Lernen, Schule, Bildung, Schreiben, Stift
Lernen (Symbolfoto) © picjumbo_com @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Slowakei

Wie „Omamas“ Roma-Kindern den Start ins Leben erleichtern

Die Slowakei hofft auf viele Millionen von der EU aus dem Wiederaufbau-Fonds. Der soll vor allem Bildungsprojekte fördern. Darauf wollte die Organisation „Cesta Von“ mit ihren „Omamas“ nicht warten. Sie fördert Kinder in den Armutssiedlungen.

Von Dienstag, 13.04.2021, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 11.04.2021, 12:36 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Das Video ist in einer slowakischen Roma-Siedlung gedreht, im Volksmund werden sie Ghetto genannt. Holzbaracken stehen entlang unbefestigter Wege, häufig gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Immer wieder laufen Kinder durchs Bild, die in schmutzige Pfützen hüpfen. Im Film sagt Alexandra Ginova, selbst eine Roma: „Roma-Kinder wachsen in schwierigen Verhältnissen auf, und wenn sie nicht von Anfang an Anregungen bekommen, sind sie später im Rückstand.“

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Ginova ist eine sogenannte „Omama“ der Hilfsorganisation Cesta Von (frei übersetzt: Ausweg). Im Video sieht man, wie sie Babys massiert und einfache Bewegungsspiele mit Kleinkindern spielt. „Der Sinn unseres Projektes ist es, von der Geburt bis zum Alter von drei Jahren mit ihnen zu arbeiten“, sagt sie.

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Millionen aus dem Corona-Fond

Seit rund fünf Jahren gibt es dieses spezielle Programm, aber erst jetzt sorgt es in der Slowakei für Schlagzeilen: Die Regierung in Bratislava führt es als Beispiel dafür an, wie das Land die vielen Millionen Euro aus dem Corona-Wiederaufbau-Fonds der EU investieren könnte, die bald ins Land fließen werden – Bildungsprojekte sollen besonders unterstützt werden. Ein flächendeckendes System von Mentoren aufzubauen – so, wie es Cesta Von bislang in elf Roma-Siedlungen gemacht hat -, wird darin als eine Idee genannt, wie Bildungsreformen angestoßen werden können.

Tatsächlich geht das Projekt die Wurzeln vieler Probleme an. „Wir versuchen, die Feinmotorik und die Grobmotorik der Kinder zu stärken und die kognitive sowie emotionale Entwicklung zu fördern“, erläutert Ginova. Denn viele Roma-Eltern in den ausgegrenzten Siedlungen seien völlig hilflos in Sachen Erziehung.

Aufgerieben von täglichen Sorgen

Das kommt auch daher, dass sie selbst unter solchen Umständen aufgewachsen seien, erläutert Initiator Pavel Hrica, der Gründer von Cesta Von. Und vor allem: Weil sie aufgerieben sind von den täglichen Sorgen um etwas zu Essen und ein wenig Holz zum Heizen, bleibe einfach keine Zeit für die Kinder: „Sie kommen in die Schule und sehen dort oft zum ersten Mal ein Buch. Sie wissen nicht, wie man einen Stift hält, es fehlen ihnen solche grundlegenden Dinge wie der Wortschatz; sie wissen nicht, was ein Dreieck oder ein Viereck ist, sie kennen die Farben nicht, sie können nicht zählen.“

Hinter dem Omama-Projekt, erzählt Pavel Hrica, stecke die Erkenntnis, dass man im frühesten Alter ansetzen müsse: „Alle Probleme, die diese Leute später im Leben haben, rühren von der Basis her. Wenn die Fundamente nicht fest sind, wird das Leben später umso schwieriger.“

Roma-Kinder fallen durchs Raster

Die Organisation bildet die Omamas aus, die dann in einer Art Patenschaft mehrere Familien mit kleinen Kindern betreuen. Sie arbeiten sowohl mit den Neugeborenen als auch mit den Müttern, denen sie beispielsweise Tipps für gemeinsame Spiele, Bewegungsförderung oder Kleinkindermassagen geben.

Das Hauptproblem der slowakischen Bildungspolitik ist, dass die Kinder aus der Roma-Minderheit, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung stellt, bei den klassischen Bildungsangeboten oft durchs Raster fallen. Über Jahrzehnte versprechen Politiker aller Couleur immer wieder, das zu ändern, aber es hat sich so gut wie nichts getan – allen Fördergeldern aus der Europäischen Union zum Trotz.

Brauchen langfristige Lösungen

Deshalb forderte Miroslava Hapalova, die Direktorin des staatlichen pädagogischen Instituts aus Bratislava, in einer Diskussionsrunde über Bildungsimpulse: „Wir brauchen eine Konzentration auf die vorschulische Bildung. Wir wissen, dass wir hier Defizite haben. In der Slowakei sind viel weniger Kinder in die vorschulische Bildung einbezogen als in anderen europäischen Ländern, und nochmals niedriger ist diese Zahl bei den Kindern aus benachteiligten Gruppen.“ Hier sei es nötig, neue Kapazitäten aufzubauen. Auch die niedrigen Gehälter von Lehrern werden immer wieder genannt, wenn es in der Slowakei um überfällige Bildungsreformen geht.

Ob ein Projekt wie die Omamas vom Geldsegen von der EU profitieren kann? Pavel Hrica ist skeptisch. Natürlich freue ihn die Aufmerksamkeit für seine Initiative, aber selbst wenn Geld aus dem Wiederaufbau-Fonds tatsächlich in seine Organisation fließen würde, könne es nur bedingt helfen. „Dabei handelt es sich um eine einmalige Finanzierung. Wenn wir die Lage dauerhaft verbessern wollen, brauchen wir eine langfristige Lösung.“ (epd/mig)

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