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Straßenbild in Ghana (Symbolfoto) © jozuadouglas @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Afghanistan

Keine Kindheit auf den Straßen von Kabul

Zehntausende Kinder in Kabul schuften oder wühlen im Müll, um zu überleben. Einige werden gerettet. Doch durch die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ist auch diese Rettung gefährdet.

Mittwoch, 01.12.2021, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 30.11.2021, 14:54 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Modaser war sechs Jahre alt, als die Taliban seinen Vater, einen Soldaten der ehemaligen afghanischen Regierung erschossen. Er war der Älteste von vier Geschwistern, sollte gerade eingeschult werden. „Nach der Beerdigung sagte meine Mutter zu mir, ich könne nicht zur Schule gehen. Wenn wir nicht hungern wollten, müsste ich Geld verdienen.“

Also zimmerte sich Modaser einen kleinen hölzernen Handwagen und verkaufte fortan von halb sieben am Morgen bis fünf Uhr am Nachmittag Kartoffeln für andere Händler. Er schob seinen Wagen durch den dichten Verkehr von Kabul und wenn er Glück hatte, verdiente er am Tag so viel, dass seine Familie zu Abend essen konnte. Wenn er Pech hatte, verdiente er nichts, sondern wurde geschlagen, beschimpft, bestohlen. An solchen Tagen durchsuchte er abends noch die Müllhalden nach Kupfer und anderem Metall.

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Deal: Geld gegen Schulbesuch

Modaser ging es wie schätzungsweise 100.000 bis 200.000 anderen Kindern in Afghanistans Hauptstadt, die an den Kreuzungen und vor jedem Restaurant betteln, schwere Waren schleppen, Abfallhaufen durchwühlen und mit den Straßenhunden um fortgeworfene Lebensmittel konkurrieren. Das Einstiegsalter für diese Kinderarbeit: vier Jahre.

Heute ist Modaser 14 Jahre alt und sieht aus wie ein erwachsener Mann, der die Kindheit lange hinter sich gelassen hat. Er geht in die 8. Klasse einer privaten Oberschule und ist zum zweiten Mal als Klassenbester ausgezeichnet worden. Seine Urkunden hängen an einer Wand, gleich neben einem Foto seines Vaters, ganz so, als wolle er sie dem Toten zeigen. Vier Jahre lang schuftete er. „Es hatte damals keinen Sinn, etwas anderes zu wollen.“

Im Alter von zehn Jahren wurde er von einem Beschäftigten einer Hilfsorganisation angesprochen. Das von Sponsoren finanzierte „Kindness sharing project“ mit Sitz in den USA bietet Straßenkindern und ihren Familien einen Deal an. Jeden Monat erhält die Familie 50 US-Dollar, umgerechnet rund 45 Euro, in bar, außerdem weitere Dinge zur Wahrung eines erträglichen Lebensstandards. Dafür müssen die Mütter oder Eltern sich verpflichten, die Kinder zur Schule zu schicken.

Wirtschaft kollabiert

Private Oberschulen als Partner geben den Kindern Stipendien. Im Gegenzug, sagt Modaser, verlangten sie sehr gute Leistungen. Eine Erwartung, die er gerne erfüllt. „Ich bin der Einzige, der unsere Familie aus der Armut befreien kann. Wenn ich hart arbeite, kann ich eines Tages Jura studieren.“ Als Anwalt könne er auch versuchen, die Rechte von Kindern in seinem Land zu vertreten. Nur sehr selten erlaubt er sich, mit den Brüdern Fußball zu spielen.

„Gefunden“ hat Modaser der Sozialarbeiter Zahbihullah Behjat. Der 31-Jährige durchstreift die Straßen der armen Viertel und spricht die Kinder an, tritt dann in Kontakt mit ihren Familien. Bei regelmäßigen Besuchen kontrolliert er die Gesundheit der Mädchen und Jungen und ob die Eltern sich an die Regeln halten. Für jedes Kind, das von der Straße geholt wird, müssen Sponsoren gefunden werden.

Das gelang – bis die Taliban im August wieder die Herrschaft über Afghanistan übernahmen, die Wirtschaft kollabierte, die Lebensmittelpreise explodierten und die Zahl der bettelnden Kinder sprunghaft in die Höhe schnellte. „Die meisten Sponsoren waren Exil-Afghanen, die nun ihr Geld brauchen, um ihre eigenen Verwandten zu unterstützen“, sagt Behjat. Zudem sei es in den vergangenen Monaten unmöglich gewesen, Geld zu überweisen. „Wir haben seit drei Monaten nichts mehr an die Familien gezahlt und auch wir Sozialarbeiter bekommen kein Gehalt.“ Die meisten Kinder seien exzellente Schüler. „Aber in dieser Situation haben wir große Sorge, dass sie auf die Straße zurück müssen.“

Noch Reis für zwei Wochen

Wohin die neue Not führen kann, berichtet Farzana, die nicht ihren vollen Namen nennen möchte. Ihr achtjähriger Sohn Noor Mohammad erhält ebenfalls ein Stipendium. Auch ihr Mann starb im Krieg, da war sie schwanger mit dem dritten Kind. Die schmale Witwenrente der 38-Jährigen reichte nicht, also blieb sie im Haus ihres Schwiegervaters wohnen, der ihr ein Zimmer unter dem Dach mit zerbrochenen Fensterscheiben gab.

Seit die Taliban im Land herrschen, erhält sie keine Rente mehr und kann kaum noch Nahrungsmittel kaufen. Wie sie heizen soll, weiß sie nicht. Das Geld der Organisation hielt sie bislang über Wasser. Und dass ihr Sohn, von dem sie sagt, er sei hundert Mal klüger als sie, zur Schule geht, gab ihr Hoffnung. Doch Anfang November sitzt Farzana frierend im möbellosen Zimmer, der kalte Kabulwind zieht durch die Fenster und die Kinder jammern, sie hätten Hunger.

Noch hat Farzana Reis für zwei Wochen, doch einen neuen Sack wird sie nicht kaufen können. „Mein Schwiegervater sagt, ich solle wieder heiraten, damit ich aus dem Haus bin.“ Ein neuer Mann werde aber ihre Kinder nicht wollen, „dann muss ich sie in ein Heim geben.“ Doch wenn sie den Winter überleben wolle, müsse sie wohl bald das Angebot eines alten Mannes annehmen, der bereit sei, eine arme, verwitwete Frau wie sie zu heiraten. „Und ich kann nur beten, dass es einer ist, der meine Kinder nicht davonjagt.“ (epd/mig)

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