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Museum (Archiv) © Scott Webb on Unsplash

Rembrandts Orient

Der Mann mit dem Turban

Im 17. Jahrhundert boomte nicht nur der Handel mit dem Nahen und Fernen Osten, die Faszination für das "Orientalische" fand auch Niederschlag in der Kunst. Erstmals beleuchtet das Museum Barberini, welchen Stellenwert der Orient für Rembrandt besaß.

Von Donnerstag, 18.03.2021, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 23.03.2021, 9:14 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Ein junger Adliger präsentiert sich stolz mit Hund und Diener. Er hat einen roten Turban mit Feder auf dem Kopf und einen kostbaren seidenen Kaftan, an der Seite steckt ein Säbel. Auch sein Diener trägt Turban und ein langes exotisches Gewand. Sich im orientalischen Kostüm porträtieren zu lassen, galt im 17. Jahrhundert in der niederländischen Gesellschaft als Symbol für Weltläufigkeit, als Ausdruck von Rang und Vermögen. „Rembrandts Orient. Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts“ heißt die Schau im Potsdamer Museum Barberini, mit der das Privatmuseum nach langer Schließung nun wiedereröffnet.

1660, als das Bild des jungen Adligen mit Hund und Diener vom Maler Dirck van Loonen geschaffen wurde, befindet sich diese Facette der Malerei bereits auf ihrem Höhepunkt. Ihren Ausgangspunkt nimmt sie 30 Jahre früher, angestoßen durch den Barockkünstler Rembrandt von Rijn (1606-1669). Durch die 1602 gegründete Ostindien-Kompanie blüht der Handel in den Niederlanden, kommen Gewürze, kostbare Stoffe in leuchtenden Farben, Teppiche und exotische Kleidung ins Land. Nicht nur der junge Rembrandt ist davon fasziniert. „Rembrandts Orient zeigt die Globalisierung in ihren Anfängen“, erläutert Ortrud Westheider, die Direktorin des Barberini.

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Das Fremde in Wohnstuben

Die Potsdamer Schau präsentiert 57 Gemälde auf 1.000 Quadratmetern, darunter zehn Gemälde von Rembrandt selbst, einschließlich der unter Werkstattbeteiligung entstandenen Arbeiten und denen seiner Schule, vier Zeichnungen und 19 Kupferstiche des Barockmeisters. Letztere kommen aus dem Kunstmuseum Basel, dem Kooperationspartner des Barberini. Dort hatte die Ausstellung, die eigentlich schon im Sommer 2020 in Potsdam eröffnen sollte, pandemiebedingt ihre erste Station.

Info: Die Ausstellung „Rembrandts Orient – Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts“ im Museum Barberini wird am 13. März eröffnet und ist bis 27. Juni täglich außer dienstags von 10 bis 19 Uhr zu sehen. Tickets für die Ausstellung sind ausschließlich online und nur drei Tage im Voraus buchbar.

Die Schau zeigt, wie das Fremde Eingang findet in die Wohnstuben wie in die Kunst der Niederlande im 17. Jahrhundert. Porträts und Stillleben und insbesondere die Darstellungen biblischer Themen bedienen sich exotischer Settings und Objekte. Die Bilder sind Ausdruck der Neugier auf das Fremde, das die Wenigsten aus eigener Anschauung kannten. Zugleich entwerfen sie eine Gegenwelt zur Nüchternheit der calvinistischen Niederlande. Für die genaue Darstellung von Accessoires schöpfte Rembrandt aus seiner eigens angelegten Kunstkammer und aus originalen Vorlagen indischer Miniaturen, die er kopierte.

Turbantragende Männer

Als Tronies werden seine Porträtstudien bezeichnet, die Ateliermodelle in prächtigen Gewändern und funkelndem Schmuck in Szene setzen – so bei Rembrandts „Büste eines alten Mannes mit Turban“ von 1629, bei dem ein seitlich einfallender Sonnenstrahl die Goldfäden aufleuchten lässt, mit denen der Stoff des Kopfschmucks durchwirkt ist. Auch sich selbst inszeniert der Maler als „Orientalen“ in einer Radierung von 1634 in exotischem Herrscherkostüm und mit Prunkdolch.

Die Idee, biblische Szenen in orientalisch anmutende Landschaften zu übertragen hatte Rembrandt von seinem Lehrer Pieter Lastman übernommen. Das Motiv der turbantragenden Männer in kostbaren Gewändern entsprach der Vorstellung, die man sich von den Menschen im Heiligen Land machte. In den nebeneinander gehängten Werken von Lehrer und Schüler lässt sich erkennen, wie der Jüngere die Themen übernimmt und neu ausgestaltet. Ein Schlüsselbild dazu ist Rembrandts „Simson, an der Hochzeitstafel“ von 1638, das schon Zeitgenossen für seine vermeintlich authentische Bibeldarstellung lobten.

Stereotypen und Klischees

Doch die Authentizität bleibt Fiktion – nicht nur bei Rembrandt sondern auch anderen Malern, wie Kurator Michael Philipp betont. „Das Bild des Orients war eine Zusammenstellung von Stereotypen und Klischees“. Und wenn Caesar von Everdingen 1674 einen Flottenkommandeur der Ostindien-Kompanie im Porträt stolz mit Seidenanzug und schwarzen Pagen inszeniert, die einen Sonnenschirm über ihren Herrn halten, dann macht das deutlich, dass die Begegnung mit dem Orient keinesfalls auf Augenhöhe stattfand.

Rembrandt hat wie die meisten seiner Malerkollegen, die Niederlande nie verlassen. Wie die Welt des Orients tatsächlich aussah, darüber informierten länderkundliche Beschreibungen, die jedoch kein Garant für reale Darstellungen waren sondern eher Ausdruck eines Eurozentrismus. Man suchte das Eigene in der Fremde. (epd/mig)

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