Lennard Göttner, Migazin, Meinung, Integration, Migration, Journalist
Lennard Göttner © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Jugendliche Migrant:innen

Zwischen Liminalität und Integration

Es kommen wieder viele junge Geflüchtete nach Deutschland. Diese Menschen könnten dauerhaft in Deutschland bleiben und stehen vor großen Herausforderungen. Das wenig bekannte Konzept der Liminalität beschreibt den Zustand sehr gut.

Von Mittwoch, 16.03.2022, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 15.03.2022, 16:56 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Sprachbarrieren, kulturelle Distanz, die mediale Präsentation, Bürokratie und eine Vielzahl von weiteren Faktoren erschweren es vor allem jugendlichen Migrant:innen erheblich, sich in der Aufnahmegesellschaft zu orientieren und infolgedessen vollständig zu integrieren. Sie agieren teilweise auch als Erwachsene ohne gesellschaftliche Identifikation und Entwicklung; ihnen fehlt politische sowie sozial-gemeinschaftliche Partizipation. In der Folge verharren die Menschen auch noch Jahre nach ihrer formellen Aufnahme in einem kritischen Schwellenzustand zwischen Migration und Integration.

Auch aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine und den daraus zwangsläufig wie unfreiwillig resultierenden Fluchtbewegungen ist es von großer Relevanz, jugendliche Migrant:innen in das Zentrum eines neuen gesellschaftlichen Integrationsdiskurses zu stellen. Niemand kann gegenwärtig wissen, wie lange der brutale Angriffskrieg Putins noch andauern und welche nachhaltigen Schäden er für die ukrainische Bevölkerung nach sich ziehen wird. Im Ergebnis könnten viele, die in diesen Tagen in Deutschland Zuflucht suchen, auch langfristig in Deutschland bleiben.

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Victor Turner und das Konzept der Liminalität

„Das Individuum trennt sich zunächst schrittweise von dem umgebenden alltäglichen Umfeld, um sich alsdann vollständig von der Gesellschaft zu isolieren und schließlich, in der dritten Phase dieses Übergangsrituals, wieder schrittweise in den gemeinschaftlichen Alltag einzugliedern. „

Doch um diesen Schwellenzustand zwischen Migration und Integration, der zwangsläufig auch die jungen ukrainischen Geflüchteten betreffen wird, zunächst besser fassen zu können, lässt sich das klassisch-anthropologische Konzept der Liminalität des britischen Ethnologen Victor Turner heranziehen. Turner ging davon aus, dass gesellschaftliche sowie unfreiwillige Übergangsriten den Status eines Menschen verändern können und nach einem konkreten, ihnen zugrundeliegenden Schema ablaufen. Innerhalb dieses Übergangs trennt sich das Individuum zunächst schrittweise von dem umgebenden alltäglichen Umfeld, um sich alsdann vollständig von der Gesellschaft zu isolieren und schließlich, in der dritten Phase dieses Übergangsrituals, wieder schrittweise in den gemeinschaftlichen Alltag einzugliedern. Dieser theoretische Ansatz lässt sich exakt auf die unumgängliche Fluchtsituation der ukrainischen Bevölkerung übertragen.

Insbesondere der Phase der Isolation, die in seinen Ausführungen als liminal bezeichnet wird, ließ Turner dabei eine bedeutsame Rolle zukommen. Menschen, die diese Phase durchlaufen, seien „[…] weder hier noch dort, sie befinden sich zwischen den Positionen, die durch das Gesetz, den Brauch und die Konvention zugewiesen und angeordnet sind […]“. Während dieser Passage seien Menschen weder dieselben, die sie vor dem – in diesem Falle zwangsläufigen – Ritual waren, noch diejenige Person, die sie nach Abschluss des Ritus sein werden.

