Nadine Mena Michollek, Kolumne, Migazin, Sinti, Roma
Nadine Mena Michollek © privat, Zeichnung: MiG

Romani Perspectives

Rufe von Sinti:zze und Rom:nja gehen verloren

Polizeieinsatz, der Rom Stanislav Tomáš stirbt - ähnlich wie George Floyd. Niemanden interessiert's. Erstmals liegt in Deutschland ein Bericht über Diskriminierung von Sinti:zze und Rom:nja vor. Niemanden interessiert's.

Von Donnerstag, 01.07.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 01.07.2021, 9:50 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Manchmal habe ich als Teil der Sinti- und Roma-Community das Gefühl, egal wie laut wir rufen, unsere Rufe gehen einfach in der Menge verloren. So war es in der letzten Woche. Die war für mich und auch für viele andere aus der Community heftig. Es gab zwei tiefgreifende Ereignisse für die Sinti- und Roma-Community. Die haben nur leider wenige andere mitbekommen.

Ereignis 1: Anfang der Woche teilten verschiedene Sinti- und Roma-Aktivisten:innen ein Video aus Tschechien, Teplice. Das Video zeigt, wie ein Polizist fast durchgängig und beinah sechs Minuten lang auf dem Genick und Hals eines Mannes kniet. Der Mann, auf dem der Polizist kniet, ist der Rom Stanislav Tomáš. Nach dem Polizei-Eingriff stirbt er, laut Polizei-Angaben während des Rettungseinsatzes.

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Das Video erinnert viele NGOs an den Tod von George Floyd. Die tschechische Polizei bestreitet jedoch einen Zusammenhang zwischen dem Polizeieinsatz und dem Tod. Eine vorläufige Obduktion habe ergeben, dass krankhafte Herzkranzgefäße festgestellt wurden. Der tschechische Innenminister Jan Hamáček und der Regierungschef Andrej Babiš stellen sich hinter die beteiligten Polizisten, noch bevor die Untersuchungen abgeschlossen sind.

„Sinti- und Romaktivisten:innen versuchten auf Social Media und durch Demonstrationen auf den Tod von Stanislav Tomáš aufmerksam zu machen… Trotz allem – die mediale Berichterstattung über den Fall bleibt verhalten.“

Sinti- und Romaktivisten:innen versuchten auf Social Media und durch Demonstrationen auf den Tod von Stanislav Tomáš aufmerksam zu machen. Die Aktivisten:innen wollen Aufklärung. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose und auch der Europarat fordert eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls. Trotz allem – die mediale Berichterstattung über den Fall bleibt verhalten. Dabei braucht es besonders jetzt Berichterstattung und auch Solidarität mit der Roma-Community, damit der tschechische Staat gezwungen ist den Fall aufzuklären.

Ereignis 2: Ein historischer Moment für die Sinti- und Roma-Community. Erstmals seit dem Ende des Nationalsozialismus berichtet eine vom Bundestag beauftragte unabhängige Kommission über den Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja in Deutschland. Es ist das erste Mal in 75 Jahren, dass Antiziganismus auf die politische Agenda gesetzt wird. Die Kommission gab 15 Studien für ihre Untersuchung in Auftrag. Darunter auch erstmals Studien die Rassismuserfahrungen und Empowerment (siehe auch hier) von Sinti:zze und Rom:nja untersuchen.

„Antiziganistischer Rassismus sei eine allumfassende Alltagserfahrung für Sinti:zze und Rom:nja. Es zeige sich ein Versagen deutscher Politik, deutscher Gesetzgebung und Rechtsanwendung.“

Das Ergebnis des 500 Seiten starken Berichts der Antiziganismus-Kommission: Antiziganistischer Rassismus sei eine allumfassende Alltagserfahrung für Sinti:zze und Rom:nja. Es zeige sich ein Versagen deutscher Politik, deutscher Gesetzgebung und Rechtsanwendung. Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja bestehe beispielsweise in kommunaler Verwaltung, Schulbüchern und bei der Polizei.

Um den Rassismus zu bekämpfen, fordert die Kommission unter anderem einen Antiziganismus-Beauftragten und eine ständige Bund-Länder-Kommission. Eine Wahrheitskommission soll das vergangene und bis heute andauernde Unrecht bekannt machen und Schritte zur Aufarbeitung und Beendigung der Diskriminierung aufzeigen. Zudem fordert die Antiziganismus-Kommission einen sofortigen Abschiebestopp für Rom:nja, da sie im Westbalkan immer noch massivem Rassismus ausgesetzt seien. Diese Ergebnisse stellte die Kommission letzten Donnerstag in einer Pressekonferenz vor. Am Abend debattierte der Deutsche Bundestag darüber. Mediales Interesse? Fehlanzeige – hierüber berichteten noch weniger Journalisten:innen.

Bei beiden Ereignissen zeigt sich die mangelnde Solidarität und Wertschätzung in Politik, Medien und der Gesellschaft für die Themen der Sinti- und Roma-Community. Und genauso zeigt sich, dass Sinti:zze und Rom:nja in diesen Bereichen fast nicht vertreten sind. Ich kenne zwei deutsche Politiker:innen aus der Sinti- und Roma-Community. Ich kenne fast keine Sinti- oder Romajournalisten:innen in den großen deutschen Medienhäusern. Eine Ausnahme ist lediglich Gilda Horvath, die als freie Journalistin bei der Deutschen Welle arbeitet.

Es kann zwar sein, dass mehr Sinti:zze und Rom:nja in Politik und Medienhäusern tätig sind, sie ihre Identität jedoch aus Sorge vor Rassismus verstecken. Aber auch dann würden genau diese Stimmen in solchen Debatten fehlen. Die mangelnde Teilhabe ist das Ergebnis von jahrhundertelangem und bis heute bestehenden Rassismus. 76 Jahre nach dem Nationalsozialismus wird es endlich Zeit, dass sich das ändert. Die Antiziganismus-Kommission hat mit ihren Forderungen gezeigt, wie das gehen kann. Jetzt ist es an der Politik dies umzusetzen.

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  1. Levent Öztürk sagt:

    Wenn die Rufe der in Deutschland lebenden Türken keiner hört bzw. hören möchte, trotzdem sie nach den von Neonazis durchgeführten Brandanschlägen von Mölln und Solingen mit ermordeten wehrlosen Frauen und Kindern die seelische Verkraftung der durch staatliches Wegschauen ermöglichten sowie per behördlich angeordnetem Schreddern und Wegsperren von Beweisen vertuschten NSU-Serienmorde ertragen mussten und auch den rassistischen hassmotivierten Anschlag mit 13 Toten in Hanau seelisch durchstehen mussten und es nun sogar einen NSU 2.0 gibt bei zeitgleicher ermittlungstechnischer Untätigkeit der Behörden, dann wäre es wirklich ein Wunder, wenn die Rufe und Stimmen der Sinti:zze und Rom:nja in Deutschland irgendwer hören und verstehen würde. Es ist die derzeitige Stimmung in Deutschland, dass man in vielen Belangen solcher Entwicklungen und Erscheinungen bezüglich der Medien und der Politik stets die „Drei Affen“ vor sich hat. Eines der größtes Faktoren dabei ist die in Deutschland existente und unbeschreiblich große Angst, Stimmen und Stimmengeber an die AfD zu verlieren. Bleibt abzuwarten, wohin sich dieses schreckliche Klima in Deutschland entwicklen wird.