Afghanistan, Krieg, Militär, Panzer, Soldaten
Militäreinsatz in Afghanistan © ArmyAmber @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Abzug aus Afghanistan

Bundeswehr-Ortskräfte flehen um Hilfe

Die NATO-Truppen abgezogen. Die Hilfsorganisationen und Bundeswehr-Ortskräfte sehen sich alleingelassen und fürchten, dass Afghanistan in Vergessenheit gerät. Sie rechnen mit deutlich mehr Flüchtlingen - auch in Richtung Europa.

Freitag, 09.07.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 08.07.2021, 14:26 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Hilfsorganisationen in Afghanistan haben die NATO-Staaten für einen „überstürzten“ Truppenabzug scharf kritisiert. Die ausländischen Soldaten hätten dem afghanischen Militär kaum Ausrüstung überlassen, klagten übereinstimmend der Afghanische Frauenverein in Hamburg und das Hilfswerk Shelter Now mit Sitz in Braunschweig. Ohne Hubschrauber und Transportflugzeuge habe die afghanische Armee in dem gebirgigen Land kaum eine Chance, sich gegen die Taliban zu behaupten, sagte der Internationale Direktor von Shelter Now, Georg Taubmann, dem „Evangelischen Pressedienst“. Fast täglich fielen weitere Bezirke in die Hände der Miliz.

„Wir sehen das mit großer Sorge und fürchten, dass die Regierung irgendwann die Kontrolle verliert“, sagte Nadia Nashir, Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins, der seit fast 30 Jahren in den Provinzen Kundus, Kabul und Ghasni unter anderem Schulen und Gesundheitsstationen baut und unterstützt. Nashir appellierte an die Bundesregierung, wenigstens alle Ortskräfte, die in Afghanistan für die Bundeswehr gearbeitet haben, und deren Familien schnell nach Deutschland zu holen.

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In jedem Fall werde es für Frauen in Afghanistan wieder schwerer, sagte Nashir. In Bezirken, die die Taliban übernommen hätten, sei die Geschlechtertrennung etwa in den Schulen wieder eingeführt worden. Die Frauen müssten wieder Burkas tragen. Aber sie würden sich nicht mehr so leicht einschüchtern lassen. Dennoch fühle sich die Bevölkerung insgesamt „fallengelassen wie eine heiße Kartoffel“. Nashir forderte die Bundesregierung auf, die humanitäre Hilfe für Afghanistan jetzt nicht einzustellen: „Der Hahn darf jetzt nicht zugedreht werden. Afghanistan darf nicht in Vergessenheit geraten.“

Mitarbeiter untergetaucht

Shelter Now habe bereits sein Büro in Faizabad im Norden Afghanistans zumindest vorübergehend schließen müssen, sagte Taubmann. Die Taliban hätten dort die Macht übernommen. Die Kämpfe gingen jedoch weiter. „Wir sind deshalb von den Vereinten Nationen aufgefordert worden, die ausländischen Mitarbeiter auszufliegen.“ Die einheimischen Mitarbeiter seien untergetaucht und wollten zunächst abwarten. „Wir versuchen, sie in die Hauptstadt Kabul zu bringen. Wenn die Taliban auch dort ankommen, können wir ihnen nicht mehr helfen.“

Taubmann zeigte sich überzeugt, dass ein langsamer Truppenabzug der NATO über zwei Jahre die Chance auf erfolgreiche Friedensverhandlungen erhalten hätte. Nach dem überstürzten Abzug hätten die Taliban keinen Grund mehr, die Verhandlungen fortzusetzen. „Jetzt wollen sie die Macht und nicht mehr verhandeln“, sagte der Direktor, der selbst 24 Jahren lang in Afghanistan gelebt hat. Es wäre aus seiner Sicht wichtig gewesen, wenigstens die Provinzhauptstädte und Flughäfen mit NATO-Truppen zu sichern. Nun werde es wieder deutlich mehr Flüchtlinge geben, sowohl innerhalb des Landes als auch in Richtung Europa. (epd/mig)

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