Migration als liminaler Raum

„Der Prozess dieser unfreiwilligen Migration lässt sich in diesem Sinne als ein liminaler Raum beschreiben, in dem die ukrainischen Geflüchteten bis zu ihrer vollständigen Integration in die deutsche Gemeinschaft verharren. Sie sind weder Teil ihrer Herkunftsgesellschaft, noch agieren sie bereits als aktive Subjekte der Aufnahmegesellschaft.“

Der Prozess dieser unfreiwilligen Migration lässt sich in diesem Sinne als ein liminaler Raum beschreiben, in dem die ukrainischen Geflüchteten bis zu ihrer vollständigen Integration in die deutsche Gemeinschaft verharren. Sie sind weder Teil ihrer Herkunftsgesellschaft noch agieren sie bereits als aktive Subjekte der Aufnahmegesellschaft. Dabei kann jedoch ganz und gar nicht immer gewährt werden, dass sich die Geflüchteten überhaupt angemessen integrieren können. Es dauert oft sehr lange, bis die Entscheidung über einen Asylantrag gefällt wird. Während dieser Zeit können Geflüchtete nicht selbst über ihren Wohnort bestimmen. In zahlreichen Fällen besteht innerhalb der Erstaufnahmeeinrichtungen zudem keine oder kaum pädagogische Betreuung sowie psychologische Versorgung. Kinder und Jugendliche im Speziellen haben in diesen Einrichtungen nur äußerst begrenzten Zugang zu Bildung. In den Unterkünften fehlt den Menschen zudem nahezu gänzlich die Interaktion mit der Aufnahmegesellschaft. Viele Migrant:innen können aus diesen Gründen nur eingeschränkt über ihr eigenes Leben bestimmen; einer natürlichen Integration dieser Individuen liegen massive Steine im Weg.

Bürokratische Barrieren abbauen – Asylverfahren beschleunigen

Niemand weiß genau, wie viele Menschen aus der Ukraine nach Deutschland fliehen werden; Schätzungen gehen von Zahlen im sechsstelligen Bereich aus. Doch die tiefgreifenden Konsequenzen, die sich aus den Lebensumständen in den Unterkünften insbesondere für jugendliche Migrant:innen ergeben, gilt es schleunigst und um jeden Preis zu vermeiden.

Umso mehr benötigt es jetzt eine national koordinierte Vorgehensweise, um eine unbegrenzte und vor allem unbürokratische Aufnahme der Menschen aus der Ukraine gewährleisten zu können. Es müssen dringend Ressourcen für menschenwürdige Lebensverhältnisse in den Unterkünften erbracht werden. Die professionelle Betreuung der Geflüchteten muss darüber hinaus auch auf Grundlage finanzieller Investitionen in Sozialarbeiter:innen und Lehrende von politischer Seite aus ermöglicht werden, um die unerlässliche psychische, pädagogische und schulische Unterstützung für junge Ukrainer:innern  sicherzustellen. Die Asylverfahren müssen deutlich verkürzt werden und den Geflüchteten darf überdies keine befristete Bleibeperspektive erteilt werden.

Dezentrale Unterbringung als Förderung der Integration

„Durch Privatwohnungen kann … eine natürliche Interaktion der Menschen mit der Aufnahmegesellschaft gefördert und die nachhaltig-perspektivische Integration der jugendlichen ukrainischen Migrant:innen deutlich beschleunigt werden.“

Ein alternatives Mittel zur Förderung der Integration und damit auch zur Vermeidung eines langfristigen liminalen Zustands wäre eine schnelle dezentrale Unterbringung der Geflüchteten. Zum einen kann durch die Privatwohnungen eine menschenwürdige Unterkunft samt Privatsphäre und Rückzugsort gewährt werden; zum anderen würde eine natürliche Interaktion der Menschen mit der Aufnahmegesellschaft gefördert und die nachhaltig-perspektivische Integration der jugendlichen ukrainischen Migrant:innen deutlich beschleunigt werden.

Und trotz aller kritischen Missstände innerhalb der Unterkünfte und den bürokratischen Strukturen in puncto Asylverfahren können die Anerkennung und Duldung in vielen Fällen gleichzeitig auch das hart erkämpfte Ergebnis eines Prozesses der Selbstbehauptung und des Ringens um eine friedliche Zukunft darstellen und damit allen Barrieren zum Trotz neue Chancen eröffnen. Jugendliche Migrant:innen besitzen enormes Potenzial. Wichtig ist, dass die jungen Menschen aus der Ukraine als unverzichtbarer Teil unserer gesellschaftlich-progressiven Entwicklung anerkannt und wertgeschätzt, nicht in ein Schattendasein gedrängt und letztendlich aktiv in gemeinschaftliche Diskurse eingegliedert und integriert werden. Denn nur so kann ein nachhaltiger Ausbruch aus der Liminalität und schließlich eine angemessene Grundlage für eine friedliche Zukunft gewährleistet werden.

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