Umbettung-Prüfung

Strafanzeige nach Beisetzung von Neonazi in jüdischem Grab in Berlin

Auf dem größten evangelischen Friedhof Deutschlands wird ein Neonazi im Grab eines jüdischen Wissenschaftlers bestattet: Der Fall sorgt für Entsetzen. Der Berliner Antisemitismusbeauftragte erstattet Anzeige, der Bischof unterbricht seinen Urlaub.

Mittwoch, 13.10.2021, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 12.10.2021, 17:48 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Die Beisetzung eines Neonazis im Grab des jüdischen Musikwissenschaftlers Max Friedlaender (1852-1934) auf dem evangelischen Südwestkirchhof in Stahnsdorf sorgt für Empörung. Der Berliner Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn habe Strafanzeige wegen des Verdachts der Störung der Totenruhe, der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und der Volksverhetzung erstattet, teilte die Senatsverwaltung für Justiz am Dienstag in Berlin mit.

Der evangelische Bischof Christian Stäblein unterbrach nach Angaben der Landeskirche seinen Urlaub und besuchte am Dienstag die Grabstelle. Augenzeugen zufolge sind die Kränze und Blumen für den verstorbenen Holocaustleugner Henry Hafenmayer inzwischen weggeräumt.

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„Ich bin erschüttert und fassungslos über das Geschehen“, erklärte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Er werde alles daran setzen, diese Schändung aufzuarbeiten. Stäblein versicherte, er werde alle rechtlichen Schritte prüfen, die den Vorgang rückgängig machen können. In jedem Fall werde er dafür Sorge tragen, „dass wir ein ehrendes Gedenken für Max Friedlaender auf diesem Friedhof bewahren“.

Rechtsextreme bei der Trauerfeier

Der 1909 eröffnete Südwestkirchhof gehört zur evangelischen Landeskirche. Der aus Nordrhein-Westfalen stammende Henry Hafenmayer wurde vergangenen Freitag dort beigesetzt. An der Trauerfeier nahmen zahlreiche Rechtsextreme teil, darunter auch der wegen Volksverhetzung lange inhaftierte Antisemit Horst Mahler.

„Die Absicht liegt hier auf der Hand, dass Rechtsextremisten bewusst ein jüdisches Grab gewählt haben, um durch die Beisetzung eines Holocaustleugners die Totenruhe zu stören“, erklärte Salzborn. Das „gesamte Friedhofsetting mit verurteilten Holocaustleugnern bei der Beisetzung“ verlange nach einer strafrechtlichen Überprüfung.

Umbettung soll geprüft werden

Mit der evangelischen Landeskirche sei er „im konstruktiven Austausch“, welche Konsequenzen der Vorfall haben soll, betonte Salzborn. Es müsse geprüft werden, ob und gegebenenfalls wie schnell der Holocaustleugner umgebettet werden könne.

Der Antisemitismusbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christian Staffa, sagte, jetzt komme es darauf an, die Urne von dem Grab zu entfernen und umzubetten, den Pachtvertrag rückgängig zu machen und für die Zukunft, Kriterien zu entwickeln, wer auf kirchlichen Friedhöfen beerdigt werden darf. „Nazis und Holocaustleugner sollten davon ausgeschlossen sein, wenn sie nicht vor ihrem Tod Umkehr signalisiert haben“, sagte Staffa.

Größte evangelische Friedhof

Der mehr als 200 Hektar große Südwestkirchhof in Stahnsdorf ist Deutschlands größter evangelischer Friedhof. Er liegt in Brandenburg, gehört jedoch kirchenrechtlich zu Berlin. Der Leiter der Fachstelle Antisemitismus Brandenburg, Peter Schüler, warnte, die Grabstätte von Max Friedlaender dürfe auf keinen Fall zu einem Pilgerort für Antisemiten werden.

Laut Landeskirche ist die Entscheidung, die Anfrage nach einer Grabstätte nicht abzulehnen, in der Kirchenverwaltung im Konsistorium getroffen worden. „Leitend ist dabei im Grundsatz, dass jeder Mensch ein Anrecht auf eine letzte Ruhestätte hat“, sagte eine Kirchensprecherin. Der erste Wunsch nach einer anderen Grabstätte sei von der Friedhofsleitung abgelehnt worden. (epd/mig)

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