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Zaun (Symbolfoto) © DryHndredFear @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Fluchthelfer

„Ich hatte doch Gutes getan.“

Karl-Heinz Wehr ist Fluchthelfer. Er führt Menschen in die Freiheit. Für seinen Mut und seinen selbstlosen Einsatz muss er einen Preis bezahlen: Mit 17 muss er selbst fliehen und einen Traum aufgeben.

Von Donnerstag, 12.08.2021, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 11.08.2021, 17:24 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Karl-Heinz Wehr hat viel riskiert, um Menschen das Tor zur Freiheit zu öffnen. 1961 half er sieben Personen bei der Flucht aus der DDR. Der 77-Jährige aus dem nordhessischen Bad Sooden-Allendorf bezeichnet das heute noch als das größte Abenteuer seines Lebens: „Ich war mir ziemlich sicher, dass es klappen würde.“

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Wehr, der mit seiner Familie im thüringischen Uder lebte, war erst 17 Jahre alt, als er Fluchthelfer wurde. Vor 60 Jahren, während seiner Ausbildung zum Förster, war er an der innerdeutschen Grenze bei Bad Sooden-Allendorf eingesetzt. Den 15 Kilometer langen Weg von seinem Heimatort dorthin ging er täglich zu Fuß: „Ich kannte mich aus wie in der eigenen Westentasche.“

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„Zu keinem ein Wort“

Ein Passierschein erlaubte ihm den Zutritt in die mit doppeltem Stacheldraht gesicherte 500-Meter-Sperrzone bis an die Grenze. Auch wenn er von der DDR nicht überzeugt gewesen sei, sei eine Flucht zu dem Zeitpunkt keine Option für ihn gewesen: „Was will ich im Westen? Ich will doch Förster werden“, beschreibt er seine Gedanken von einst.

Viele Menschen wagten damals von Ostberlin aus die Flucht. Versucht hatte das auch Wehrs bester Freund – und war zweimal gescheitert. „Seine Mutter war bereits im Westen. Da wollte er hin“, schildert Wehr die Situation des zwei Jahre älteren Heinz, der ihn um Hilfe bat. Nach anfänglichem Zögern sagt er zu – aber: „Zu keinem ein Wort.“ Tagelang baldowert er die günstigste Route aus, die „schlecht einsehbar war.“

Die Flucht gelingt

Am 25. März 1961 ist es soweit: Die jungen Männer treffen sich im Wald bei Heiligenstadt. Heinz hat keine Tasche, keinen Koffer dabei: „So, wie ich es ihm eingeschärft hatte.“ Nur der dicke Jackenkragen fällt auf, darin eingenäht 1.400 Ostmark in 100-Mark-Scheinen. Wehr hat ihm eine Forstmütze mitgebracht: „Damit es aussieht, als gehöre er zu mir, wenn Grenzer mit Fernglas patrouillieren.“

Äußerste Vorsicht ist bei jedem Schritt während des gut siebenstündigen Marschs geboten: „Es durfte kein Ast knacken.“ Sie überwinden den doppelten Sperrzaun dort, wo Wildschweine ihn beschädigt hatten: „Da geht keine Mine mehr hoch.“ Die letzten 300 Meter der 15 Kilometer langen Fluchtroute geht es nochmal steil bergauf. Die Flucht gelingt, doch unbemerkt bleibt sie nicht.

Über die Grenze getragen

„Einen Tag später wurde ich verhört“, erzählt Wehr, der mit Herzklopfen beteuerte, nichts zu wissen. Er vertraute sich seinem Lehrherrn an, Oberförster Heinrich Pingel, der mit dem DDR-Regime nichts am Hut hatte – und brachte auf sein Bitten hin weitere sechs Menschen in den Westen: „Ich kannte sie nicht.“ Die heikelste Flucht war die eines Mädchens: „Sie war aufgeregt, wollte kurz vor der Grenze nicht mehr. Da habe ich sie rüber getragen. Auch aus Eigenschutz, um nicht aufzufliegen.“

Wenn Wehr an diese Zeit zurückdenkt, sagt er: „Es ist das Schwierigste, das ich je gemeistert habe.“ Er sei jedes Mal über sich hinausgewachsen. Doch für seine Hilfsbereitschaft hat er einen Preis gezahlt. Am 31. Juli 1961 muss er selbst fliehen: „Mein Vater, völlig ahnungslos, erhielt einen Wink von einem befreundeten Polizisten, dass sie mich am nächsten Morgen holen würden.“ Wehr versteckt sich nachts im Wald und bricht im Morgengrauen schweren Herzens auf. Als er die Grenze überquert, bellen Hunde und Warnschüsse fallen.

Ungeeignet für den Staatsdienst

Die Anfänge im Westen waren nicht leicht: Er kannte niemanden, vermisste die Eltern, sorgte sich um sie. Straffrei besuchen konnte er sie erst viele Jahre später. Auch der Försterberuf blieb nur ein Traum. Ungeeignet für den Staatsdienst, hieß es im Westen. Er habe das damals nicht begreifen können: „Ich hatte doch Gutes getan.“ Heute verstehe er das und nehme es nicht mehr übel.

Seine neue Heimat wurde Nordhessen, um der alten näher zu sein. Die Besuche in Uder nutzten die DDR-Behörden für indirekte Anwerbeversuche. Die Spionage im Westen lehnte Wehr jedoch ab, der mittlerweile bei der Staatsanwaltschaft Kassel angestellt war. Auch deshalb hat er lange über seine Geschichte geschwiegen. Heute erzählt er sie, um zu zeigen: „Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich.“ Über den Fall der Mauer ist er glücklich – nur: „Warum musste es so lange dauern?“ Und Jahrzehnte vergingen auch, bis er seinen Freund Heinz zufällig wieder traf. (epd/mig)

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