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Hakan Demir © Foto: Jannis Chavakis, Zeichnung: MiG

Von Neukölln in den Bundestag

„Wir können nicht zur Normalität zurück“

Hakan Demir ist Enkel von Gastarbeiter:innen und tritt für den Bundestag an. Alle zwei Wochen berichtet er uns von seinem Wahlkampf, diesmal von seinen Begegnungen mit Eric und Matthias - und was die Corona-Pandemie gebracht hat.

Von Mittwoch, 02.06.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 01.06.2021, 16:32 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Ich sitze in der U-Bahn-Linie U 8 Richtung Hermannstraße. Da springt mir plötzlich Matthias wild gestikulierend ins Auge. Ich kenne ihn von der Obdachlosenhilfe. Er ist aufgedreht und quatsch mit unsichtbaren Geistern. Unsere Blicke treffen sich und er lächelt. „Wann ist denn wieder dieses Frühstück?“. „Samstag“, sage ich und gebe ihm das Zeichen, dass er sich weiter weg vom Gleisbett bewegen solle. Er nickt mir selbstbewusst zu. Seine Augen sagen aber: „Für wie dumm hältst Du mich eigentlich?“

Wir fahren zwei Stationen miteinander. Er nimmt wieder den Faden zum vorigen Gespräch auf und hebt mal einen mal zwei Arme und murmelt etwas. „Willst Du nicht mal die Maske aufziehen?“, frage ich ihn. Er zückt wie ein Polizist, der nach seiner Dienstmarke gefragt wird, ein DIN-A4-Papier hervor und steckt es wieder ein. Botschaft verstanden: Er braucht keine Maske – ganz, gleich, was das für ein Papier war.

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„Wir können nicht zur Normalität zurück, denn die Normalität war das Problem.“

Auf dem Fußweg nach Hause denke ich über unsere Begegnung nach. Die Straßen sind voller, alle sind unterwegs irgendwohin auf den Tempelhofer Feld oder in ein Restaurant, in eine Bar – nur wo geht Matthias eigentlich hin? Diese Frage hat kaum was mit Corona zu tun. Denn für viele Menschen gab es auch vorher keine Normalität. Wir können nicht zur Normalität zurück, denn die Normalität war das Problem.

Was hat uns eigentlich die Corona-Pandemie gebracht? Weniger Konsum, mehr Solidarität? Ich weiß es noch nicht. Doch die Straßen sind lebendiger. Das mediterrane Lebensgefühl in Neukölln, das man sonst nur aus dem Urlaub kennt, ist wieder zurück. Doch für wen ist es zurück? Für die Menschen, die Sozialleistungen beziehen? Für Alleinerziehende? Für Geflüchtete? Für Eric, der für einen Entsorgungsunternehmen arbeitet?

„Mein erster Impuls ist es, ihm zu sagen, wie wichtig jede Stimme ist und dass er wählen sollte – gerade in dieser Zeit.“

„Ich war noch nie wählen“, erklärt er mir, als ich meine Kleingewerbetour durch Neukölln mache. Mein erster Impuls ist es, ihm zu sagen, wie wichtig jede Stimme ist und dass er wählen sollte – gerade in dieser Zeit. Doch ich will auf meiner kleinen Tour durch Neukölln nicht belehren, ich will zuhören und ins Gespräch kommen. „Welche Themen interessieren Dich?“, frage ich. Er nennt drei Dinge: bezahlbares Wohnen, gute Bezahlung und Hilfe für Obdachlose.

Wir sprechen offen über die Themen und wie man sich für sie starkmachen kann. Wir sprechen über den Mindestlohn, über den Mietendeckel im Bundesrecht, über das Housing-First-Konzept in der Obdachlosenhilfe. Ich werte seine Aussagen nicht – auch nicht, als er von „Asylanten“ spricht. Ich sage ihm nicht, dass dieser Begriff gerade nicht geht, weil er respektlos ist. Ich will dieses Gespräch nicht unterbrechen. Ich will ihn hören.


Ich erkläre ihm, dass das nicht stimmt, nenne ihm Zahlen und beschreibe ihm das Asylbewerberleistungsgesetz.“

Seine Haltung zu Geflüchteten ist klar: Wer vor Krieg und Gewalt flieht, ist willkommen. Doch es gebe viele, die mehr bekämen als Hartz-IV-Bezieher:innen. Ich erkläre ihm, dass das nicht stimmt, nenne ihm Zahlen und beschreibe ihm das Asylbewerberleistungsgesetz. Er nickt und wechselt das Thema zur Rüstungsindustrie und beschreibt einen Zusammenhang zwischen Waffenlieferungen in Krisengebieten und die Anzahl der Menschen, die fliehen müssen. „Du solltest Politik machen“, rufe ich Eric zu und er lacht.

Am Ende gebe ich ihm meinen Flyer, damit wir weiter in Kontakt bleiben. Dann sagt er zum Abschied: „Diesmal gehe ich wählen“. Das genügt mir aber noch nicht. Ich nehme ihm noch das Versprechen ab, dass er mal zur Obdachlosenhilfe mitkommt. „Ja, natürlich“, sagt er. Matthias wird sich freuen und vielleicht hat Corona doch etwas gebracht, denke ich mir und bereite meine nächste Tour vor.

Meinung
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