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Fernsehkamera © Marcus Sümnick @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

INA-Jahresbericht

Migranten in „vergessenen Nachrichten“ stark vertreten

Die Abschaffung kostenloser Schulbücher, Menschen ohne Krankenversicherung, pflegende Kinder: Besonders soziale Themen seien im vergangenen Jahr in den deutschen Medien zu kurz gekommen, stellt die Initiative Nachrichtenaufklärung fest. Viele der vernachlässigten Themen treffen Migranten besonders stark.

Sonntag, 24.04.2022, 18:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 24.04.2022, 10:21 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Medien in Deutschland haben nach Angaben der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) auch im vergangenen Jahr wichtige Themen nicht aufgegriffen. Als vergessenes Topthema kürte die Jury die allmähliche Abschaffung kostenloser Lernmaterialien, wie die INA und der Deutschlandfunk am Freitag in Köln bei der Vorstellung ihrer „Top Ten“ der vergessenen Nachrichten mitteilten. Die sogenannte Lernmittelfreiheit, die vor allem kostenlose Schulbücher umfasst, gebe es bereits in vier Bundesländern gar nicht mehr.

„Eine Internet-Plattform hat ausgerechnet, dass dort im Laufe eines Schülerlebens Kosten in Höhe von mehr als 20.000 Euro auflaufen – im Vergleich zu solchen Bundesländern, wo es noch eine Lernmittelfreiheit gibt“, sagte INA-Geschäftsführer Hektor Haarkötter. Der wirtschaftliche Druck auf die anderen Bundesländer, die Mittel für Schulbücher und andere Lernmaterialien ebenfalls zu kürzen, steige. „Wir sind der Meinung, dass über diesen Punkt, weil er so unfassbar viele Menschen in Deutschland ganz massiv angeht, sehr viel mehr berichtet werden sollte“, betonte Haarkötter.

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Mehrkinderhaushalte treffen Kürzungen stärker

Studien zufolge belasten die Kürzungen Familien mit niedrigem Einkommen besonders stark und dort Migranten ganz besonders. Zens-Zahlen zufolge leben in Familien mit Einwanderungsgeschichte vergleichsweise mehr Kinder. In diesen Familien schlagen sich die Kürzungen im Bildungsbereich mehrfach aus.

Die INA stellt einmal jährlich gemeinsam mit der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks eine „Top Ten“ von medial vernachlässigten Themen zusammen. Auf Platz zwei der Liste wählte die Jury aus Wissenschaftlern und Journalisten in Deutschland lebende Personen ohne Krankenversicherungsschutz. Davon betroffen seien beispielsweise ehemalige Selbstständige und Einwanderer. „Besonders in Zeiten einer weltweiten Pandemie ist der Versicherungsschutz von hoher Wichtigkeit für jeden Menschen“, erklärte die Initiative.

Kultur und Tradition: Pflege in der Familie

Auf dem dritten Platz landete das Thema „Pflegende Kinder und Jugendliche“. In Deutschland seien eine halbe Million Kinder und Jugendliche an der Pflege ihrer Angehörigen beteiligt, erklärte die Initiative. Damit leisteten sie einen enormen Dienst für die Gesellschaft. In der öffentlichen Diskussion würden sie jedoch kaum wahrgenommen. „Die fehlende Thematisierung und das Fehlen einer Interessensvertretung der Pflegenden birgt das Risiko eines Zusammenbruchs des deutschen Pflegesystems“, warnte die Initiative. Das Thema sei vor wenigen Jahren kurz von den Medien thematisiert worden, dann aber wieder in Vergessenheit geraten.

In Familien aus arabischen, asiatischen sowie generell aus südlichen Kulturkreisen ist die Pflege von Verwandten innerhalb der Familie vergleichsweise öfter Tradition sowie fester Bestandteil der gelebten Kultur. Externe Dienstleister werden aus Respektvorstellungen gegenüber älteren Familienmitgliedern, aufgrund des sozialen Drucks oder aus Scham nicht in Anspruch genommen. Ein weiterer Grund sind fehlende Angebote, die speziell auf Bedürfnisse von Menschen mit Einwanderungsgeschichte ausgerichtet sind.

„Wie schnell Geschichten verschwinden …“

Zu weiteren vergessenen Themen kürte die Jury beispielsweise die fehlende Palliativversorgung von Wohnungslosen sowie das Betriebsrätemodernisierungsgesetz. Auch die Themen nachhaltige Autobahnen aus Asche, Sexismus in politischen Parteien und das Aussterben der Schmetterlinge hält die Jury für medial vernachlässigt. „Gerade in der aktuellen Situation sieht man, wie schnell Geschichten von der Agenda verschwinden können, weil einige wenige Themen die Berichterstattung dominieren“, kritisierte Haarkötter. Man könne in diesem Zusammenhang schon fast von Themen-Populismus sprechen.

Ermittelt werden die Vorschläge für die „Top Ten“ der vergessenen Nachrichten von studentischen Rechercheteams. Auch Vorschläge aus der Öffentlichkeit werden berücksichtigt. Eine Jury entscheidet dann über die Platzierungen. (epd/mig)

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