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Porajmos, Familie, Sinti, Roma, Nationalsozialismus, Holocaust, Völkermord
Die verstorbene Porajmos-Überlebende Gisela Z. mit Ehemann und ihren zwei Kindern, ca. 1956 im Fischerholz, noch bevor die Familie das Grundstück erwerben und ihr Eigenheim bauen konnte. © Privat

Gebaut nach der NS-Verfolgung

Eigenheimen von Porajmos-Überlebenden droht Zwangspfändung

„Child Survivor“ werden sie heute genannt: Kinder, die den Holocaust überlebten. Die Eltern von Gisela Z. und ihre Geschwister waren fünf lange Jahre der NS-Verfolgung im besetzten Polen ausgesetzt, nun müssen die Nachkommen um die Zwangspfändung der eigenhändig errichteten Wohnstätten in Augsburg fürchten.

Von Dienstag, 01.02.2022, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 31.01.2022, 8:21 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Gisela Z. kam 1935 in auf die Welt, mit drei Jahren wird das Mädchen im Frankfurter Polizeilager interniert, zwei Jahre später folgt die Deportation ins besetzte Polen. Dort überlebt die Familie versteckt in Wäldern, gefangen in Lagern und Ghettos. 1945, nach der Befreiung aus der nationalsozialistischen Verfolgung kam die Familie zuerst nach Nördlingen und siedelte sich dann in Augsburg an. Die Eltern erwarben Grundstücke von der Stadt und bauten mit ihren Kindern und deren Ehepartnern darauf Eigenheime. Die Friedensstadt Augsburg wurde für Gisela Z. und ihre Geschwister zum Heimatort. Nun droht die Zwangsversteigerung.

Die kleine Siedlung liegt im Norden Augsburgs. Es sind kleine Häuser mit Garten, erbaut in den 1970er Jahren – „Stein auf Stein eigenhändig, von unseren Großeltern, unseren Eltern, Onkel und Tanten“, erklärt Dicht daneben stehen schon die mehrgeschossigen Häuser im Augsburger Stadtteil Gersthofen. Die Grundstücksflächen der Porajmos-Überlebenden wären ideales Baugebiet für mehrstöckige Bauten, das erkennt das merkantile Auge auf den ersten Blick. Doch „verkaufen? Nein, nie!“ ist die spontane Reaktion von Erika R. (Name geändert), deretwegen die Zwangsversteigerungen jetzt drohen.

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„Mein Elternhaus bedeutet für mich alles, nie könnte ich es verkaufen, alle diese kleinen Häuser hier sind Zeichen für das Überleben meiner Familie im Nationalsozialismus.“

„Mein Elternhaus bedeutet für mich alles, nie könnte ich es verkaufen, alle diese kleinen Häuser hier sind Zeichen für das Überleben meiner Familie im Nationalsozialismus“, erklärt die heute 68-jährige Schwiegertochter der verstorbenen Gisela Z.. Das „Elternhaus“ bot Erika R. den nötigen Schutz, war der Halt in einer Welt, in der Sinti auch nach dem Ende der NS-Herrschaft Menschen zweiter Klasse waren. Es war der kleine Flecken Erde, der Sicherheit und Geborgenheit garantierte.

Die drohende Zwangsversteigerung hat ihre Ursache vor zwölf Jahren. Damals, 65 Jahre nach dem Ende der NS-Verfolgung, kam es in Augsburg zur Razzia der Steuerfahndung, von der vor allem Angehörige der Sinti betroffen waren. Viele Angehörige der Familie K. wurden inhaftiert. Der Schrotthandel stellte als Nischengewerbe einen traditionellen Erwerbszweig unter der Minderheit dar. Der Razzia folgte damals eine Pressekampagne, die antiziganistische Züge aufweist.

Die folgende Verurteilungswelle am Landgericht Augsburg betraf auch die Geschäftsführerin der Firma K., Erika R., sie war der Umsatzsteuerunterschlagung angeklagt. Als die damals 58-Jährige nach zwei Jahren Haft entlassen wird, steht sie auf der Straße – das Finanzamt Augsburg hatte ihr Wohnhaus und das ihrer Schwiegermutter Gisela Z. zwangsversteigert, nur zwei Monate vor ihrer Entlassung. Das war 2012. Der Schock saß tief. Und jetzt stehe wieder ein Pfändungseintrag bevor, wegen der gleichen Steuerschuld, die 2010 zur großen Verhaftungswelle führte, erklärt ihr Ehemann Georg Z.

Steueranwälte blockieren Klärung der Steuerschuld

„Wir wollen die Steuerschuld begleichen, warten auf ein Vergleichsangebot.“

Das Ehepaar versuche seit Jahren die Klärung der damaligen Steuerschuld, auch die Klärung der Erlöse aus den Zwangsversteigerungen beim Finanzamt Augsburg, bisher ohne Ergebnis. „Wir wollen die Steuerschuld begleichen, warten auf ein Vergleichsangebot.“ Doch bereits der zweite Steueranwalt, habe die Klärung verzögert oder das Mandat niedergelegt, weil er keine Aussicht auf Erfolg einer Klage beim Finanzgericht mehr sehe. Der heutige Rentner Georg Z. glaubt, dass das Finanzamt die Firma K. in die Insolvenz treiben möchte, damit mögliche Unrechtmäßigkeiten bei den erhobenen Umsatzsteuerschulden und den daraus folgenden Verurteilungen nicht zur Aufklärung kommen können.

„Es ging 2010 um rd. 400.000 Euro Steuerschuld. Deswegen wurden europaweit mindestens hundert Menschen inhaftiert“, erklärt er. 16 Menschen wurden als Mittäter der Steuerhinterziehung verurteilt, so steht es in der Urteilsbegründung des Haupttäters Georg. Z.

Eine Wende bringt der damals mitverurteilte Franc S., slowenischer Metallhändler. Dessen Anwalt hatte im Jahr 2021 eine Überprüfung der ursprünglich festgesetzten Steuerschuld erreicht. Die neue Summe beträgt rund ein Fünftel der festgelegten Steuerschuld von 2010.

„Unsere Kinder und Enkel haben sonst nie eine Chance in diesem Land.“

Georg Z. verbindet mit der Neuberechnung die Hoffnung, dass die Aufklärung nun beginnt, denn die Verhaftungswelle der Schrott- und Metallhändler von 2010 sei ein großes Unrecht an vielen Unternehmern und Privatpersonen gewesen. „Menschen sind daran gestorben, große Betriebe wurden ruiniert, teilweise allein aufgrund der begleitenden Pressekampagne“, erklärt Georg. Z. Auch um die ehemaligen Geschäftspartner zu rehabilitieren, kämpfe er weiter für die Aufdeckung dieses Justizfalls, an dem nach seiner Meinung Antiziganismus und Rassismus mitverantwortlich waren.

Mehrere Porajmos-Überlebende der Familie erlebten die Großrazzia im Januar 2010 und die Inhaftierung von nahen Verwandten mit. Erika R. will nicht darüber reden, zu traumatisierend sind die Erinnerungen. Für Georg Z. ist Aufklärung lebensnotwendig, die Minderheitenverbände und die Politik sei gefragt: „Unsere Kinder und Enkel haben sonst nie eine Chance in diesem Land.“

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