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Migranten beleben Gründungsgeschehen in Deutschland © Dave Dugdale @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Studie

Integration Geflüchteter durch Selbständigkeit in den Blick nehmen

Selbstständigkeit kann eine wichtige Komponente gelingender Integration von Geflüchteten sein – und nicht unbedingt ein Job als Arbeitnehmer. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie. Experten sehen die Politik in der Pflicht, Hürden abzubauen.

Freitag, 26.11.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 24.11.2021, 17:44 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Das Musterbeispiel gelungener Integration von Geflüchteten folgt im politischen Mainstream folgendem Schema: Integrationskurs, Spracherwerb, Ausbildung oder Anerkennung ausländischer Abschlüsse und ein Arbeitsplatz in einem Betrieb. Dass immer mehr Geflüchtete als Selbständige arbeiten und sich ihren Arbeitsplatz selbst erschaffen, rückt in den Hintergrund – zu Unrecht, wie eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt.

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Danach waren unter allen Eingewanderten im Jahre 2019 rund 700.000 beruflich selbstständig. Dies sind neun Prozent aller erwerbstätigen Eingewanderten. Zum Vergleich: Die Selbstständigenquote von Herkunftsdeutschen liegt mit zehn Prozent nur knapp darüber. Wie Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben, sind ein Zehntel (68.000) der Selbstständigen mit Migrationserfahrung einst aufgrund von Flucht, Verfolgung oder Asyl zugezogen – etwa 5.000 sogar erst im Zuge der großen Fluchtbewegung seit 2013.

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Rechtliche Hürden verhindern Selbständigkeit

Die Zahlen könnten nach Einschätzung der Studienautoren höher sein, wenn der Planungs- und Handlungsspielraum von neu eingewanderten Geflüchteten durch das Bleiberecht, Integrationskurse und diverse Auflagen und Restriktionen nicht eingeschränkt wäre. Erst nach einem längeren Aufenthalt von mehr als 20 Jahren steigen der Studie zufolge die Selbstständigenquoten Geflüchteter spürbar an, weil sie erst dann mit mehr Wissen und rechtlichen Voraussetzungen ausgestattet seien.

„Das heißt, das Gründungspotenzial von Geflüchteten wird mittelbar durch die Dauer des Aufenthalts bestimmt, denn erst mit der Zeit können institutionelle Barrieren im Zugang zu Selbstständigkeit überwunden werden. Gleichzeitig steigen die Chancen zum Erwerb gründungsrelevanter Ressourcen, darunter Deutschkenntnisse, systemrelevantes Wissen, Erkenntnisse über Märkte sowie Beziehungen zu Lieferanten und Kunden“, heißt es in der Studie.

Geflüchtete mehrfach benachteiligt

Wie aus der Erhebung auch hervorgeht, sind Geflüchtete mehrfach benachteiligt. Sie brauchen nicht nur einen längeren Anlauf für den Sprung in die Selbstständigkeit als andere Einwanderer. Ihre Chancen werden zudem gemindert, da sie im Durchschnitt betrachtet schlechter gebildet sind als freiwillig Zugezogene. Im deutschen Kontext ist das besonders relevant, denn der Zugang zu Selbstständigkeit ist in vielen Berufen durch Bildungszertifikate institutionell reguliert und beschränkt.

„Diejenigen jedoch, die – ob anerkannt oder nicht – prinzipiell über höhere Qualifikationen und damit auch über mehr Wissen verfügen, sind mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit selbstständig als die Geringqualifizierten – u. a. auch weil es bislang noch immer große Hürden bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen in Deutschland gibt“, so die Studienautoren. Bei gleicher Bildung und unter Kontrolle weiterer Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht und Haushaltskontext machten sich Geflüchtete jedoch genauso oft selbstständig wie andere Einwanderungsgruppen und sogar häufiger als Personen, die im Familiennachzug zugezogen sind.

Förderung von Selbständigkeit lohnt sich

Aus integrationspolitischer Sicht, so die Studienautoren, sei es gerechtfertigt, Geflüchtete bei der Überwindung ungleich höherer Gründungshürden und der Entwicklung selbstständigkeitsrelevanter Ressourcen zu unterstützen. Es zeige sich, dass selbstständige Geflüchtete im Durchschnitt höhere Einkommen erzielen als ihre abhängig beschäftigten Pendants, was die Chance zum sozialen Aufstieg steigere. Zudem stellen die Unternehmen der ehemals Geflüchteten häufiger als andere Gruppen noch zusätzlich Arbeitsplätze bereit.

„An erforderlichen Ambitionen zur Gründung mangelt es Geflüchteten nicht. Sie sind sogar stark ausgeprägt, wie eine Befragung von Neuzugewanderten zeigt. Rund die Hälfte aller Asylsuchenden äußert starke Intentionen, in Deutschland irgendwann ein eigenes Unternehmen zu gründen, und diese Ambitionen nehmen in den ersten Jahren nach Ankunft sogar tendenziell zu“, resümieren die Studienautoren. (mig)

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