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Trauer

Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn gestorben

Trude Simonsohn überlebte als junger Mensch die KZ-Haft in Theresienstadt und Auschwitz. Ihren Traumata begegnete sie, indem sie über das Grauen sprach. Am Donnerstag ist sie im Alter von 100 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.

Von Montag, 10.01.2022, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 08.01.2022, 16:13 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Trude Simonsohn ist durch die Hölle von Theresienstadt und Auschwitz gegangen. Von ihren Erlebnissen und dem Tod der Eltern in Buchenwald und Auschwitz erzählte sie jahrzehntelang in Schulen, Universitäten und Akademien. Am Donnerstag ist ihre Stimme für immer verstummt. Simonsohn wurde 100 Jahre alt.

„Wir sind fassungslos und voller Trauer über diesen großen Verlust“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn. Trude Simonsohn war eine „bemerkenswerte, herausragende Frau, die stets zum Wohle ihrer Mitmenschen gehandelt hat“.

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Mit Humor und Schlagfertigkeit

Seit 2017 lebte sie im Seniorenzentrum der Budge-Stiftung im Frankfurter Stadtteil Seckbach, in dem Juden und Nichtjuden gemeinsam ihren Lebensabend verbringen. Noch zu ihrem 100. Geburtstag im vergangenen März stellte sie sich unseren Fragen – mit Humor und Schlagfertigkeit. Auf die Frage, was sie sich zu ihrem Geburtstag wünsche, antwortete sie: „Dass mir solche Fragen erspart bleiben.“

Trude Simonsohn wird am 25. März 1921 in Olomouc (Olmütz) in der Tschechoslowakei als einzige Tochter des Getreide-Kommissionärs Maximilian Gutmann und seiner Ehefrau, der Hutmacherin Theodora Appel, geboren. „Wir waren nicht sehr religiös, aber die jüdischen Feiertage hielten wir ein. Katholiken, Hussiten und Juden lebten im barocken Olmütz friedlich miteinander.“ Trude besucht die tschechische Grundschule und das deutsche Gymnasium. Am meisten Freude bereiten ihr die Sprachen, zunächst Tschechisch und Deutsch, später Latein und Englisch. Auch Schwimmen und Tennis mag sie sehr.

Ohnmacht der Seele

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei wird ihr Vater verhaftet, in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verschleppt und schließlich im Konzentrationslager Dachau bei München ermordet. Trude kann weder Abitur machen, noch wie geplant Medizin studieren. Stattdessen engagiert sie sich in der zionistischen Jugendbewegung. Nach dem Attentat auf NS-Reichsprotektor Reinhard Heydrich im Mai 1942 wird sie wegen Hochverrats angeklagt und für ein halbes Jahr eingesperrt, davon vier Wochen in einer Einzelzelle.

Im November 1942 wird sie mit ihrer Mutter ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, den Sozialpädagogen und Juristen Berthold Simonsohn. Im Oktober 1944 deportieren die Nazis das Paar nach Auschwitz, wo es verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt wurde. Danach knipst sie ihr Erinnerungsvermögen aus und fällt in eine „Ohnmacht der Seele“, wie sie anlässlich ihres 95. Geburtstags in einem Interview sagte.

Ein Wunder

Zu sich kommt sie erst wieder im Lager Kurzbach, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen nahe Breslau, wo sie in bitterster Kälte Panzergräben ausheben muss und fast an einer schweren Durchfallerkrankung stirbt. Am 9. Mai 1945 wird sie schließlich im nahe gelegenen Lager Merzdorf von Soldaten der Roten Armee befreit. Ihr Mann erlebt das Kriegsende im Lager Kaufering, einer Außenstelle des KZ Dachau.

„Dass Berthold und ich überlebt haben, ist ein Wunder“, sagte Simonsohn immer wieder. Aber es hatte auch seinen Preis, denn beide sind von dem Lagerterror und der Zwangsarbeit körperlich und psychisch schwer gezeichnet. „Man geht nicht ungestraft durch so eine Hölle. Mein Mann hat deswegen gesagt: Wir müssen darüber reden, sonst schaffen wir das nicht.“

Die Initialzündung

Nach 1945 arbeitet sie für die jüdische Flüchtlingshilfe in der Schweiz, macht eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und betreut tuberkulosekranke und traumatisierte jüdische Kinder. 1950 folgt sie ihrem Mann nach Hamburg, ein Jahr später kommt dort Sohn Michael zur Welt. 1955 zieht es die junge Familie nach Frankfurt am Main, wo Berthold die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland aufbaut. Sie selbst übernimmt in der jüdischen Gemeinde die Stelle für Sozialarbeit und Erziehungsberatung. Von 1989 bis 2001 ist sie Gemeinderatsvorsitzende.

1978, nach Bertholds plötzlichem Tod, meldet sich einer seiner Freunde bei Trude Simonsohn: Martin Stöhr, der Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Er lädt sie zu einer Tagung ein, um über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit zu berichten. Das ist die Initialzündung für ihre Rolle als Zeitzeugin, die sie knapp vier Jahrzehnte ausfüllt. Dafür wurde sie unter anderem mit der Leuschner-Medaille des Landes Hessen und der Ehrenbürgerschaft der Stadt Frankfurt geehrt. „Ich habe getan, was ich konnte, was ich musste“, bilanzierte Simonsohn im Jahr 2016. (epd/mig)

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