Clara Herdeanu, Kolumne, MiGAZIN, Sprachrealität, Sprache

Linguistischer Zwischenruf

Aufmärsche sind keine Spaziergänge!

Spaziergang, Querdenker, Diktatur und Co. - Wörter verlieren im öffentlichen Diskurs ihre Unschuld. Es geht um Deutungshoheiten, semantische Kriege und damit auch um Macht. Deshalb: Augen auf bei der Wortwahl.

Von Montag, 17.01.2022, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 25.01.2022, 17:37 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Haben Sie in den letzten Tagen eine Einladung zu einem Spaziergang ausgesprochen – und dann schnell erschrocken eine Erklärung hinterhergeschickt, dass Sie kein Querdenker seien und nicht der Meinung seien, wir lebten in einer Diktatur. Willkommen im aktuellen Corona-Diskurs!

Verlorene Unschuld von Wörtern

Wir schreiben das Jahr 2022 und das Wort Spaziergang ist plötzlich gar nicht mehr unverfänglich. Interessanterweise hat es dabei in den vergangenen 24 Monaten nicht eine, sondern gleich zwei Bedeutungsverschiebungen hinter sich. War der Spaziergang vor Corona noch etwas, in dem ein Hauch Spießigkeit mitschwang, wurde dies in der Anfangsphase der Pandemie plötzlich der Inbegriff für Freizeitbeschäftigung. Einen (wenn auch wissenschaftlich nicht ganz einwandfreien) Hinweis auf die steigende Beliebtheit bietet ein Blick auf die Suchanfragen über Google Trends.

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„Spaziergang, das vormals harmlose Wort dient nun als Tarnung von protestierenden Personen, von denen etliche zu Gewaltandrohungen und konkreter Gewalt gegriffen haben, und soll unangemeldeten Demonstrationen und sogar Fackelmärschen ein vermeintlich bürgerliches Antlitz geben.“

In der letzten Zeit hat sich die Deutung des Wortes Spaziergang allerdings noch einmal rasant verändert. So ist es plötzlich zu einem Codeworte von Gegnern der Corona-Maßnahmen geworden. Das vormals harmlose Wort dient nun als Tarnung von protestierenden Personen, von denen etliche zu Gewaltandrohungen und konkreter Gewalt gegriffen haben, und soll unangemeldeten Demonstrationen und sogar Fackelmärschen ein vermeintlich bürgerliches Antlitz geben.

Schrieben sich Innovationskongresse, Wirtschaftsförderpreise oder kirchliche Projekte vor Corona noch Querdenker als positiv besetztes Wort groß in den Titel, würden sie heutzutage wahrscheinlich davon Abstand nehmen. Dieser Ausdruck stand eigentlich für einen schlauen Kopf, der zukunftsgewandt etwas Neues schaffen, Bestehendes verbessern will und dabei originell neue Wege geht.

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich die Bedeutung und Bewertung aber radikal verändert. Querdenker ist nun die Eigenbezeichnung von Anhängern oder Sympathisanten einer politischen Bewegung, die sich gegen staatliche Gesundheitsschutzmaßnahmen positionieren, dabei auch Verschwörungserzählungen verbreiten und zum Teil sogar gewalttätig werden. Das Wort polarisiert. Anhänger der Bewegung benutzen es voller Stolz, während es für den Großteil der Bevölkerung mittlerweile durchweg negativ belegt ist.

Banalisierung des Bösen

„Zeichnen sich Diktaturen und insbesondere die NS-Zeit eigentlich durch Extreme und historische Singularität aus, verlieren sie durch die häufige Nutzung als misslungenes Referenzmoment buchstäblich an Bedeutung und kontaminieren dadurch auch den Erinnerungsdiskurs.“

Während Wörter wie Spaziergang im öffentlichen Diskurs ihre Unschuld verloren haben, wurden Wörter wie Diktatur banalisiert. Da ist konkret von Impf-Diktatur oder Corona-Diktatur die Rede, werden NS-Symboliken wie der Judenstern als selbst gewähltes Kennzeichen für Ungeimpfte instrumentalisiert, historische Personen wie Sophie Scholl als Vergleichsmomente bemüht, um sich als Opfer zu stilisieren, oder versucht das Infektionsschutzgesetz dem Ermächtigungsgesetz von 1933 gleichzusetzen.

Abgesehen davon, dass dies aus historischer Sicht schlichtweg komplett falsch ist, hinken diese Vergleiche und sind darüber hinaus auch gesellschaftlich-ethisch verwerflich. Hinzu kommt, dass diese Wörter und Symboliken mittlerweile so bereits Abnutzungserscheinungen aufweisen. Zeichnen sich Diktaturen und insbesondere die NS-Zeit eigentlich durch Extreme und historische Singularität aus, verlieren sie durch die häufige Nutzung als misslungenes Referenzmoment buchstäblich an Bedeutung und kontaminieren dadurch auch den Erinnerungsdiskurs.

Linguistischer Werkzeugkoffer

Was also ist hier passiert? Um die dahinterliegenden Mechanismen besser auszuleuchten, lohnt sich der Griff ins linguistische Instrumentarium. Im aktuellen öffentlichen Corona-Diskurs sind gleich drei Prozesse am Werk, die Hand in Hand gehen.

