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Nebenan

Genderwahnsinn

Korruption in der Union? Nicht mit Law-and-Order-Mann Wolfang Schäuble! Springen wir daher zu einem anderen Thema: Frauenrechte - immer "die Araber" im Hinterkopf.

Von Dienstag, 23.03.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 22.03.2021, 10:44 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Vor zwei Wochen hatte ich an dieser Stelle geschrieben, dass ich eigentlich die Korruption in der Union kommentieren wollte, aufgrund dessen, dass sich ständig neue Hinweise ergeben hatten, wollte ich diese aber noch abwarten. Zwei historische Wahlniederlagen, Tiefpunkte in bundesweiten Wählerbefragungen mit (teils deutlich) unter 30 Prozent und mindestens 5 (mehr oder minder konsequente) Rücktritte zeichnet sich ein Ende allerdings noch immer nicht ab.

Immerhin hat sich mittlerweile auch Wolfgang Schäuble in die Debatte eingeschaltet und die korrupten Abgeordneten kritisiert. Gut so: Schäuble, das ist eben noch so ein aufrechter Konservativer. Wenn der, sagen wir, mit 100.000 DM erwischt würde, der wüsste nicht einmal, von wem er das Geld wofür erhalten hat. Und wenn er gar nicht weiß, woher er das Geld wofür erhalten hat, dann kann es ja schlecht Bestechung sein – und ein aufrechter, anständiger Typ wie der Schäuble, ein Law-and-Order-Mann, der würde Polizei, Parlament und Untersuchungsausschuss ja auch nicht einfach anlügen.

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„Reden wir über Frauenrechte. Schon, weil wir selbst in den dunkelsten Momenten immer noch auf ‚die Araber‘ zeigen können und uns gleich besser fühlen in dem Wissen, dass wir zwar sexistische Schweine sein mögen, aber relativ zu ‚denen‘ irgendwie immer noch ‚die Guten‘.“

Springen wir daher zu einem Thema, dem die Union weniger wohlwollend gegenübersteht als Bestechungsangeboten. Reden wir über Frauenrechte. Schon, weil wir selbst in den dunkelsten Momenten immer noch auf „die Araber“ zeigen können und uns gleich besser fühlen in dem Wissen, dass wir zwar sexistische Schweine sein mögen, aber relativ zu „denen“ irgendwie immer noch „die Guten“. Und so prügelt es sich die eigene Frau dann doch gleich viel leichter.

Anlass ist ein Urteil aus Frankreich, über das einige Medien in Deutschland berichtet haben, das aber in rechten Kreisen wohl viral gegangen wäre, wenn es so in der Türkei gefällt worden wäre. Ein Gericht dort hat nämlich festgestellt, dass der Fakt, von ihrem Ehemann verprügelt zu werden, keinen Grund dafür darstellt, dass eine Frau diesem den Geschlechtsverkehr vorenthalten darf, und das daher nur sie die Schuld an deren Scheidung trägt. Nur zur Erinnerung, auch wenn das überhaupt nicht der Punkt ist: Während die Türkei gerade im Begriff ist, die die sogenannte Istanbul-Konvention zu verlassen, hat Frankreich – ebenso wie Deutschland – diese ratifiziert und damit zugesagt, die Gleichstellung der Geschlechter voranzutreiben und Gewalt, insbesondere häusliche, sexuelle Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen.

Frauen, die von ihrem Ehemann geschlagen werden, müssen sich von diesem also gegen deren Willen beschlafen lassen – und nicht nur dann. Vergewaltigung in der Ehe und die Herrschaft eines Mannes über den Körper seiner Frau ist wohl nie so unmissverständlich legitimiert worden – auch wenn der deutsche Abtreibungsparagraf den Frauen deren Autonomie über den eigenen Körper natürlich ebenso konkret abspricht.

Und trotzdem reden wir in der öffentlichen Debatte gerade ernsthaft darüber, ob es nicht übertrieben ist, zu gendern, weil es doch ein bisschen viel von den Männern verlangt ist, Frauen nicht nur mitzumeinen, sondern auch mitzunennen. Dazu wird auch gern angemerkt, das Binnen-* beziehe sich ja explizit auf diverse – von denen es allenfalls ein paar Zehntausend gebe – die könne man also guten Gewissens ignorieren.

„In der Schweiz wurde übrigens, nur so nebenbei, gerade ein Gesetz erlassen, das nicht einmal vier Dutzend Frauen betrifft und das diesen das Recht auf deren Form von Bekleidung verbietet – weil wir ihnen eine Motivation unterstellen, nach der sie niemand je gefragt hätte.“

In der Schweiz wurde übrigens, nur so nebenbei, gerade ein Gesetz erlassen, das nicht einmal vier Dutzend Frauen betrifft und das diesen das Recht auf deren Form von Bekleidung verbietet – weil wir ihnen eine Motivation unterstellen, nach der sie niemand je gefragt hätte. Ansonsten reden wir allenfalls noch darüber, ob es nicht ein bisschen viel verlangt ist, die Frauenquote in Vorständen über null Prozent zu erhöhen, weil Frauen doch eigentlich längst alles erreicht haben. Und wenn sie es damit trotzdem nicht in den Vorstand schaffen, dann jawohl nur, weil sie zu faul oder zu dumm sind (oder natürlich beides).

Selbstverständlich hören wir derweil auch wieder Geschichten darüber, wie der Intendant der Berliner Volksbühne mit Frauen umgeht, ebenso über Julian Reichelt? Wer sucht, kann übrigens auch eine Geschichte darüber finden, dass ein Fußballtrainer für unangemessenes Verhalten damit bestraft wird, nun zeitweise Frauenfußball trainieren zu müssen. Gleichberechtigung pur.

Aber sicher, wenn Petra Gerster in der „heute“ gendert, dann ist eine Grenze überschritten.

Meinung
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