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Wohncontainer (Symbolfoto) © DeepakG @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Integrationschancen beachten

Experten für besseren Verteilungsmodus von Flüchtlingen

Deutschland verteilt Geflüchtete aus der Ukraine immer noch nach dem Königsteiner Schlüssel, der sich einzig nach der Situation in den Regionen richtet. Experten fordern aber Verteilung im Sinne der Menschen. Die staatliche Verteilung habe 2015 die Integrationschancen der Menschen beeinträchtigt.

Von und Montag, 28.03.2022, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 28.03.2022, 6:11 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) rät bei der Verteilung der Flüchtlinge aus der Ukraine auf die Bundesländer von langfristigen und rigiden Wohnortzuweisungen ab. Es müsse „in Alternativen und unterschiedlichen Szenarien gedacht werden“, heißt es in einer Stellungnahme des Instituts. „Prinzipiell warnen wir davor, Verteilungsschlüssel langfristig anzuwenden und so die Wohnortwahl der Geflüchteten einzuschränken“, sagte die BIM-Forscherin Nihad El-Kayed dem „Evangelischen Pressedienst“. Untersuchungen nach 2015 hätten gezeigt, dass die staatliche Verteilung und Wohnsitzauflagen die Integrationschancen von Geflüchteten beeinträchtigt haben.

Damals wurden die Geflüchteten überdurchschnittlich oft auf strukturschwache Regionen mit hohen Arbeitslosenquoten verteilt. Das habe die Jobchancen der Geflüchteten nachhaltig verschlechtert, heißt es in der Stellungnahme der Forscher. Laut Innenministerium sollen alle Ukrainer, die nicht privat bei Verwandten und Freunden unterkommen, vermehrt zentral verteilt werden. Dazu dient der Königsteiner Schlüssel, in den Wirtschaftskraft und Einwohnerzahlen der Länder eingehen.

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Integrationschancen in Städten besser

Auch wenn es oft schwierig sei, in manchen Städten bezahlbare Wohnungen für die Flüchtlinge zu finden, so seien hier die Chancen zur Integration meist deutlich besser als in strukturschwachen Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte. Auch sei das Angebot an Kita-Plätzen, Schulen sowie bei der medizinischen Versorgung und den sozialen Beratungsangeboten deutlich breiter. Gleiches gelte für die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes. Die Investition in höhere Wohnkosten „rechnet sich, wenn die Beschäftigungschancen steigen. Das ist in vielen Regionen der Fall“, so Herbert Brücker, Direktor des BIM.

„Was sich hier abzeichnet, ist ein Zielkonflikt zwischen Bedingungen der kurzfristigen Versorgung mit mittel- und langfristigen Integrationszielen“, erläuterte El-Kayed. Dieses Problem „sollte man nicht durch langfristige Regulierungen des Wohnsitzes verschärfen“. Einschränkungen beim Wohnort hätten zudem noch andere negative Folgen: „Oft ist es hilfreich – für soziale Unterstützung in den ersten Wochen, aber auch in Bezug auf Eingliederung in Schule oder den Zugang zum Arbeitsmarkt – wenn der Ankunftsprozess durch Verwandte und Freunde lokal unterstützt werden kann.“

Immobilienverband: Verteilung am Bedarf orientieren

Auch der Evangelische Immobilienverband Deutschland hat sich für eine am Bedarf der Landkreise und Regionen orientierte Verteilung von Ukraine-Flüchtlingen in Deutschland ausgesprochen. „Ich hoffe, die Politik hat ihre Lehren aus der Situation von 2015 und den hohen Flüchtlingszahlen damals gezogen“, sagte der geschäftsführende Vorstand des Verbandes, Dennis Beyer, in Berlin dem „Evangelischen Pressedienst“.

„Es reicht nicht, über das Verteilverfahren des Königsteiner Schlüssels eine bestimmte Anzahl an Geflüchteten den Bundesländern zuzuweisen“, sagte Beyer. Wichtig sei jetzt, einzelne Regionen nicht zu überfordern, sondern nach qualitativen Gesichtspunkten wie Infrastruktur, zivilgesellschaftlichem Engagement oder Arbeitskräftebedarf Flüchtlinge zu verteilen: „Das Ahrtal zum Beispiel hat nach der Flutkatastrophe gerade andere Probleme zu bewältigen.“

„1.000 Flüchtlinge nicht in ein Quartier stecken“

Neuankömmlinge müssten die Chance bekommen, Fuß zu fassen oder wenigstens sich weiter orientieren können, sagte Beyer. Der Königsteiner Schlüssel sollte um qualitative Merkmale ergänzt werden. Weiter plädierte Beyer dafür, „keine Ghettos entstehen zu lassen“. „Das hat Deutschland in den zurückliegenden Jahrzehnten in der Städtebau- und Integrationspolitikpolitik weitgehend gut hinbekommen: Also nicht 1.000 Flüchtlinge in ein Quartier stecken; dann hat zivilgesellschaftliches Engagement kaum noch Chancen, sinnvoll zu begleiten.“ Vielmehr sollten die Menschen über das Stadtgebiet verteilt werden.

Beyer zeigte sich überzeugt, „dass einige Regionen im ländlichen Raum sehr davon gewinnen können, wenn dort wieder mehr Menschen angesiedelt werden“. „Sie bringen unterschiedlichste Qualifikationen mit.“ Dann würde sich auch der Aufbau von Infrastrukturen wieder lohnen. Dies sei eine Aufgabe für Bund und Länder. Es gebe etliche Regionen etwa mit Fachkräftemangel. (epd/mig)

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