„Mit Ausdrücken wie ‚Querdenker‘, ‚Impfdiktatur‘, ‚Spaziergang‘ und Co. wird im öffentlichen Diskurs knallhart um Deutungshoheiten und um Macht gerungen. Linguisten nennen dieses Phänomen einen semantischen Kampf.“

Erstens hat sich die rein sachliche Bedeutung der Wörter (linguistuisch: Denotation) gewandelt und verweist nun auf neue Phänomene in der Welt. Covid-19 und die Begleiterscheinungen gab es vor dem Winter 2019/20 schlichtweg nicht. Zweitens haben sich aber auch die in den Ausdrücken mitschwingenden Bewertungen (linguistisch: Konnotationen verschoben – das Wort Spaziergang können wir derzeit nicht mehr wertneutral verwenden bzw. falls wir dies beabsichtigen, müssen wir dies deutlich artikulieren. Drittens wird mit Ausdrücken wie Querdenker, Impfdiktatur, Spaziergang und Co. im öffentlichen Diskurs knallhart um Deutungshoheiten und um Macht gerungen. Linguisten nennen dieses Phänomen einen semantischen Kampf.

Das Panta Rhei der Bedeutung

Veränderungen der Bedeutungen und Bewertungen von Wörtern hat es in der Sprache schon immer gegeben und wird es auch immer geben – einfach auch, weil sich unsere Lebensrealitäten und Gedankenwelten verändern. Im Althochdeutschen (also ungefähr 750 bis 1050) war zum Beispiel das Wort wīb noch die recht wertneutrale Verwendung für eine nicht adlige Frau. Heutzutage sagen wir Weib, wenn wir eine weibliche Person abwerten wollen.

Als Laie muss man sich nicht mit allen Finessen des Sprachwandels beschäftigen. Es reicht aus, wenn man sich folgende zwei Faustregeln merkt:

  1. Sprache verändert sich, sobald wir sie verwenden.
  2. Die Bedeutung eines Wortes ist nicht fest, sondern ergibt sich aus dem jeweiligen Gebrauch in der Sprache – und dies gilt sowohl für den Inhaltskern als auch die emotionalen, assoziativen, stilistischen und wertenden Nebenbedeutungen.

Semantische Kämpfe um Deutungshoheiten

„Wem es gelingt, seine spezielle Deutung innerhalb eines Diskurses dominant zu setzen, übt Macht aus und kann dadurch gegebenenfalls auch die Welt nach seinen Wünschen verändern.“

Es können sich aber nicht nur Bedeutungen und Bewertungen wandeln, sondern auch Deutungshoheiten in einem Diskurs. Dies ist deshalb wichtig, weil es hier um Macht geht. Wem es gelingt, seine spezielle Deutung innerhalb eines Diskurses dominant zu setzen, übt Macht aus und kann dadurch gegebenenfalls auch die Welt nach seinen Wünschen verändern.

Wörter mit ihren sich wandelnden Bedeutungen und Bewertungen sind die Waffen in diesem semantischen Deutungskampf. Der Heidelberger Linguistikprofessor Ekkehard Felder unterteilt diese sogenannten semantischen Kämpfe u.a. in Bezeichnungskonkurrenzen und Bedeutungsfixierungsversuche.

Demnach versuchen Diskursteilnehmer entweder ihre bevorzugten Wörter für ein Phänomen als die Hauptbezeichnung im Diskurs festzulegen (Spaziergang vs. unangemeldete Demonstration) oder sie versuchen ein und dasselbe Wort mit unterschiedlichen Deutungen zu füllen (Querdenker als Akteure, die als Einzige die Wahrheit erkannt haben vs. Querdenker als Akteure, die rücksichtslos nur ihren eigenen Willen durchsetzen wollen).

„Vertreter:innen der Politik, Medien und des Staates wie auch wir alle als Privatpersonen sollten unser besonderes Augenmerk deshalb darauf richten, was wie gesagt wird. Denn mit Sprache konstruieren wir Realitäten und Weltbilder, üben Macht aus und verändern auch die Welt.“

Durch die weiter oben genannten historisch hinkenden Vergleiche versuchen Gegner der Corona-Maßnahmen außerdem auch, die Geschichte umzuschreiben und Deutungshoheit über sie zu erlangen. Sie versuchen also, das sogenannte kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft zu ihren Gunsten zu verändern. Und das nicht ohne Grund, denn re-konstruierte Erinnerungen dienen zur Legitimation von Macht. Wer bestimmen kann, was wie erinnert und was vergessen wird, bestimmt nicht nur die Deutung der Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart und die Zukunft. Oder wie es der Ägyptologe Jan Assmann in seinen Ausführungen zum kulturellen Gedächtnis ausdrückt: „Herrschaft legitimiert sich retrospektiv und verewigt sich prospektiv“.

Augen auf bei der Wortwahl

Vertreter:innen der Politik, Medien und des Staates wie auch wir alle als Privatpersonen sollten unser besonderes Augenmerk deshalb darauf richten, was wie gesagt wird. Denn mit Sprache konstruieren wir Realitäten und Weltbilder, üben Macht aus und verändern auch die Welt. Wenn wir z.B. einfach unkritisch Ausdrücke wie Spaziergang für die aktuellen Aufmärsche verwenden, machen wir uns in gewisser Weise auch mit zu Erfüllungsgehilfen. Denn wir übernehmen damit auch das Framing der Verharmlosung und des vermeintlichen bürgerlichen Antlitzes und geben damit Stück für Stück unsere Diskursmacht auf.

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