesischen Heidedörfchen, in dem er groß wurde, hatte er die Rolle der Kirche im gesellschaftlichen Gefüge mit skeptischen Augen betrachtet. An Tillichs religiösem Sozialismus faszinierte ihn der Gedanke, die soziale Wirklichkeit aus der Kraft des Evangeliums heraus zu verändern.

„Man war nur an einer Stelle sicher: im Gefängnis.“

Als er sich schließlich 1933 um das Amt des Gefängnispfarrers in Berlin-Tegel bewarb, begründete Poelchau das mit dem scheinbar verrückten, aber treffsicheren Argument: „Man war nur an einer Stelle sicher: im Gefängnis.“ Hier in Tegel teilte er sich mit einem katholischen Kollegen die Seelsorge für 600 Gefangene.

Für die in immer größerer Zahl eingelieferten politischen Häftlinge, meist SPD- und KPD-Funktionäre, kirchenfern, vielseitig interessiert, bot Poelchau einen eigenen Religionsunterricht an. Dabei wurde angeregt über grundlegende Menschheitsfragen diskutiert. Heimlich schmuggelte er Briefe und Nachrichten für viele aus politischen Gründen Inhaftierte aus und ins Gefängnis, unter anderem für die 1945 hingerichteten Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und Helmut James Graf von Moltke.

Braune Justiz

Als die braune Justiz immer hektischer Todesurteile verhängte, wurde die Begleitung der Hinrichtungskandidaten zur schmerzlichen Hauptbeschäftigung des Pastors. Schlimmer als die letzten Sekunden im Hinrichtungsschuppen, wo ein schwarzer Vorhang die Guillotine verbarg, war für ihn die Qual des Wartens, wenn zwischen Urteilsverkündung und Vollstreckung Tage, ja Wochen lagen.

Poelchau arbeitete in einer Widerstandsgruppe mit, dem „Kreisauer Kreis“ um die schlesischen Grafen Helmuth James Graf von Moltke und York von Wartenburg. Eines der Hauptthemen der „Kreisauer“: Vorarbeit für eine geistige und gesellschaftliche Neuordnung nach der „Stunde X“, mit einer Verbindung von christlichem Humanismus und Sozialismus. Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 hat Poelchau nach Angaben der Gedenkstätte Deutscher Widerstand den Angehörigen vieler am Umsturzversuch Beteiligter letzte Nachrichten übermittelt.

„Gerechte unter den Völkern“

Ohne groß darüber zu reden, muss Poelchau oft auch sein eigenes Leben riskiert haben, wenn es galt, gemeinsam mit seiner Frau Dorothee, Juden zu verbergen. „Es war schwierig“, berichtet er lediglich, „Lebensmittelkarten für sie zu beschaffen und sie während der Angriffe zu verstecken, die nachts die gesamten Hausbewohner im Keller vereinten, so dass ein Fremder auffiel.“

Nach dem Krieg war Poelchau Generalsekretär eines Hilfswerks für gesellschaftlichen und kirchlichen Wiederaufbau – dem Evangelischen Hilfswerk -, das Eugen Gerstenmaier in seiner Berliner Gefängniszelle ersonnen hatte. Er arbeitete an der Reform des Strafvollzugs in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone mit und baute danach als Sozialpfarrer in Berlin eine ganz neue Art von Seelsorge auf. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrte ihn und seine Frau Dorothee 1971 als „Gerechte unter den Völkern“. Am 29. April 1972 ist Harald Poelchau gestorben. (epd/mig)

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