Rassismus, Demo, Transparent, Ausländerfeindlichkeit
Das Problem heißt Rassismus (Archivfoto) © strassenstriche.net @ flickr.com (CC 2.0)

Rassismus

„Sagt halt: Die mit den schwarzen Haaren!“

Menschen nicht-weißer Hautfarbe erleben im Alltag nach wie vor oft Rassismus - und mitunter ist das jenen, die dafür verantwortlich sind, gar nicht bewusst.

Von Freitag, 19.03.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 18.03.2021, 15:08 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Menschen nach Hautfarben zu „sortieren“, das liegt Clara völlig fern. Soeben sitzt sie mit Parathyn, einer Freundin, deren Eltern aus Sri Lanka stammen, in Würzburg am Main und isst Pizza. Nein, sagt Clara, sie habe sich nie etwas dabei gedacht, dass Parathyn eine dunkle Hautfarbe hat. Für andere, entgegnet Parathyn, sei das aber durchaus ein Problem. Und sie beginnt, von ihren Erlebnissen zu erzählen.

Was sie berichtet, das zeugt von wenig Einfühlsamkeit ihrer Mitmenschen und teilweise von erschütterndem Rassismus. Das Sprechen darüber fällt der 27-Jährigen schwer. Parathyn erzählt, dass neulich in Nürnberg Passanten beim Vorbeigehen hinter ihr Affengeräusche nachgeahmt hätten. Ein Schlag weit unter die Gürtellinie. Parathyn sagte zwar nichts, ging einfach weiter. Doch es brodelte in ihr. Zum Glück komme so etwas nicht allzu häufig vor, sagt sie. Verletzend seien solche Vorfälle trotzdem sehr.

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Als Schülerin in ihrer Geburtsstadt Heilbronn stieß Parathyn während eines Praktikums im Altenheim auf großes Erstaunen seitens der Senioren. Mehrmals wurde sie auf ihre dunkle Haut angesprochen: „Ich konnte das gar nicht richtig interpretieren, empfand dieses Verhalten aber als übergriffig.“ Parathyn mag sich nicht damit abfinden, dass die Hautfarbe nicht-weißer Menschen noch immer so oft Thema bei Begegnungen ist, sagt sie mit Blick auf den internationalen Tags gegen Rassismus am 21. März.

„Frag den nicht, der versteht nix!“

Die junge Frau lehnt es normalerweise ab, über das Thema zu sprechen: „Ich will nicht auf meine Hautfarbe reduziert werden.“ Sie bezeichnet sich deshalb ausdrücklich nicht als „Farbige“. Nicht als „Schwarze“. Auch nicht als Angehörige der „People of Color“. „Wenn man mich unbedingt charakterisieren will, kann man von mir aus sagen, dass ich schwarze Haare habe“, sagt sie.

Können sich Menschen, die rassistisch reden oder handeln, nicht in jene hineinversetzen, die sie damit verletzten und beleidigen? Das fragt sich Ismael oft. Ismael stammt aus Marokko und lebt seit 2017 in Würzburg. Um sein Studium der Sozialen Arbeit zu finanzieren, jobbte Ismael in der Gastronomie. Dabei erfuhr er mehrmals Abwertungen wegen seiner Hautfarbe. Einmal habe ihn eine Kellnerin etwas gefragt: „Der Koch meinte: ‚Frag den nicht, der versteht nix!‘.“ Ismael sagte, er könne sehr wohl Deutsch. Da sei der Koch ausfällig geworden und habe ihn wegen seiner Hautfarbe beschimpft: „Da sind mir die Tränen gekommen.“

Wurzeln des Rassismus

Auch Ismael sieht sich nicht als Teil der „People of Color“. Eigentlich, gibt er zu, habe er sich noch gar keine Gedanken gemacht, wie er sich definieren könnte. „Schwarz“ passt nicht. „Farbig“ findet Ismael auch komisch. Ismael sieht sich als Mensch wie alle anderen. Im Übrigen hält er, auch wenn er schmerzhafte Erfahrungen gemacht hat, die Mehrheit der Deutschen nicht für rassistisch: „Ich denke, dass gerade unter den Jungen immer mehr multikulturell denken.“ So wie Clara.

Für junge Menschen sind interkulturelle Begegnungen etwas Normaleres als für die ältere Generation. Insgesamt aber bleibt es auch für Junge schwierig, sich von rassistischem Denken völlig frei zu machen, sagt Julien Bobineau, Romanist an der Uni Würzburg, der sich intensiv mit den Wurzeln des Rassismus beschäftigt. „Die liegen in der Kolonial- und Sklavereigeschichte“, erläutert er und plädiert dafür, auch in diesem Feld Erinnerungsarbeit zu leisten.

Präventionsprojekt gegen Rassismus für die Polizei

Vor drei Jahren startete er zusammen mit dem Polizeiseelsorger Matthias Zöller ein Präventionsprojekt gegen Rassismus am Würzburger Standort der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Dabei begegnen Polizeischüler Menschen, die aus Afrika geflohen sind. „Dadurch bekommen Schicksale plötzlich Namen und Gesichter“, sagt Zöller.

Auf die Frage, ob dies nachhaltig etwas bewirkt, äußert der Theologe ein klares Ja. Nach seiner Beobachtung werde „etwas sehr tief“ in den jungen Polizisten bewegt, wenn sie mit Menschen aus Afrika sprechen. Letztlich sei es gar nicht so einfach, allgemeinverständlich zu erklären, wo genau Rassismus anfängt. Und warum all das, was hierzulande jahrzehntelang normal war, „plötzlich“ als rassistisch angeprangert wird. Hier sei noch viel Bildungsarbeit notwendig. (epd/mig)

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