Elif Yakac, Islam, Muslim, Islamwissenschaften, Politikwissenschaften
Elif Yakac © privat, Zeichnung: MiGAZIN

München

Wo keine Moschee, da kein Muezzinruf

Das Kölner Modellprojekt „Muezzinruf“ stößt auch in München auf Interesse. Es gibt nur einen Haken: Die Stadt hat vor einigen Jahren Moscheen in der Innenstadt schließen lassen.

Von Mittwoch, 17.11.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 17.11.2021, 9:21 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

In Köln läuft ein Modellprojekt: Muslime sollen die Möglichkeit bekommen, hörbar per Muezzin zum Gebet zu rufen. Auch in Bayern ist das Thema auf große Resonanz gestoßen und wird kontrovers diskutiert. Sogar Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter zeigt Interesse. Kritiker:innen berufen sich auf Bürgerruhe oder zeigen sich verängstigt vor einer Islamisierung. Befürworter:innen hingegen fordern eine Auseinandersetzung mit hybriden Kulturen und ihre Akzeptanz.

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Juristisch ist die Sache weniger umstritten. Einem Rechtsgutachten im Auftrag der Bundesregierung zufolge sind das christliche Glockenläuten und der islamischer Gebetsruf gleichzubehandeln. Auf Basis der Lärmschutzordnung können die Lautstärke, Dauer und Häufigkeit zwar gegebenenfalls beschränkt werden, doch ein grundsätzliches Verbot ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.

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„So sehr sich Oberbürgermeister Reiter interessiert am Gebetsruf zeigt, so problematisch ist der Umgang der Stadt mit Muslim:innen und ihren Einrichtungen.“

Zweifelsohne entfaltet der muslimische Gebetsruf eine starke symbolische Kraft für Muslim:innen, in der Religionspraxis spielt sie jedoch eine eher nachrangige Rolle. Dennoch kann diese Debatte genutzt werden, um vorrangige Themen aufzugreifen, die die Religionspraxis unmittelbar beeinflussen oder gar behindern. So etwa die Schließung von Münchener Moscheen vor wenigen Jahren.

So sehr sich Oberbürgermeister Reiter interessiert am Gebetsruf zeigt, so problematisch ist der Umgang der Stadt, in der der Islam die zweitgrößte Religion ist, mit Muslim:innen und ihren Einrichtungen. Aus Brandschutzgründen – Moscheen seien überfüllt – wurden in den Jahren 2016 und 2017 mehrere Moscheen in der Münchener-Innenstadt geschlossen. Den Schließungen waren Auflagen vorausgegangen – unter anderem Begrenzung der Personenzahl. Muslim:innen, die aufgrund der Auflagen nicht in die Moschee hereingelassen wurden, mussten vor der Tür warten, damit sie in der nächsten Runde das Pflichtgebet verrichten konnten. Auch dieser Zustand wurde wegen Menschenansammlungen vor den Moscheen zum Problem gemacht.

Es folgten erfolglose Gespräche zwischen Vertreter:innen der muslimischen Religionsgemeinschaften und der Stadt. Auf die Bitte der Moscheegemeinden, die Stadt möge sich aktiver bei der Lösung dieses Problems beteiligen, kam von einem Sprecher die Antwort, dass es nicht die Aufgabe der Stadt sei, solche Räume bereitzustellen. Anfangs wurde zwar vom Kommunalreferat Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, damit das Freitagsgebet in der Innenstadt verrichtet werden konnte, doch auch diese Entscheidung wurde schnell revidiert und die Muslim:innen wurden mit dem Problem allein gelassen.

„Dabei war schon vor fünf Jahren bekannt, dass es Bedarf an mehr Moscheen gibt. Stattdessen wurden Moscheeschließungen durchgesetzt.“

Eine Lösung für Muslim:innen, die in der Innenstadt leben oder/und arbeiten und nach einer Moschee suchen, an dem sie ihre Gebete verrichten können, gibt es bis heute nicht. Dabei war aufgrund der hohen Besucherzahlen schon vor fünf Jahren bekannt, dass es Bedarf an mehr Moscheen gibt. Stattdessen wurden Moscheeschließungen durchgesetzt.

Zweifelsohne ist es begrüßenswert, dass der Münchener Oberbürgermeister Interesse an dem Kölner Pilotprojekt zeigt und sich damit auseinandersetzt. Wenn das ernst gemeint ist, wäre es sinnvoll, das Thema Gebetsruf zunächst einmal zurückzustellen und die Moscheeschließungen zu überdenken. Wer wirklich Wert auf die Belange und Bedürfnisse der Muslim:innen legt, sorgt sie erst einmal dafür, dass es überhaupt Moscheen gibt, die zum Gebet rufen können.

Meinung
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